Sonntag, 29. März 2020

Die Jagd

Endlich glücklich, denkt Unai, als er mit seiner Frau Alba und dem Rest der Familie zu einer Buchvorstellung geht. Ein historischer Roman soll näher vorgestellt werden, den Unai förmlich verschlungen hat. Bevor sich der Vorhang hebt, wird Inspector Unai von der Veranstaltung gerufen. Ganz in der Nähe wurde ein Toter gefunden, der auf ungewöhnliche Art und Weise umgebracht wurde. Ein weiterer Fall beschäftigt die Unai und seine Kollegin Esti. Zwei junge Mädchen sind schon seit ein paar Tagen spurlos verschwunden und nichts deutet darauf hin, dass sie abgehauen sind. Nach und nach deuten sich immer mehr Parallelen zu dem geheimnisvollen Roman an.

Im letzten Teil der Trilogie der weißen Stadt ist Inspector Unai Ayala wieder vollständig genesen und glücklich mit Frau und Kind. Die rätselhaften Todesfälle, die Ähnlichkeiten mit der Handlung aus einem historischen Roman aufweisen,  erfordern Ayalas ganzes Können. Seine Kollegin Esti trägt mit ihrem Spürsinn zur Bearbeitung des Falles bei. Unais Frau, die gleichzeitig seine Chefin ist, zieht sich von der laufenden Ermittlung zurück. Sie braucht Zeit zum Nachdenken und hält sich dazu am Wohnort ihrer Mutter auf. Auch für Unai hat die Familie immer mehr an Bedeutung gewonnen, dennoch investiert er seine ganze Kraft in den Fall. Unbedingt will er hinter das Geheimnis des Romanautors kommen und herausfinden, wer einen Grund hatte mehrere Menschen umzubringen.

Wenn man die vorherigen beiden Bände als Hörbuch genossen hat, so sieht man hier die Vorzüge einer Printausgabe, welche mit Hilfe eines Glossar und einer Auflistung der handelnden Personen so einige Fragen beantwortet, die sich nach einem Hörbuch-Download stellen. Darüberhinaus bietet eine spannende Lektüre gerade in Krisenzeiten eine willkommene Ablenkung. Man versenkt sich in die spannende Handlung eines Kriminalromans. Und dann noch ein Buch im Buch, ein historischer Roman eine Familiengeschichte, eine Familienfehde, die gleichzeitig den Beginn einer Ahnenreihe markiert. Doch wieso kann so ein Roman die Grundlage für Mordfälle in der heutigen Zeit sein. Hat man etwa mit dem Autor auch den Mörder gefunden. Auch, wenn einige wenige Passagen möglicherweise etwas zu ausführlich geraten, beschäftigt dieser Roman den Geist im positivsten Sinne und gibt einen überaus interessanten Einblick über den Familienzusammenhalt einer alten spanischen Familie.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Herren der Zeit von Eva García Sáenz
ISBN: 978-3-651-02585-1



Freitag, 27. März 2020

Capri-Mord

Ein junger Mann wird tot am Strand gefunden, er ist mit mehreren Stichen ermordet worden. Das gab es auf Capri noch nicht, ein Mord in der besten Saison. Für den Polizisten Enrico Rizzi ist es der erste Mordfall. Zunächst ist es notwendig, die Identität des Opfers zu klären. Er und seine Freundin wurden mehrfach gesehen, sie wirkten eher wie Hippies. Sie mit ihren langen Röcken und er mit der Gitarre. Die junge Frau wurde seit der Tat nicht mehr gesehen. Wurde sie auch umgebracht? Rizzi und seine Kollegen versuchen alles, damit die Tat schnellstens aufgeklärt wird.

Enrico ist glücklich mit seiner Freundin Gina, doch soll er den nächsten Schritt wagen? Ein unbeschriebenes Blatt ist er nicht. Polizist ist er aber gerne und in seinem Beruf möchte er weiterkommen. Wenn die Arbeit doch einmal zu fordernd wird, hilft er seinem Vater gerne auf dem Hof. Es könnte ihm kaum besser gehen, schließlich lebt er dort, wo andere Urlaub machen. Dieser Mord stört die Idylle allerdings. Schnellstens soll alles aufgeklärt werden, damit die Touristen nicht verstört werden und wohlmöglich der Insel fernbleiben. Ganz leicht wird es nicht für Rizzi, ein ums andere Mal sind es nur falsche Spuren, die gefunden werden.

Mit diesem Capri-Krimi hat Enrico Rizzi seinen ersten Auftritt. Der sympathische Polizist ist umtriebig und gewitzt. Wie es im öffentlichen Dienst schon mal sein kann, gerät er hin und wieder mit seinen Vorgesetzten aneinander. Besonders, wenn sie garnicht auf ihn hören wollen oder nicht auf seine Intuition vertrauen. Fühlt es sich richtig an, kann Rizzi einfach nicht anders, er muss der Fährte folgen. In diesem Fall kommt er dabei vom Offensichtlichen übers Überraschende zum nicht ganz so Offensichtlichen. Auch wenn sich bei diesem ersten Fall nicht immer alles ganz stimmig wird, so kommt lässt die Beschreibung des Insellebens Urlaubsstimmung aufkommen und der durchaus spannende Fall und sein freundlicher und gewiefter Ermittler bieten einen schönen Ausblick auf weitere knifflige Rätsel.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Mitten im August von Luca Ventura
ISBN: 978-3-257-30076-5


Donnerstag, 26. März 2020

Die Begleiterin

In der Liebe schwer enttäuscht fährt Elsa zu ihrer alten Freundin Pauline. Ein paar Mal hat Elsa die Ferien bei Pauline verbracht und danach standen sie in lockerem Briefkontakt. Obwohl sie sich nicht so häufig sahen, findet Elsa bei Pauline Trost. Einmal muss sich die junge Frau alles von der Seele reden. Doch je länger sich die beiden unterhalten, desto mehr Erinnerungen kommen bei Pauline auf, an ihrem Max und das ungewöhnliche Leben, dass ihnen vergönnt war. Max war es, der Pauline ermöglichte im Alter von 17 Jahren nach New York zu reisen. Dies ist im Jahr 1899 mehr als außergewöhnlich.

Zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Frauen, die eine jung, die andere alt, gewähren einen Einblick in ihr Leben. Wobei die junge Elsa der verlorenen Liebe nachtrauert, ihr aber klar ist, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat. Die ältere Pauline wird durch Elsa Erzählungen angeregt, über ihre langjährige ungewöhnliche Beziehung zu Max zu sprechen. Sie war seine Lebensbegleiterin, seine Begleiterin auf Reisen der Erbauung und der Erforschung. Kleine Stichworte lösen Erzählungen aus über ein besonderes Leben, das eine Erlebnisfülle hat, die ihresgleichen sucht. Da wurde der große Altersunterschied zwischen Max und Pauline bald zur Nebensache.

Dieses Buch nimmt einen mit auf eine bezaubernde Lebensreise, während der Altersunterschiede unwichtig werden. So wie zwischen Max und Pauline ein großer Altersunterschied besteht, besteht dieser auch zwischen Pauline und Elsa. Nun ist Pauline die Ältere, die von ihren reichen Erinnerungen erzählt. Erstaunlich sind ihre Erzählungen, in diesen Jahren allein in New York und dann als Begleiterin von Max eine Weltreisende. Man wäre gerne dabei gewesen. Natürlich ist nicht immer alles leicht, aber Paulines starker Charakter, ihre Lebensfreude wirken ansteckend. Ein paar melancholische Momente gehören wie im richtigen Leben auch dazu, doch löst der Schriftsteller mit seinem Roman eine positive Stimmung aus. Ein Bild starker Frauen, das fasziniert. 

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der zerrissene Brief von Hanns Zischler
ISBN: 978-3-462-32146-3


Dienstag, 24. März 2020

Polizeianwärter

Nach dem Abitur möchte Thomas Engel zur Polizei. Sein Vater würde ihn lieber als Lehrer oder Buchhalter sehen. Doch Kurt Strobel, der kurz vor einer Beförderung steht, kann den Vater überzeugen, dass der Dienst bei der Kriminalpolizei ein guter Weg für Thomas Engel sein kann. Nach Absolvierung der Polizeiakademie tritt Engel jr. seinen Dienst bei der Kriminalpolizei in Düsseldorf an. Sein Chef ist erstmal Strobel. Die Einarbeitung bringt für Thomas Engel einige Überraschungen. In Düsseldorf herrscht teilweise ein rauerer Ton als er erwartet hat. Als jedoch ein kleines Mädchen tot auf gefunden wird, hat Thomas seinen ersten Mord.

Es war eine andere Zeit mitte der 1960er, Die erste Nachkriegsgeneration, zu der auch Thomas Engel gehört, drängt ins Berufsleben. Doch sind noch viele derer beschäftigt, die im Krieg waren und von dort nicht nur schlimme Erinnerungen mitgebracht haben, sondern auch solche, die nie das Licht der Öffentlichkeit  erblicken sollen. Für den Polizeineuling Thomas Engel ist es eine Situation, die ihn zum Nachdenken bringt. Über den Krieg ist in seiner Schulzeit nicht viel zur Sprache gekommen. Da er in seinem ersten Fall Hinweise auf die Vergangenheit findet, beginnt er zusätzlich Nachforschungen über die Nazi-Zeit anzustellen.

In den 1960ern versuchte man noch, die Nazi-Zeit möglichst schnell zu vergessen. Wahrscheinlich haben doch etliche Schuld auf sich geladen und anstatt sich dem zu stellen, die Vergangenheit lieber verdrängt. Doch die erste Nachkriegsgeneration wächst heran und beginnt, Fragen zu stellen. Der Jungkommissar Thomas Engel ist genau so ein Vertreter der jungen Generation, der sein kleinbürgerlich spießiges Elternhaus verlässt, um in Düsseldorf seine Stelle anzutreten. Er rührt den behäbigen Apparat ganz schön auf. Auch als Leser steht man recht konsterniert vor der Erkenntnis, dass die alten Seilschaften sich zu großen Teilen in die neue Welt gerettet haben. Man kann gut in die Haut von Thomas Engel schlüpfen und sein Entsetzen nachempfinden. Das, was er herausfindet, lässt einen fassungslos den Kopf schütteln. Auch wenn in seinem ersten Fall vielleicht etwas zu viel über Thomas Engel hereinbricht, so hat der Autor ein ausgesprochen wichtiges und fesselndes Thema aufgegriffen. Die Frage nach dem warum? Und wieso sich so wenige gefunden haben, um das Unheil zu verhindern. Eine Antwort findet auch der Autor nicht, aber zum Nachdenken und Nichtvergessen regt er definitiv an und das ist wichtig und richtig.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

1965 von Thomas Christos
ISBN: 978-3-7645-0719-0


Sonntag, 22. März 2020

Rivers End

Die unbegreifliche Tat geschah vor einem Jahr. Ein Pastor erschoss fünft Menschen und kam dann selbst um. Nun kommt der traumatisierte Journalist Martin Scarsden in den abgelegenen Ort Rivers End. Sein Chefredakteur hat ihn beauftragt, herauszufinden, wie es in der kleinen Ansiedlung ein Jahr nach dem Geschehen aussieht. Es ist nicht zu übersehen, in Rivers End ist nicht viel los. Ob sich das erst nach der Tat ergeben hat oder sich der Ort schon vorher im Niedergang befand, ist auf den ersten Blick nicht zu sagen. Martin kommt nur langsam mit den Einheimischen in Kontakt. In Anbetracht der Ereignisse ist es wohl nicht erstaunlich, dass die Menschen misstrauisch sind.

Dieser scheinbar einfache Auftrag soll eigentlich dazu dienen, dass Martin sich von einem beruflichen Aufenthalt in einem Krisengebiet erhalt. Bald findet Martin allerdings einige Ungereimtheiten und auch die hilfreiche und offene Aussage des örtlichen Polizeibeamten deutet darauf hin, dass in dieser Sache noch nicht alles bekannt ist. Und der Kaffee in Mandys Buchladen kann Leben retten. Erstaunt ist Martin auch, als er nach ersten Gesprächen feststellt, dass der Täter im Dorf offensichtlich sehr beliebt war. Sogar nach seiner grausamen Tat, reden die Leute nicht schlecht von ihm.

Hitze, Dürre und ein geheimnisvoll Mehrfachmord. Was kann einen Pastor dazu bringen, eine solche Tat zu begehen. Ein Journalist, der seine eigenen Dämonen besänftigen will, soll das Geheimnis aufklären. Das Unbegreifliche begreifen, den Hinterrund ergründen. Unerwartete und unerwartbare Entdeckungen wechseln sich mit den Gedanken des Journalisten Martin Scarsden ab, die noch immer um seine Erlebnisse im Auslandseinsatz kreisen. Begegnungen zwischen unterschiedlichen Personen einerseits und Beschreibungen von Landschaft, Ort und der Hitze des Sommers andererseits. Fesselnd wie der Autor seinen Journalisten immer neue Rätsel entdecken und lösen lässt. Da wird Misstrauen gesät und Spannung geerntet. Man mag ein wenig bezweifeln, ob jemand tatsächlich so handeln würde wie hier, allerdings kleidet der Autor den Weg zur Auflösung in so viele unterschiedliche Schichten, dass man sich gerne auf die Suche nach der Wahrheit begibt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Outback von Chris Hammer
ISBN: 978-3-651-02572-1


Freitag, 20. März 2020

An der Leine

In den 1920er Jahren verschwinden in Hannover junge Männer. Kommissar Robert Lahnstein kommt aus Bochum nach Hannover, um die Ermittlungen zu übernehmen. Sein Kollege Müller ist nicht sehr erfreut. Er steht politisch auf einem anderen Standpunkt als der Demokrat Lahnstein. Die Untersuchung gestaltet sich schwierig. Immer wieder werden junge Männer von ihren Eltern als vermisst gemeldet. Kommissar Lahnstein ist von seinen Erlebnissen im ersten Weltkrieg gezeichnet. Als Flieger hat er seiner Meinung nach nicht genug Abschüsse erzielt, was ihn dazu verleitet hat, in Erzählungen zu übertreiben. Außerdem werden seine Nächte von den Gedanken an seine Familie beherrscht.

Im groben bekannt dürfte die Geschichte des Serienmörders Fritz Haarmann einem größeren Publikum seit dem Film „Der Totmacher“ sein. Dennoch ist das vorliegende Buch eine interessante Art, sich die Geschichte dieses sehr gestörten Täters in Erinnerung zu rufen. Lahnstein und sein Kollege Müller, der fast wie ein Gegenspieler wirkt, die politische Grundstimmung in den 1920ern, die auch einen Einfluss auf die Ermittlungen hat, das Milieu, in dem die Verbrechen angesiedelt sind. Etliche Spuren, selbst Informationen über die Vermissten scheinen nirgendwo hin zu führen. Und der Leiter der Ermittlungen hat mitunter genug mit seinen eigenen Problemen zu tun. Dennoch berührt ihn das Schicksal der verschwundenen Jungen und er gibt sein Bestes, um den Täter zu finden.

Mit einer gelungenen Mischung aus Fiktion und Fakten vermag der Autor ein authentisches Bild über Leben und Stimmung in den 1920ern zu zeichnen. Logischerweise nutzt er dabei Quellen, die sich aus den originalen Aufzeichnungen speisen. Dennoch schafft es Dirk Kurbjuweit dem Thema einen eigenen Ton zu geben. Sein in Teilen unsicherer Ermittler, der jedoch mit aller Hartnäckigkeit ermittelt. Das politische Gefüge, das ahnen lässt, wie schwer die Welt nach dem ersten Weltkrieg mitgenommen ist. Und auch Lahnsteins Stellung in seiner eigenen Behörde. Man meint eine düstere Bühne zu betreten, in der es kaum eine Lösung des Falles geben kann. Allzu lange gibt es kaum belastbare Hinweise. Mit seiner ganz eigenen Stimmung eröffnet der Roman einen neuen Blickwinkel auf einen bekannten Fall, auf einen Täter, der in seiner Grausamkeit wohl nie verstanden werden kann.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Haarmann von Dirk Kurbjuweit
ISBN: 978-3-328-60084-8


Donnerstag, 19. März 2020

Ladies

Im Jahr 1939 lernt Caroline Ferriday den charmanten Franzosen Paul Rodier kennen. Paul ist ein bekannter Schauspieler, dessen Ehe nur noch auf dem Papier existiert. Die Lage in Europa ist unsicher, Hitler ist gerade in Polen einmarschiert. In Polen erleben Kasia und ihre Freunde den Einmarsch hautnah. Ein Luftangriff der Deutschen fegt über Lublin hinweg, sie müssen mit ansehen, wie Teile ihrer Heimatstadt dem Erdboden gleich gemacht werden und Schüsse aus den Flugzeugen heraus Menschen tödlich treffen. In Düsseldorf träumt Herta von einem Leben als Chirurgin. Zwar darf sie Medizin studieren, doch kann sie als Frau allenfalls auf eine Stelle als Dermatologin hoffen. Wieso ihr schwerkranker Vater zu einem jüdischen Arzt geht, versteht sie nicht.

Drei Frauen - drei sehr unterschiedliche Schicksale. Caroline, die Tochter aus gutem Haus, engagiert sich für wohltätige Zwecke in der französischen Botschaft. Kasia, die junge Polin, ist verliebt. Doch will auch was tun, gegen die Deutschen, die sich immer mehr in das Stadtbild Lublins drängen. Ihre beste Freundin Nadia ist Jüdin und Kasia unterstützt den Widerstand, in der Hoffnung auch Nadia zu helfen. Herta dagegen ist von der Nazidoktrin durchdrungen. Sie hat nur einen Wunsch, sie will Ärztin werden und um dieses Ziel zu erreichen, ist ihr jedes Mittel recht. Als sie von einer Stelle hört, zögert sie nicht lange.

Auch wenn Caroline etwas behütet wirkt und während des Krieges in New York nicht tatsächlichen Kriegshandlungen ausgesetzt ist, entwickelt sie doch großes Mitgefühl und das Bedürfnis zu helfen. Kasia, die in das Frauenlager Ravensbrück deportiert wird, muss schlimmste Foltern erleiden. Es ist ungewiss, ob sie überhaupt mit dem Leben davon kommt. Herta Oberheuser zeichnet nichts aus. Sie ist eine tumbe Nazi-Schergin, die jegliches Gefühl vermissen lässt. Unterschiedlicher können die Frauen kaum sein. Ihre Lebensbeschreibungen lösen etwas aus. Die Grausamkeit der Nazis ist dabei unbegrenzt. Es ist kaum zu fassen, dass Menschen die Menschlichkeit so abhanden kommen kann und sie sich dann nicht einmal schuldig fühlen. Welcher Balsam für die Seele sind dann die anderen. Die liebenswerte, aber auch durchsetzungsstarke Caroline und Kasia, die trotz allem Leid Zeugnis geben kann von dem was ihr widerfahren ist. Ein fesselndes und mitreißendes Buch, das den Ravensbrück Ladies ein würdiges Denkmal setzt.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Am Ende werden wir frei sein von Martha Hall Kelly
ISBN: 978-3-8090-2718-8


Mittwoch, 18. März 2020

The Best is yet to come

Seit Jahren wohnt Andrew  allein in einer kleinen Wohnung in London. Er ist ein Verwaltungsmitarbeiter und sein ehemaliger Chef hat sich um einen neuen Einsatz für ihn bemüht als Andrews Stelle gestrichen wurde. Beim Vorstellungsgespräch war Andrew total nervös und als Cameron nach seiner Familie fragte, ist Andrew eine Erzählung von Frau und zwei Kindern herausgerutscht. Eine Lüge, die sich nicht wieder einfangen ließ. Denn Andrew bekommt die Stelle als Nachlassermittler und alles läuft nicht schlecht, bis Cameron von den Teambildungsmaßnahmen anfängt, bei denen sich die Mitarbeiter näher kennenlernen sollen. Und dann fängt auch noch eine neue Kollegin an.

Auf den ersten Blick wirkt Andrew etwas eigenartig und auch melancholisch. Sein Job ist speziell. Er sucht in den Wohnungen von Menschen, die allein verstorben sind, nach Hinweisen auf mögliche Verwandte oder Erben und auch nach Wertgegenständen oder Geld, um die Beerdigung zu bezahlen. Aus Anstand geht er zu den Bestattungen, bei denen er häufig der einzige Teilnehmer ist. Erst als ihm Peggy zugeteilt wird, beginnt er sich mehr für das Leben der Verstorbenen zu interessieren. Seine alten Kollegen sind allerdings auch ein sehr zusammengewürfeltes Völkchen. 

In diesem Roman scheint es vor skurrilen Typen nur so zu wimmeln, wobei das Hauptaugenmerk natürlich auf Andrew liegt. Er war schon immer ein wenig anders, doch es gibt Ereignisse in seiner Vergangenheit, die einiges erklären. Und so wird der schräge Vogel im Lauf der Lektüre immer sympathischer. Sein sensibler Auftritt in den Wohnungen der Verstorbenen, die er mit Achtung behandelt. Sein inneres Gefühlschaos Peggy gegenüber und wie er tapfer versucht, sich nicht allzu viel anmerken zu lassen. Immer wieder ergeben sich witzige Situation, die mit Humor gelöst werden. Doch häufig ist auch eine melancholische Grundstimmung zu spüren, die sich aus der Einsamkeit der Menschen ergibt, die alleine in ihren Wohnungen sterben und häufig nicht sofort gefunden werden. Dieser Roman geht zu Herzen und lässt eine warmes Gefühl zurück, denn es bleibt immer die Hoffnung, dass das Beste noch kommt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Beste kommt noch von Richard Roper
ISBN: 978-3-6444-0645-2


Montag, 16. März 2020

Truth or Dare

An der Strecke eines südafrikanischen Luxuszuges wird ein Personenschützer tot aufgefunden. Als Bennie Griessel den Fall übertragen bekommt, sind schon ein paar Wochen vergangen. Eigentlich zu viel, um den Fall aufklären zu können. Aber natürlich machen sich Griessel und sein Partner Cupido an die Nachforschungen. Es ist zunächst unklar, ob der Tote Selbstmord begangen hat oder aus dem fahrenden Zug geworfen wurde. Zur gleichen Zeit treffen sich in Frankreich zwei Männer, die sich schon lange kennen, aber die sich schon ewig nicht mehr gesehen haben. Der Besucher will seinen alten Freund und Mitstreiter überreden, einen brisanten Auftrag zu übernehmen.

In seinem sechsten Fall bekommt es Bennie Griessel mit einem rätselhaften Todesfall zu tun. Auch wenn er seine Alkoholkrankheit nie ganz überwinden wird, ist er nun schon eine Weile trocken und auch mit seiner Freundin Alex läuft es gut. Er ist entschlossen, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Nur weiß er noch nicht, wie er das am besten anstellen soll. Im Moment geht die Sache um den toten Personenschützer vor. Dieser hat früher bei der Polizei gearbeitet und seine ehemaligen Kollegen sind nicht sehr eifrig bei der Aufklärung des Sachverhaltes. Was wird hier im Geheimen gehalten?

Der Autor Deon Meyer ist dafür bekannt, dass seine Kriminalromane die aktuelle politische Lage in Südafrika aufgreifen. Danach scheint es als sei mehr als zwanzig Jahre nach Beendigung der Apartheidspolitik nicht so viel gewonnen wie gewünscht. In vielen Bereichen bis in die hohe Politik herrscht ein System der Korruption und Bevorteilung. Auch der Polizeiapparat bleibt nicht verschont. In diesem Umfeld entwickelt der Autor einen spannenden und vielschichtigen Kriminalfall. Mit den wechselnden Schauplätzen in Südafrika und Frankreich wird die Handlung noch bereichert. Durch dieses Wechselspiel begreift man nach und nach immer mehr Zusammenhänge und ist jederzeit gefesselt. Ein besonderer Kriminalroman mit einer ausgewogenen Mischung aus packendem Fall, den privaten Lebensumständen der Ermittler und den politischen Gegebenheiten im heutigen Südafrika.

4,5 Sterne

Beute von Deon Meyer
ISBN: 978-3-352-00941-9


Samstag, 14. März 2020

Unter falscher Flagge

Wird tatsächlich der Linksterrorismus reaktiviert? Diese Frage stellt sich die Referatsleiterin für Linksextremismus beim Inlandsgeheimdienst Düsseldorf. Melia Khalid hat Kenntnis von einem Traktat erhalten, mit dem genau das behauptet wird. Die Beamtin beginnt mit den Nachforschungen, schließlich hat es in letzter Zeit Überfälle gegeben, die darauf hindeuten, dass das Schreiben nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Doch möglicherweise kommt die Gefahr auch aus einer ganz anderen Ecke. Etwa zur gleichen Zeit beginnt Hauptkommissar Vincent Che Veih mit den Ermittlungen in einem Mordfall. Es scheint sich um eine Eifersuchtstat zu handeln, allerdings bewegte sich der Tote in einem rechts Milieu.

In Gedanken ist Melia der Meinung, sie muss ihre Position verteidigen, denn sicher glauben viele Kollegen, sie habe hier Position nur der Einflussnahme ihres Vaters zu verdanken, der ein bekannter Politiker ist. Auch Vincent hat immer unter seiner Herkunft gelitten, obwohl er sich inzwischen einigermaßen mit seiner Mutter, einer ehemaligen Terroristin, versteht. Doch Brigitte Veih ist unter anderen eine der Personen, die von Melias Behörde beobachtet werden könnten. Möglicherweise gibt es auch noch mehr Zusammenhänge. Vincent und seine Kollegen finden heraus, dass ihr Toter eigentlich als Journalist tätig war, der sich bei den Rechten eingeschleust hatte.

Heutzutage sind die extremen Linken fast vergessen, könnte man meinen. Und so ist der Ansatz, diese könnten sich neu formieren, ausgesprochen spannend. Wie es allerdings in die heutige Zeit passt, so ist bei Extremen meist auch der Rechte nicht weit. Eine Gefahr, die möglicherweise lange unterschätzt wurde. Unter dem Mäntelchen des Konservativen kann sich ein Rechter für eine Weile gut verstecken und die eher konservativen Institutionen unterwandern. Aus diesem Spannungsfeld strickt der Autor einen ausgesprochen packenden Politthriller, bei dessen Lektüre man es tatsächlich mit der Angst zu tun bekommen kann. Je länger man liest, desto mehr fragt man sich, wie nahe an der Realität sich die Handlung entlang hangelt. Gefühlt wirkt das Szenario jedenfalls sehr authentisch. Dazu noch eine Innenansicht aus der Geheimdiensttätigkeit, die sonst doch eher wie der Name schon sagt im Geheimen abläuft. An diesem Buch saugt man sich fest und es lässt einen auch nach der Lektüre lange nicht los.

5 Sterne (🐳🐳🐳🐳🐳)

Im Namen der Lüge von Horst Eckert
ISBN: 978-3-453-43966-5



Mittwoch, 11. März 2020

Die Verhaftung

In letzter Minute hat Ted Conkaffey eine seiner Gänse zur neuen Tierärztin gebracht. Kaum wieder zu hause, wird er von zwei Beamten in Handschellen abgeführt, wofür diese Zwei allerdings eine Abreibung vom Chef erhalten. Der achtjährige Richie ist verschwunden und seine Mutter hat verlangt, dass der Privatdetektiv Ted Conkaffey in die Ermittlungen einbezogen werden soll. Ted arbeitet aber nicht ohne seine Partnerin Amanda Pharrelll, was der Chief am Liebsten verhindern würde. Doch das Wohl des Jungen steht an erster Stelle, Ted und Amanda beginnen also mit den Nachforschungen.

Der dritte Fall könnte für Ted nicht zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen, denn zum erstem Mal seit seiner eigenen Gerichtssache und der darauf folgenden Trennung von Frau und Tochter darf die kleine Lillian eine Woche bei ihm bleiben. Dennoch geht es nicht nur um Ted, sondern auch um Richie. Der Junge war mit seinen Freunden für eine Weile unbeaufsichtigt  in einem Zimmer des piekfeinen White Caps Hotels. Stündlich wollten seine Eltern nach ihm schauen, doch um Mitternacht war er verschwunden. Seine Freunde können sich nicht so genau erinnern, was geschehen ist. Sie sind eben auch erst acht Jahre. 

Dieses Hörbuch ist eines, wegen derer man einen kleinen Umweg fährt oder im Laden eine Extrarunde dreht. Das Conkaffey-Pharrell Team ist auch bei seinem dritten Auftritt nicht abgenutzt und wird durch Uve Teschner gekonnt in Szene gesetzt. Ted und besonders Amanda sind durch ihre Vergangenheit geprägt beide etwas speziell, haben aber als Ermittler oft mal den richtigen Riecher. Für den Leser ist es dann sehr amüsant, mitzubekommen, dass die Polizei das weiß, aber lieber nicht wissen möchte. Auch unter den Polizisten gibt es so ne und solche und die, denen man überhaupt nicht im Dunkeln begegnen möchte. Den ganzen Irren hier folgt man mit Vergnügen, da sind weitere Fälle gerne gesehen oder gehört.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Missing Boy von Candice Fox
ISBN: 978-3-7424-1248-5



Sonntag, 8. März 2020

Roses Palmen

Kurz vor ihrem 35. Geburtstag gerät Rose so langsam ins Überlegen wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Ihr in zweiter Ehe verheirateter Vater hat eine Krankheit überwunden, ihre Beziehung läuft nicht mehr so richtig und endlich will sie dem Verschwinden ihrer Mutter auf den Grund gehen. Diese hat den Vater und Rose verlassen als Rose noch ein Baby war. Weil Rose nie wusste, was ihren Mitschülern, Freunden oder Bekannten erzählen sollte, hat sie irgendwann begonnen zu sagen, ihr Mutter sei tot. Und nun gegen Jahresende gibt der Vater ihr zwei Bücher und erklärt, die Schriftstellerin habe ihre Mutter gekannt.

Wie es wohl sein muss, wenn man seine Mutter nie kennenlernen konnte? Prägt es das ganze Leben? Oder kann man dies Umsorgtsein durch die Mutter überhaupt vermissen, wenn man es nicht kennengelernt hat? Und wie ist es mit dem Vater? Hat er sich seines verlassenen Kindes angenommen? In den 1980ern ist ein alleinerziehender Vater sicher noch eine Seltenheit. Doch Rose ist eine Frau mit Ideenreichtum und Durchsetzungsvermögen, die es auch mal wagt, eine sich bietende Gelegenheit wahrzunehmen. Zunächst einmal versucht sie sich der Geschichte ihrer Mutter zu nähern, indem sie die Bücher liest, die ihr Vater ihr gegeben hat.

Welch ein tolles Buch. Jessie Burton hat eine ganz eigene Art, den Ton zu treffen. In manchen Kapiteln liest man eine dramatische Familiengeschichte, in manchen könnte man fast den Eindruck bekommen, man hat einen Spannungsroman vor sich. Es ist sehr berührend mitzulesen, wie Rose der Geschichte ihrer Mutter nachgeht. Dabei beginnt Rose nicht nur, ihrer Mutter näher zu kommen, sondern auch sich selbst. Wer ist ihre Mutter und wo ist sie? So wie sie der verschwundenen Mutter auf die Spur kommt, so kommt Rose viel mehr sich selbst auf die Spur. Es ist erfrischend wie sich die Wendungen dieses auf zwei Zeitebenen angesiedelten Romans gerade nicht auf ausgetretene Pfade begeben. Ein überraschendes, mitreißendes und äußerst lesenswertes Buch.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Die Geheimnisse meiner Mutter von Jessie Burton
ISBN: 978-3-458-17842-2



Samstag, 7. März 2020

Der Doppelgänger

Mia Corvere hatte es geschafft, sie hatte den Konsul Julius Scaeva erwischt. Und doch ruft sich eben dieser Julius Scaeva zum Imperator aus und hat nun alle Macht, Mia zu jagen. Der Tote war ein Doppelgänger. Und so steht Mia erneut vor ihrer größten Aufgabe, den Imperator zu stürzen. Mit auf den Weg nimmt sie den Sohn des Imperators, denn solange sie den Jungen hat, wird Scaeva alles daran setzen, dessen Leben zu schützen. Darauf baut Mia, auch dass dadurch ihr alter Lehrer geschützt ist. Viel Zeit bleibt ihr nicht, denn die nächste dunkle Nacht ist nah.

Wenn man die beiden anderen Bände jeweils als Hörbuch-Download genossen hat, erlebt man hier die Überraschung der Fußnoten, die ja kein Mensch braucht. Und auch wie die Namen buchstabiert werden, erschließt sich gelesen wesentlich besser. Mias letzter Weg zur Vereinigung der Vielen ist hart und lang. Wieder erlebt sie viele Kämpfe und muss große Gefahren bestehen. Auch emotional ist Mia Corvere außerordentlichen Belastungen ausgesetzt. Nicht in allem kann ihr die Ausbildung zur Assassine helfen, schließlich ist sie doch eine junge Frau, der die Familia über alles geht. Ihre treuen Weggefährten sind Stütze und Last zugleich.

Dieser Abschluss der Nevernight-Trilogie hat es wirklich in sich. Mia Corvere hat einiges zu überstehen. Sie stellt sich einer Aufgabe, von der man meint, sie kann unmöglich lösbar sein. Und wird das Ende so sein, wie es im ersten Band vorhergesagt wird? Nun, dass wird jeder Leser selbst herausfinden. Jay Kristoff jedenfalls erfreut sein Publikum mit einem fulminanten Finale und seine teils deutliche und provokante Sprache bildet eine erfreuliche Abwechslung zu etlichen eher zurückhaltenden Stilen. Und so ist man einer wahren Achterbahnfahrt ausgesetzt, aus emotionalen Szenen, witzigen Dialogen, grausamen Kämpfen und auch schrecklichen Verlusten. Irgendwie besteht man die Fahrt und ist beeindruckt von dieser ungewöhnlichen Reise in die Wahrnacht.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Nevernight - die Rache von Jay Kristoff
ISBN. 978-3-596-70358-6


Freitag, 6. März 2020

Entführt

Vor Jahren verschwand die Studentin Lena. Sie wurde nie gefunden und ihrer Eltern wünschen sich nichts sehnlicher als zu erfahren, was mit ihrer Tochter geschehen ist. Dann wird eine bei einem Unfall verletzte junge Frau mit ihren zwei Kindern im Krankenhaus eingeliefert. Ihre Beschreibung passt auf Lena. Die Eltern Karin und Matthias wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Können sie wirklich Hoffnung schöpfen? Die junge Frau ist schwer verletzt und die Kinder sind so verstört, dass ihre Angaben zunächst nicht so richtig eingeordnet werden können. 

Am Schlimmsten ist es, wenn man nicht weiß, was passiert ist und wo ein geliebter Mensch geblieben ist. Kann ihre Tochter Lena nach mehreren Jahren wirklich wieder auftauchen? Kann sich die größte Sehnsucht erfüllen? Und die beiden Kinder? Haben sie sogar Enkel? Was haben sie mitgemacht? Sie erfahren von dem Leben in der Hütte, von einem Mann, der alles kontrolliert, der den Tag bis ins Kleinste durchgetaktet hat. Die Enkelin Hannah ist wie ein wandelndes Lexikon, die allerdings der Welt abgewandt scheint. Der jüngere Jonathan ist emotionaler und auch labiler als seine Schwester. Die Erzählungen der Kinder und der jungen Frau zeichnen ein beinahe unglaubliches Bild.

Eine Entführte, die vermeintlich wieder auftaucht und das auch noch mit zwei Kindern. Beim Lesen dieses Buches, das wunderbar subtil mit dem spielt, was preisgegeben wird, beginnt man jeden zu verdächtigen etwas Übles im Schilde zu führen. Wer hat welche Motive? Was ist tatsächlich geschehen? Wer ist das liebe Kind? Gleichzeitig versucht man sich hineinzuführen in eine junge Frau, die entführt und eingesperrt wurde. Zum Glück ist das kaum möglich, weil man die Erfahrung nicht hat, aber man bekommt doch einen Eindruck von dem Grauen. Und man kommt auf die wildesten Ideen, was wirklich geschehen sein könnte. Da ist schließlich die eigene Phantasie überbordender als die überraschende Auflösung der Autorin. Doch mit dem Geschick wie Romy Hausmann damit spielt, welche Anregungen sie ihrem Publikum gibt, ist dieses Erstlingswerk ausgesprochen lesenswert.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Liebes Kind von Romy Hausmann
ISBN: 978-3-423-26229-3


Donnerstag, 5. März 2020

Brunnenleiche

Endlich ist das Baby da, Anette Werner ist in Elternzeit. Und obwohl sie ihre kleine Tochter umhegt, hat sich das große Mutterglück noch nicht eingestellt. Anette vermisst ihre Arbeit. Und Jeppe Kørner vermisst Anette. In einem Brunnen in der Stadtmitte wurde eine Leiche gefunden und Jeppe leitet die Ermittlungen. Bei dem Opfer handelt es um eine Mitarbeiterin eines Krankenhauses, eine auf den ersten Blick unbescholtene Frau. Die Polizeibeamten finden zunächst keine eindeutigen Hinweise. Jeppes alte Bekannte Esther de Laurentis braucht neuen Schwung in ihrem Leben. Vielleicht bietet des Einzug eines neuen Nachbarn hier eine Chance.

In seinem dritten Fall ist Jeppe Kørner zum ersten Mal auf sich alleine gestellt. Der Umbruch in seinem Leben ist fast geschafft, die Trennung überwunden, das Haus verkauft. Dass er übergangsweise wieder bei seiner Mutter wohnt, ist nicht ideal, aber es ist eben so. Umso glücklicher ist er über die neue Frau in seinem Leben. Dagegen tut Anette Werner sich noch etwas schwer mit dem Familienleben und so ganz kann sie es nicht lassen, Nachforschungen anzustellen. Der Fall führt ins Gesundheitssystem Dänemarks. Auch wenn in Dänemark der Glücksquotient hoch ist und das Leben hyggelig, so sind die Mitarbeiter in den Krankenhäusern und Praxen doch gestresst und überarbeitet, so wie eigentlich überall.

Wie so häufig bei Ermittlungen dauert es ein Weilchen, bis sich aus einigen Spuren ein Bild ergibt. Mit leichter Hand und einigem Humor versteht es die Autorin, ein interessantes Thema aufzuarbeiten. Sie beschreibt die Überforderung in der Gesundheitsbranche und auch die Tragik, die sich daraus ergeben kann. Aber auch die Abgebrühtheit und Gier, die entstehen können, wenn in ein System viel Geld fließt. Eine Thematik, die einen schon mitnimmt. Dann freut man sich auf die Ausflüge zu Esther und Gregers, wobei man besonders Ester manchmal einen größeren Anteil am Geschehen wünscht. Sie wäre sicher für so manche Idee gut. Insgesamt ist dieser fesselnde Kriminalroman bestens geeignet, um einen Einblick in die nicht ganz so heile Welt der Medizin zu erhalten. Dabei wird nichts beschönigt, aber dennoch so elegant beschrieben, dass die Unterhaltung nicht zu kurz kommt. Hinzu kommt, dass man sich bei einem dritten Fall schon auf das Wiederlesen guter alter Bekannter freut.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Glasflügel von Katrine Engberg
ISBN: 978-3-257-07123-8


Mittwoch, 4. März 2020

Die wahre Bestimmung

Schon als Kind war Keiko anders, sie nahm es schon damals allzu wörtlich. Fand sie einen toten Vogel, dachte sie, er könne zum Verzehr geeignet sein, während ihre Schwester das Tierchen ehrenvoll bestatten wollte. Und so zieht es sich durch ihre Kindheit und Jugend. Ihr Studium schafft Keiko zwar mit Ach und Krach, aber einer richtigen Anstellung fühlt sie sich nicht gewachsen. Ihr Aushilfsjob in einem Convenience Store einem sogenannten Konbini ist wie eine Offenbarung. Endlich hat sie ein Vorbild im Verhalten ihrer Kollegen und ein Handbuch, endlich fällt sie nicht mehr auf. 

Doch in diesem berührenden kleinen Roman bleibt es nicht lange bei dem angenehmen Leben im Konbini. Mit Mitte dreißig hat Keiko ihre Aushilfsstellung immer noch inne und wieder fällt sie auf. Normale junge Frauen haben in dem Alter eine ordentliche Arbeit, Hobbys, eine Familie. Keiko beginnt zu überlegen, wie sie ihre Situation verbessern könnte. Vielleicht bietet der neue Mitarbeiter, der ihr irgendwie ähnlich zu sein scheint, die Rettung. 

In diesem kurzen Hörbuch/Büchlein steckt eine ganze Menge. Wie engstirnig ist die Gesellschaft - und das ist hier sicherlich nicht viel anders als in Japan - wenn sie eine junge Frau wie Keiko nicht einfach so sein lassen kann wie sie ist. Augenscheinlich hat Keiko eine Art autistische Störung, die sie zwar ganz gut funktionieren lässt, sie aber doch von denen unterscheidet, die sich als normal bezeichnen. Gut kann man Keikos Erleichterung nachempfinden als sie endlich im Konbini angekommen ist und ihre Bestimmung gefunden zu haben scheint. Warum verlangt ihre Familie von ihr, normal zu werden. Warum lassen ihr die Kollegen nicht einfach ihren Job? Wie traurig, dass sie darüber nachdenken muss, etwas an ihrem Leben zu ändern, um nicht mehr aufzufallen. Und mit ihrem männlichen Gegenpart findet sie tatsächlich einen, neben dem sie wie ein Ausbund an Normalität wirkt. Am Ende befreit sich Keiko von allen Konventionen und geht mit Freude und Erleichterung ihrer waren Bestimmung nach. 

Ein gefühlvoller kleiner Roman, der einem vor Augen hält, dass Menschen grundsätzlich so genommen werden sollten wie sie sind.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Ladenhüterin von Sayaka Murata
ISBN: 978-3-961-05194-6


Sonntag, 1. März 2020

Frau ohne Namen

Plötzlich ist er da. Sie will nichts von ihm, doch er geht nicht weg. Ihre Mutter möchte, dass sie einen richtigen Freund von der richtigen Straßenseite hat und heiratet und Kinder bekommt. Allerdings hat sie nur einen Vielleicht-Freund, von dem die Familie nichts wissen soll, und diesen Stalker. Von dem dagegen erfährt die Nachbarschaft und obwohl sie beteuert, dass sie von diesem alten Mann, der Milchmann genannt wird, nichts will, gilt sie doch bald als sein Liebchen. Da kann sie so oft das Gegenteil behaupten wie sie will. Niemand glaubt ihr.

Dieser Roman, in dem die wenigsten Personen einen Namen haben, könnte in die 1970er passen. Er könnte in ein Land wie Nordirland passen, wo es falsche Straßenseiten gibt, falsche Zugehörigkeiten und Familienmitglieder, die bei Bombenanschlägen umkommen, erschossen werden oder einfach an Krankheiten sterben. Benannt werden die Menschen nach ihrer Position in der Familie: Ma und Pa, Schwester Eins, Mittelschwester, Bruder Eins und so weiter. Denn auch Namen können falsch sein und eine falsche Zugehörigkeit anzeigen. Und vor dem Telefonieren wird jedesmal geschaut, ob die feindliche Macht eine Wanze platziert hat. So einfach ist es da nicht, jung zu sein, tanzen zu wollen und aus Vielleicht-Freund einen Freund zu machen.

Dieses Buch wurde mit Preisen wohl bedacht und viel gelesen und diskutiert. Nicht leicht zu lesen ist der Stil, den die Autorin gewählt hat. Es wirkt, als erzähle sich die namenlose Heldin selbst ihre Geschichte. Dabei gibt es kaum wörtliche Rede und nur wenige Absätze. Man muss entscheiden, ob man sich so auf die Geschichte einlassen kann. Diese hat es nämlich in sich. Wie durch das bloße Stalking, das die 18jährige Mittelschwester in keiner Weise will, ein Gerücht entsteht, gegen das alles Ankämpfen nichts nützt. Dann noch diese Umgebung fast wie in einem Krieg, jeder bespitzelt die anderen und jedem kann ein gewaltsamer Tod drohen. Beschreibungen davon sind sehr eindringlich und gelungen. Ein Roman, der beim Lesen etwas auslöst und der sich damit wohl als preiswürdig erweist.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Milchmann von Anna Burns
ISBN: 978-3-608-50468-2