Sonntag, 28. Juni 2020

Texas Ranger

Einer der wenigen schwarzen Texas Ranger ist Darren Matthews. Sein Beruf ist ihm eine Berufung, dennoch arbeitet er eigentlich nicht direkt in seiner Heimat. Eigentlich ist er gerade wegen einer anderen Sache vom Dienst suspendiert, macht er sich auf Geheiß eines weiteren Beamten auf den Weg nach Lark. Ein kleiner Ort in der Nähe, in dem kurz nacheinander zunächst ein toter Schwarzer und dann eine tote Weiße aufgefunden worden sind. Wäre es andersherum gewesen, wäre es beinahe normal. Aber so? Matthews will den Fall unbedingt lösen und sei es nur, um seinen eigenen Job zu retten.

Auch heutzutage ist es wohl nicht alltäglich, in Texas einen farbigen Ranger zu finden. Eigentlich wollte Darren Matthews den Bundesstaat verlassen. Er begann Jura zu studieren. Doch dann zog es ihn doch ins Feld, wo er die Ungerechtigkeit direkt bekämpfen wollte. Seine Mutter hat er erst spät kennengelernt und seine Mentoren haben seine Entscheidung nicht so ganz verstanden, aber doch gebilligt. Doch nun geht es um alles, sein Job steht auf dem Spiel und der neue Fall ist wirklich verzwickt. Nicht ungewöhnlich im amerikanischen Süden stehen sich Schwarz und Weiß unversöhnlich gegenüber und sind doch irgendwie durch ihre Vergangenheit verbunden.

In dieses Buch taucht man nach und nach immer tiefer ein. Fragt man sich zunächst, was sind das denn für welche, erfährt man bald, sie sind ganz anders. Auch wenn der Süden der USA von Rassismus geprägt ist und dieses Buch in diesem Rahmen seinen Anfang nimmt, hat bald schon einen vielschichtigeren Kriminalroman, in dem durchaus nicht alles so ist, wie man zunächst denkt. Und Darren Matthews ist ein akribischer und hartnäckiger Ermittler, der manchmal trotz seiner Polizeimarke von den Bewohnern des Ortes nicht sehr respektvoll behandelt wird. Hautnah bekommt er mitunter mit, wie es ist, wenn man wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wird. Doch obwohl er so manchen Stein in den Weg gelegt bekommt, er lässt nicht locker. Und damit fesselt er die, die ihm beim Ermitteln über die Schulter schauen. Es ist eine Geschichte des Rassismus, aber auch der Familienbande. Ein Überraschungserfolg, der eine Leseempfehlung verdient.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Blue Bird Blue Bird von Attica Locke
ISBN: 978-1-78125-768-5

Samstag, 27. Juni 2020

Floras Küche

Flora ist von der heimatlichen Insel Mure im Norden Englands nach London gegangen. Dort arbeitet sie als Anwaltsgehilfin. Schon lange ist sie heimlich in ihren Chef verliebt, doch der sieht sie einfach nicht. Als ihr bedeutendster Kunde Colton Rogers seine Investitionen vorantreiben möchte, soll Flora die Vorhut bilden. Begeistert ist Flora von dem Auftrag nicht, denn bei den Investitionen handelt es sich ausgerechnet um ein Hotel auf Floras Heimatinsel. Dorthin wollte Flora nach dem Tod ihrer Mutter nie zurück. Der Beruf geht vor und so muss sich Flora ihrem Vater und ihren Brüdern stellen.

Wie ist es, wenn man dort geboren wurde, wo andere Leute Urlaub machen? Floras Mutter Annie wollte immer, dass ihre Tochter alle Möglichkeiten hat. Flora sollte lernen und in die Welt hinausgehen. Wie viele junge Leute von der Insel ist sie gegangen. Nicht unbedingt in die Welt, aber doch ins hippe London. Ob sie dort glücklich ist? Immerhin hat sie ein paar Freunde und ihren unerreichbaren Chef. Ihre Rückkehr stellt sich Flora schwierig vor, allerdings ist es bald so als sei sie nie fort gewesen. Ihre Mutter fehlt jedoch immer noch sehr. Die Männer im Haus sind mit dem Haushalt völlig überfordert und die alten Streitereien gehen auch gleich wieder los.

Kaum daheim übernimmt Flora den Haushalt, sie putzt und kocht und kümmert sich um ihre kleine Nichte. Wozu hat sie dann die Ausbildung gemacht, fragt man sich. Ist sie doch nur ein Heimchen am Herd, das mit der Heimkehr die wahre Bestimmung findet. Ganz so ist es nicht, denn Flora gelingt es durchaus, etwas zu bewegen. Sie erfährt mehr über ihre Familie, sie findet neue und alte Freunde. Dabei wirkt sie allerdings etwas sprunghaft. Zwar bekommt man den Eindruck, dass ihre Geschichte etwas sehr konstruiert und süßlich nach alten Mustern gestrickt ist. Gleichzeitig ist sie aber auch warmherzig und liebevoll geschildert. Man hätte sich Flora moderner gewünscht, aber die tollen Beschreibungen der nordenglischen Landschaft machen einfach Lust auf mehr.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die kleine Sommerküche am Meer von Jenny Colgan
ISBN: 978-3-492-31323-0


Donnerstag, 25. Juni 2020

Richter

Die verwegene Sasha Budanov kehrt an ihr altes Internat in Deutschland zurück. Sie will zu ihren Wurzeln, um sich über ihre Zukunft klar zu werden. Sie ist froh die alte Stätte wiederzusehen. Womit sie nicht rechnet, den attraktiven AJ kennenzulernen. Er versucht herauszufinden, wieso seine Schwester sterben musste. Amelia war auch Schülerin in Richter und sie hatte einen tollen Job gefunden. Plötzlich ist sie beim Joggen umgekommen und die Umstände sind unklar. Sasha allerdings möchte nicht durch AJ gestört werden. Ein Wunsch, der sie nicht sehr weit bringen wird, denn so leicht abschütteln lässt der junge Mann sich nicht.

Bei diesem Buch handelt es sich bereits um den fünften Band der „Diesmal ist es für immer“ Reihe der Autorin. Dies bildet beim Lesen zum Glück kein großes Problem, da das Nötigste der Rahmenhandlung erklärt wird. Vielleicht hätte man als Neuling noch einige Informationen mehr aus diesem Kosmos, für das Verständnis dieser Handlung ist es nicht zwingend. 

Sasha ist eine junge Frau mit ungewöhnlichem Hintergrund, die ohne viel Halt durchs Leben streift. Dennoch ist sie nicht ganz ohne Rückhalt und wenn doch eine Lücke besteht, möchte AJ diese gerne besetzen. Doch auch AJ hat an der Vergangenheit zu knabbern, besonders bedrückt ihn der Tod seiner Schwester. Unbedingt will er erfahren, wieso sie starb. Sowohl Sasha als auch AJ suchen nach Antworten und dabei würden sie sich sicher gut ergänzen.

Dieses Buch bietet eine spannende und emotionale Lektüre. Es lässt sich gut weglesen und ist somit bestens für einen Sommerurlaub geeignet. Die Geschichte ist leicht, aber keinesfalls langweilig. Die handelnden Personen sind sympathisch, vielleicht manchmal etwas überirdisch, aber doch mit Brüchen, die sie sehr menschlich wirken lassen. Und es gibt ein packendes Geheimnis um die Vorgänge in Richter, das man unbedingt gelüftet sehen möchte. Dieses schöne Buch ist eines derer, die man mit guter Laune schließt. Gerade in der heutigen Zeit kann man Bücher gut gebrauchen, mit denen man sich vom Alltag ablenken kann.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Versuchung zu Aperitif von Catherine Bybee
ISBN: 978-2-496-70359-7


Mittwoch, 24. Juni 2020

Apollo

Bei Apollo handelt es sich um eine Dogge. Eine Schriftstellerin in New York hat ihn geerbt. Ein Erbe, dass es ihrer Meinung nach besser nicht gegeben hätte, denn es bedeutet, dass ein guter Freund gestorben ist. In ihrer Wohnung darf sie auch keine Tiere halten und Doggen sind nicht gerade Kleintiere, die unbemerkt bleiben. Natürlich gibt es Nachbarn, die die Ankunft des Hundes nicht nur bemerkten, sondern auch melden. Die Autorin ist unsicher, ob sie den Hund behalten kann, doch das liebenswerte Tier mag sie auch nicht wieder abgeben. Wahrscheinlich hat sich der Freund etwas dabei gedacht.

Frau und Hund überwinden den Verlust eines lieben Menschen. Doch ist es so einfach mit der Trauer. Wenn ein lieber Mensch stirbt, ist es einfach schmerzlich. Apollo trauert auf seine Weise und die Frau auf die ihre. Bei ihrem Beruf bietet es sich an, zu schreiben. Und so reflektiert sie über Tod und Verlust, über Hunde und ihre außergewöhnlichen Beziehungen zu ihren Menschen. Zunächst trauern Frau und Hund für sich, dann trauern sie gemeinsam und schließlich gewinnen sie wieder Freude am Leben. Doch liegt in diesem Beginn nicht wieder ein Abschied. Große Hunde haben leider häufig keine große Lebenserwartung.

Diesem Roman liegt wirklich eine ansprechende Idee zugrunde. Die Vorstellung, dass sich Hund und Frau gegenseitig trösten und über den Tod des Freundes und Herrn hinwegkommen, ist einfach schön, unabhängig davon, ob es tatsächlich geschehen kann. Doch irgendwie entsteht während des Hörens der Eindruck, die Autorin habe mehr das Bedürfnis, übers Schreiben zu schreiben oder über fremde Geschichten zu referieren, so dass manchmal nicht so viel übrig bleibt, von der vermeintlichen eigentlichen Idee des Buches. Und dann beginnt man nach der Geschichte zu suchen und man verzettelt sich letztlich irritiert. Nichtsdestotrotz hat das Buch sehr schöne Momente und Frau und Hund können die erste Trauerphase überwinden. Gerade diese hebt die Vorleserin Vera Teltz äußert gekonnt hervor.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Der Freund von Sigrid Nunez
ISBN: 978-3-9610-5275-2


Montag, 22. Juni 2020

Solo-Sie

Der Lintinger, ein Kumpel vom Kreuthner, hat bei einem Unfall seine rechte Hand eingebüßt. Und der Kreuthner will eben dieser Hand ein ehrenvolles Begräbnis verschaffen. Doch als er bei einer Kapelle das Handgrab ausheben will, stellt er fest, dass der Platz bereits belegt ist. Schnell wird die KTU herbei gerufen und ganz unerwartet haben sie einen ungeklärten Todesfall. Ein Mann, der nicht vermisst wird. Die Identifikation der Leiche ist nicht einfach, denn offensichtlich war der Leichnam schon länger unter der Erde. Allerdings fällt bald auf, dass ungefähr zum Todeszeitpunkt ein Fahrzeug gestohlen und verunfallt wurde.

Es ist bereits der achte gemeinsame Fall von Kreuthner und Wallner. Und auch Opa Manfred wandelt mal wieder abseits aller ausgetretenen Pfade. Das soll ihm mit 88 Jahren erstmal einer nachmachen. In dem Leichenfund zu ermitteln, erweist sich als nicht so einfach. Der Tote, nachdem man herausgefunden hat, wer es war, scheint nicht sehr beliebt gewesen zu sein und etliche Personen haben einen Grund, ihm Übles zu wollen. Doch muss es der Tod sein? Natürlich stellt sich auch die Frage, wieso niemand ihn als vermisst gemeldet hat. War seine Frau etwa froh, ihn los zu sein.?

Auf sein kauzige Art macht Kreuthner seine Arbeit auf sehr eigene Weise manchmal am Rande des Gesetzes, aber doch irgendwie gut. Als Leser kann man sich freuen ihn und seinen Kripo-Leiter Wallner zu haben. Ihre Fälle stehen immer für gute Unterhaltung. Auch wenn hier die grobe Richtung von vornherein klar ist, bleibt man neugierig und gespannt, denn die Aufbereitung des Falles ist spannend und abwechslungsreich. Freude macht auch die schriftliche Begegnung mit Opa Manfred, der sich trotz seines Alters wacker durchs Leben schlägt und wahrscheinlich einiges dazu beiträgt, dass sein Enkel Wallner nicht nur an seine Fälle denkt. Zu dieser Reihe kehrt man in jedem Fall gerne wieder.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Tote Hand von Andreas Föhr
ISBN: 978-3-426-65447-7


Sonntag, 21. Juni 2020

Generationen

Gemeinsam mit seinem Sohn, der Schüler ist, geht er auf eine Wanderung in den heimatlichen Bergen. Eine Heimat, die er verlassen hat, um seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Mit dem Wissen, dass sich Urgroßvater, Großvater und Vater das Leben genommen haben, lebt es sich nicht so leicht. Immerhin lebt er schon länger als sein Vater und er lebt für seinen Sohn. Alles will er dafür tun, dass seinen Sohn nicht das gleiche Schicksal ereilt. Er will ein Vater sein, der für seinen Sohn da ist. Doch auch den Erinnerungen will er sich stellen.

Die Eltern sind in der Nachkriegszeit in die Gegend gekommen. Ihre Vergangenheit haben sie nicht verarbeitet. Und er als Sohn will sich auseinandersetzen, doch seine Eltern und die anderen Verwandten lassen ihn nicht so recht. Wenn der persönliche Hintergrund nicht so rühmlich ist oder alte Überzeugungen nicht reflektiert werden, wird es schwierig für die nachkommenden Generationen. Auch wenn man einiges nicht gutheißt, Familie bleibt Familie. So ganz trennen kann man sich nicht. Soll man die Debatte suchen oder aufgeben und heikle Themen fallen lassen. Leicht hat man es nicht unbedingt als derjenige, der mit dem Leben der Vorfahren leben muss und diese Bürde nicht an seinen Sohn weitergeben möchte.

Es ist ein sehr eindringliches Buch, besonders wenn man im ähnlichen Alter ist wie der Autor und auch Ähnliches im Verwandtenkreis erlebt hat. Vielleicht wurde viel unter den Tisch gekehrt, vielleicht gab es Streit und letztlich die Erkenntnis, dass nichts zu ändern ist. Wie soll man dem am Besten begegnen? Wie soll man die Vergangenheit dem Kind nahe bringen, ohne es zu überfordern oder zu überfrachten. Manchmal witzig, manchmal bitter, manchmal düster depressiv, doch auch hoffnungsvoll und irgendwie lebensbejahend. Ganz leicht zu ertragen ist dieses (Hör)Buch nicht. Dieses am Leben verzweifeln, dieses Spielen mit den Gedanken, dann wieder der Aberwitz und die Erkenntnis, dass man nicht entfliehen kann. Man bleibt hin und her gerissen, ob dieser nachdenklich stimmende Roman, einen runterzieht oder weiterbringt. Nichtsdestotrotz fesselt die Geschichte von Vätern und Söhnen.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Serpentinen von Bov Bjerg
ISBN: 978-3-9571-3199-7



Samstag, 20. Juni 2020

Münster nicht Dom

Im 13. Jahrhundert beschließt der Graf von Freiburg den Bau des Münsters fortzusetzen. Ein Baumeister aus dem nahen Straßburg soll seine Kunst beweisen. Als Meister Gerhard mit seiner Frau und seinen Gesellen in die Stadt einzieht, wird er leider nicht mit der gebührenden Aufmerksamkeit empfangen. Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass der erste Eidruck nicht ganz falsch war. Nachdem der Bau zunächst flott vorangeht, beginnen die Geldgeber also hauptsächlich die gräfliche Familie mit den Finanzmitteln zu knausern. Immer häufiger kommt in Meister Gerhard der Gedanke auf, er könne in Straßburg besser aufgehoben sein.


So ein monumentaler Kirchenbau ist wahrscheinlich nie komplett fertig. Irgendetwas gibt es immer zu tun. Die Autorin beleuchtet mit ihrem Roman die Hauptbauphase des Freiburger Münsters über ungefähr 60 Jahre. Indem sie das Wachsen der Kirche mit den Schicksalen der beteiligten Menschen verbindet, glückt es Astrid Fritz sehr gut, die Zeit lebendig werden zu lassen. Wenn man vielleicht selbst schon mal ein altertümliches Bauwerk besucht hat, auch wenn es nicht das Freiburger Münster war, und sich bei einer Führung erklären ließ, dass die in Stein gehauenen Kerben die Zeichen der Steinmetze und Baumeister waren, wurde einem da schon sehr deutlich vor Augen geführt, dass es echte Menschen waren, die Stein auf Stein gelegt und verziert haben. Und so könnten sich auch Meister Gerhard und seine Kollegen verewigt haben. 


Die Geschichten um Menschen und Kirche, das Bestreben, das Bauwerk schließlich der Vollendung entgegen zu treiben - daraus webt die Autorin ein fesselndes Altartuch. Welchen Erfindungsreichtum die Baumeister hatten, um die Konstruktion vor dem Einsturz zu bewahren, welche Schicksale sich um die Beteiligten ranken. Da der Roman einen recht langen Zeitraum umspannt, muss man von einigen Abschied nehmen. Doch auch das gehört zur Authentizität des Buches, ebenso wie das Verhandeln um Gelddinge, Familienfehden und Liebesränke. Bei den fast 800 Seiten wird einem nie langweilig und der Kirchenbau um seine Menschen sind einem ein ganzes Stück näher gerückt.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)


Der Turm aus Licht von Astrid Fritz

ISBN: 978-3-499-00119-2



Sonntag, 14. Juni 2020

Sturmbrausen

Um Weihnachten 1617 wird die kleine norwegische Insel Vardø von einem starken Sturm getroffen. Die Frauen standen auf ihre Männer wartend am Ufer und mussten mit ansehen, wie die gestandenen Seeleute umkamen. Fast alle Familien sind betroffen. Einige - wie Maren - haben mehrere Familienmitglieder verloren. Vater, Bruder, Verlobter, die wie ausgelöscht sind. Zwar gibt das Meer die Toten zurück, aber das ist nur ein geringer Trost. Anstatt die Leichen aufzubahren und mit ihnen auf den Sommer zu warten, um die Erde für die Bestattungen aufbrechen zu können, würden die Frauen lieber gemeinsam mit ihren Lieben das neue Jahr begrüßen.

Maren leidet sehr unter dem Verlust. Obwohl sie froh ist, dass Dimma, die Frau ihres Bruders da ist, fühlt sei auch etwas Neid auf die Schwangere. Doch Kristin ist eine Frau, die vorwärts denkt. Da große Hilfe von außen nicht zu erwarten ist, schlägt sie vor, die Dorfbewohnerinnen sollen selbst aufs Meer hinausfahren und die Netze ausbringen. Bald kommt ein neuer Pfarrer in den Ort, dem das Treiben nicht so gefällt. Und spätestens jetzt kommt ein Keil zwischen die Frauen, die einen, die zur Kirche gehen, und die anderen, die dies eben nicht für nötig halten. 

In ihrem ersten Roman für Erwachsene nimmt die Autorin ein Ereignis, welches tatsächlich stattgefunden hat, als Ausgangspunkt für ihre ungewöhnliche Geschichte. Im Jahr 1617 ist es durchaus ungewöhnlich, das die Frauen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Aus der Not heraus sind sie ihrer Zeit voraus. Doch nicht einmal im Dorf gefällt das allen. Mit den dramatischen Ereignissen um den Sturm beginnt das Buch, um dann recht behäbig weiterzugehen. Gerade, wenn man sich ein Urteil bilden will, bekommt die Handlung eine überraschende Wendung, aus der die ganze Kraft des Romans hervorscheint. Die Frauengestalten haben es wirklich in sich, sie strahlen förmlich. Wie schade, dass es Missgunst, Neid und Bigotterie gibt. Die Menschheit könnte so viel besser sein, wenn sie Positives einfach anerkennen würde, auch wenn es anders ist als üblich. 

Ein packender Roman, dessen wahrer Gehalt sich aus dem Klappentext leider oder zum Glück nicht erschließt.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Vardø - Nach dem Sturm von Kiran Millwood Hargrave
ISBN: 978-3-453-29236-9





Samstag, 13. Juni 2020

Der Gute

Beworben hat sich der Oberveterinär Gottschalk nicht für den Einsatz in den deutschen Kolonien. Doch mit seinem Kollegen Wenstrup versteht er sich und gemeinsam lernen sie von ihrem Laufburschen die Nama-Sprache. Die Idylle trügt, denn die Einheimischen werden rebellisch. Verständlicherweise wollen sie ihr Land behalten und ihre eigenen Herren bleiben. Besonders Jakobus Morenga bereitet dem deutschen Militär Schwierigkeiten. Strategisch geschickt plant er seine Scharmützel und schlägt die Deutschen mehr als einmal in die Flucht. Je mehr sich Gottschalk mit Land und Leuten im damaligen Deutsch Südwestafrika beschäftigt, desto weniger kann er verstehen, wieso gegen die einheimische Bevölkerung ein solcher Krieg geführt wird.

Zum 80. Geburtstag des Autors wurde dieser bereits 1983 erstmals erschienene Roman erneut herausgebracht. Genau aus historischen Quellen und auch im heutigen Namibia recherchiert zeichnet Uwe Timm ein beeindruckendes Bild von den Aufständen der Herero und Nama und dem darauf folgenden Krieg. Sein Veterinär Gottschalk ist dabei das Abbild einer traurigen Hoffnung auf einen guten Deutschen. Er ist einer der Wenigen, die klar sehen, dass hier ein Volk vernichtet wird und der es dennoch erst nach den Ereignissen schafft, um seine Entlassung aus der Armee nachzusuchen. Wenn Gottschalk meint, die Lage verbessern zu können, verkehrt sich die Wirkung gerade ins Gegenteil.

Erschütternd, mit welcher dummdreisten Leichtigkeit die Militäroberen über die Vernichtung von Menschen entscheiden. Kleinste Anlässe werden als Entschuldigung für schärfste Strafen genommen. Und tödliche Erkrankungen werden billigend in Kauf genommen. Wenn man bedenkt, dass es eines ganzen Heeres bedurfte, um ein paar Hundert Aufständische zu besiegen, zeigt dies, dass die Deutschen wohl doch keine so guten Strategen waren. Wie bedauerlich ist es, dass die sogenannten Sieger die verbleibenden Herero und Nama nach ihrem Gutdünken niedermachen konnten. Nicht das erste Mal steht man fassungslos vor der Schlechtigkeit der sogenannten Herren und fragt sich, wieso die Welt nicht besser ist. Im Übrigen ist dieser zwar etwas sperrige, aber sehr beeindruckende Roman auch verfilmt worden. 

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Morenga von Uwe Timm
ISBN: 978-3-423-14761-3


Freitag, 12. Juni 2020

Das Schwert

Die junge Nimue ist unbändig, wissbegierig und schlau. Wegen ihrer übernatürlichen Kräfte ist sie im Dorf nicht gut angesehen, die Menschen fürchten sie. Zudem herrschen Unruhen im Land. Die roten Paladine wollen das Wort der Kirche unter die Menschen bringen. Wer allerdings nicht zuhören will, muss mit dem Tode rechnen. Auch Nimues Mutter und ihre beste Freundin sind unter den Toten. Als Nimue an das Schwert der Macht kommt, spürt sie dessen Kraft, aber auch den Einfluss, den es auf sie ausübt. Und welche Rolle  spielt Merlin der weise alte Mann.

Die Artus-Sage in einer neuen Interpretation. Die ungefähr 16-jährige Nimue erfährt von dem Geheimnis um ihre Geburt. Durch den Besitz des Schwertes werden ihre ungewöhnlichen Kräfte noch stärker. Sogar mit den roten Paladinen kann sie es aufnehmen. Aber will nicht nur eine brutale Kämpferin sein. Der Besitz des Schwertes bedeutet auch Verantwortung. Sie will sich nicht von der Gewalt um sie herum vereinnahmen lassen. Doch kann sie wirklich verhindern, dass es zu weiteren Gewaltausbrüchen kommt. Die roten Paladine kennen keine Gnade. Selbst Kinder metzeln sie dahin. Wieso kann oder soll Nimue Gnade walten lassen. Vielleicht ist der Kampf der einzige Weg noch Schlimmeres zu verhindern.

Interessant ist es allemal diese alte Geschichte aus einer anderen Sichtweise kennenzulernen. Nimue ist ein starker Charakter. Sie ist gradlinig und ihre Freunde können auf sie zählen. Die Sage bekommt so einen frischen Anstrich, der gut in die heutige Zeit passt. Natürlich neigt man beim Lesen dazu, nach Unterschieden und Parallelen zu suchen. Das führt dazu, dass man sich die Geschichte um Artus nochmal in Erinnerung ruft. Allerdings gibt es recht viele Schilderungen von Gewalt in dem Roman, der auch die Grundlage für eine Netflix-Serie ist. Da muss man sich schon etwas stählen, wenn so viel Blut fließt. Dennoch bleibt der Gedanke an eine unabhängige junge Frau, die ihren Weg macht. Und die Bilder des Zeichners Frank Miller untermalen die Story vortrefflich.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Cursed - Die Auserwählte von Thomas Wheeler
ISBN: 978-3-10-491106-9


Donnerstag, 11. Juni 2020

Maiks Familie

Der Kampfsportler Maik hat einen Traum, er möchte seine Fähigkeiten als Kämpfer weitergeben. Um diese Schule gründen zu können, braucht er Kapital. Deshalb arbeitet er bei einem Sicherheitsdienst, welcher die Industriellenfamilie van Holland betreut. Weil einer der Mitarbeiter ausgefallen ist, darf Maik bei der Betreuung von Lynn einspringen, obwohl er noch nicht lange beschäftigt ist. Schon bei seinem ersten Treffen mit Lynn setzt er sich gewaltig in die Nesseln. Und doch funkt es bei ihm. Lynn ist manchmal etwas rebellisch und sie lehnt sich gegen die Einschränkungen auf. Gerne mal trifft sie sich mit ihren Freundinnen und geht feiern, obwohl es Drohungen gibt.

Eigentlich verhalten sich besonders Maik, aber auch Lynn nicht sehr professionell. So leicht lassen sich Gefühle allerdings nicht abstellen. Doch zeigt die Feiermaus Lynn ihrem Bodyguard wer sie wirklich ist? Und Maiks Stellung in dem Sicherheitsdienst ist durchaus noch nicht so gefestigt, wie er es gerne hätte. Noch ist er der Neue, der erstmal kleine Brötchen backen muss. Dass Maiks Aufgabe erster zu nehmen ist als gedacht, wird klar als die Bedrohungen einen ernsteren Charakter annehmen. Da scheint es um etwas persönliches zu gehen.

Was recht lustig mit einem prickelndem Irrtum beginnt, wird recht bald zu einem spannenden Thriller, in dem die hinreißende Lynn zum Opfer werden könnte. Durch kleine Einschübe wird dabei die Spannung noch erhöht, denn so bekommt man Anhaltspunkte, um sich Gedanken zu machen, was wohl dazu geführt haben kann, dass Lynn und ihre Familie einen so großen Bedarf an Sicherheitsmaßnahmen haben. Geschickt wird man nach und nach zu einer Lösung geführt, die man so nicht erwartet hat. Wenn man also meint, man habe alles durchschaut, so sollte man sich nicht zu sicher sein. Auch wenn einige Personen etwas zu extrem agieren, bringt dieser Roman einige Lesestunden, während derer man gefesselt an den Seiten klebt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Bodyguard von Sonja Rüther
ISBN: 978-3-426_52523-4


Freitag, 5. Juni 2020

Das Radio

Sehr kurz nach der Wende machen sich die Eheleute Bischoff auf in den Westen. Das Aufnahmelager schreckt sie nicht. Der Vater kann in ausgefallenen Computersprachen programmieren und hat gute Aussichten auf eine Arbeit. Ihr Sohn Carl soll sich nach Wunsch der Eltern um das Haus in Gera kümmern. Doch Carl möchte den Umbruch nutzen, um nach Berlin zu gehen. Dort hat er zunächst keine Wohnung findet aber Unterschlupf bei einer Gruppe junger Leute, die mit ihren Idealen die Welt verbessern wollen und gleichzeitig ein Lokal betreiben. Eigentlich möchte Carl Gedichte schreiben, doch zunächst steht er mal hinter der Theke.

Diesem Roman wurde der Preis der leider abgesagten Leipziger Buchmesse 2020 verliehen. Dadurch wird natürlich Interesse geweckt. Und auch die Thematik der Zeit nach der Wende aus Sicht eines jungen Mannes, der sich müht, mit seinen Eltern in Kontakt zu bleiben, obwohl sie quasi ohne Not in den Westen gegangen sind. Das Hörbuch hat der Autor selbst eingelesen und zur Verfügung gestellt wurde es freundlicherweise in der ARD App. Mit Interesse begibt man sich also ans Nachhören der täglich bereitgestellten Kapitel. Leider lässt Carl sich eher durch diese Zeit treiben als ihr aktiv zu begegnen. Von einer Freude des Aufbruchs ist wenig zu spüren. Und die Gründe, die seine Eltern Richtung Westen entführen bleiben lange im Unklaren und wenn sie dann bekannt werden, fragt man sich, was daran nun spektakulär sein soll. 

Vielleicht trennt sich hier im Einzelfall des Hörers die Sicht des aus dem Westen stammenden von der des aus dem Osten Deutschlands kommenden. Was für die Eltern aus Gera ein echter Schritt gewesen sein muss, hätte man im Westen mal eben machen können. Und auch der phlegmatische Carl reißt einen nicht vom Hocker. Er landet zwar in einer gewissen Szene, tut sich aber nicht durch irgendein besonderes Engagement hervor. Eher geht es um seine Gedichte, die nie veröffentlicht werden und um seine Jugendfreundin Effi, wobei er sich unter der gemeinsamen Beziehung anscheinend mehr vorstellt als sie je beinhaltet hat. So bleibt am Schluss die Erkenntnis, dass ein preiswürdiger Roman nicht immer einer ist, der sich beim Lesen oder Hören einschmeichelt.

2,5 Sterne (🐳🐳+)

Stern 111 von Lutz Seiler
ISBN: 978-3-7424-1434-2


Montag, 1. Juni 2020

Tüdelü

Sunset Hall hieß früher anders. Doch nachdem Agnes Sharp mit einigen Mitstreitern eine Alten-WG gegründet hat, wurde das Haus umgetauft. Und nun liegt ihre Mitbewohnerin Lilith erschossen im Schuppen. Was sollen sie denn nur machen? Als auch die alte Nachbarin ermordet wird, die schon lange dahinsiechte, sind die WG-Bewohner in heller Aufregung. Hat es jemand auf alte Menschen abgesehen? Alt sind sie, aber nicht doof, nur manchmal erscheinen ihre Gedankengänge anders. Das hält sie aber nicht davon ab, nach dem Mörder zu suchen. Sie haben schließlich eine Vergangenheit und Erfahrung.

Obwohl sie ein recht eigentümlicher Haufen sind, funktionieren sie zusammen doch recht gut. Was der eine nicht mehr so richtig kann, übernimmt der andere. Zwar versinkt Agnes manchmal in der Vergangenheit und ihre Hüfte will nicht mehr. Irgendwie hält sie den Laden aber zusammen. Und für Lilith ist schon Ersatz gefunden. Charlie hat Pfiff und einen Wolfshund. Der kann sich für Beatrice mal als Blindenhund betätigen oder Hettie, der Schildkröte Gesellschaft leisten. Tiere sind nicht verboten, Enkel schon. Und das örtliche Seniorenheim ist ein absolutes no-go. Sie sind zufrieden mit ihrem Dasein und leben in den Tag hinein. Doch nun gilt den Ort aufs Neue zu erkunden.

Sehr humorvoll sind die alten Leutchen geschildert, doch manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Die Leiden und Zipperlein der Pensionäre können einen schon bedenklich stimmen. Und das Seniorenheim scheint auch eher ein Ort der beruhigten Gleichmut und somit kein erstrebenswertes Domizil. Doch es ist noch Leben in Agnes und ihren Freunden. Bei allen Einschränkungen, die in Richtung fürs Alter braucht man Mut gehen, sind sie doch gewieft und haben nicht alles verlernt. Ob das so lebensecht ist, muss jeder, der mit alten Menschen Umgang pflegt, selbst entscheiden. Vielleicht sind die Protagonisten auch einfach viel älter als man annehmen würde. Ein wenig mehr über den Hintergrund der anderen Bewohner hätte man gerne erfahren. Doch mit ungewöhnlichen Methoden und viel Humor unterhält die außergewöhnliche Alten-WG mit Haustieren. Sie sind alle auf ihre Art sympathisch und ihre kleinen Unzulänglichkeiten fallen nicht so sehr ins Gewicht. Vielleicht in Teilbereichen eine Blaupause fürs wahre Leben, doch nicht jeder Bewerber wird genommen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Mord in Sunset Hall von Leonie Swann
ISBN: 978-3-442-31556-7