Montag, 29. Juli 2019

Mummy


Gerade dreißig geworden lebt Eleanor Oliphant in Glasgow. Seit dem Studienabschluss arbeitet sie als Buchhalterin in der Agentur. Sie ist keine von den interessanten Kreativen, eher eine Büromaus. Aber sie lebt gut so, alles ist in Ordnung. Auch ihre kleine Wohnung ist völlig okay. Ihre Pflanze Polly, die sie schon seit vielen Jahren hegt und pflegt, ist eine gute Gesellschaft und mit den um-die-Ecke-gedacht Kreuzworträtseln vergeht die Zeit wie im Flug. Wochenenden sind eh überbewertet und zwischenmenschliche Kontakte auch. Als Eleanor jedoch einen jungen Musiker entdeckt, gerät ihre geordnete Welt in Aufruhr. Der neue It-Spezialist in der Agentur, Raymond, der ihren Computer reparieren muss, ist dagegen ein schlecht angezogener Langweiler.

Eleanor hatte eine Kindheit, über die sie lieber nicht redet. Ihr reichen die wöchentlichen Kontakte zu ihrer Mummy, die woanders ist. Überhaupt hat sie sich ihr Leben bestmöglich eingerichtet. Bestmöglich heißt allerdings auch eintönig. Arbeit von 9 bis 5, jeden Tag die gleichen Mahlzeiten, von der Kleidung mehrere Exemplare (eins wird getragen, eins in der Wäsche), am Wochenende Kreuworträtsel, Bücher und eine gewisse Menge Wodka, die beim Einschlafen helfen soll. Und am besten sagt man zu Eleanor ganz genau, was man meint, Interpretationen führen auf Minenfelder und die sind zu vermeiden. Da passen weder ein Sänger noch ein Raymond hinein.

Und doch auch eine Eleanor, die ihr Leben notwendigerweise durchgetaktet hat, kann sich verändern. Da gibt ein Sänger einen nicht so schlechten Grund, um mal zum Friseur oder zur Kosmetik zu gehen. Und Raymond ist einer, der sich durch Eleanors etwas gekräuselte Ausdrucksweise nicht abschrecken lässt, und sie einfach so behandelt als wären sie befreundet. Nach und nach öffnet sich Eleanor ein wenig und erfährt, dass es auf der Welt noch mehr gibt als sie sich bisher an Erfahrungen erlaubt hat. Und die Worte ihrer Mummy sind auch nicht immer der Weisheit letzter Schluss. 

Bei „Ich, Eleanor Oliphant“ handelt es sich um ein wahrhaft lesenswertes Buch. Eleanor hat eine anrührende Persönlichkeit. Vielleicht kommt sie einem erst etwas speziell vor, doch je mehr man von ihrer Vergangenheit erahnt, desto mehr Verständnis und Mitgefühl kann man für sie aufbringen. Wobei die Andeutungen zur Vergangenheit die Handlung nicht zu sehr belasten. Eleanor und ihr Weg zu sich selbst stehen im Mittelpunkt und Eleanor hat es verdient, dass ihr das Interesse gilt. Man kann sich anders entwickeln, man kann anders sein und gerade deshalb liebenswert. Mit knapp über dreißig hat Eleanor Oliphant endlich ein Leben und eine Zukunft.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ich, Eleanor Oliphant von Gail Honeyman
ISBN: 978-3-431-03978-8


Sonntag, 28. Juli 2019

Hollywood Babylon


Nach der Sache mit Fatty Arbuckle wollte Hardy Engel eigentlich nichts mehr von Hollywood wissen. Doch von etwas muss man leben und mit nur einem Auge ist es nicht leicht einen Job zu finden. Als der Regisseur und Schauspieler William Desmond Taylor ihn um einen Gefallen bittet, übernimmt Hardy den Auftrag. Am Abend jedoch als er sich mit Taylor treffen will, liegt dieser tot in seinem Büro. Er sieht so friedlich aus und deshalb merkt Hardy erst als er dem Toten näher kommt, dass dieser eine Schusswunde hat. Und Hardy ist derjenige, der zuletzt mit Taylor Kontakt hatte. Die Polizei nimmt ihn gerne in den Kreis der Verdächtigen auf und Hardy sieht sich gezwungen, die wahren Hintergründe des Falls aufzudecken.

Auch in seinem zweiten Fall bekommt es Hardy Engel mit einem echten Fall der frühen Jahre in Hollywood zu tun, der bis heute nicht aufgeklärt ist und über den sich deshalb trefflich spekulieren lässt. Der wahre Mord bildet den Rahmen für Hardys zweite Ermittlung. Natürlich musste einiges dazu erfunden werden, ohne allzu sehr von den bekannten Tatsachen abzuweichen. Dies hat der Autor intelligent umgesetzt. Es ging hoch her im Hollywood der 1920er. Es wurde gearbeitet und gefeiert, jeder wollte ein Stück vom Kuchen abhaben. Wenn es um den Preis von ein paar Drogen war oder auch mal jemand zu Tode kam, bitte. Ansätze für seine Nachforschungen hat Hardy Engel genug. 

Die gerade durch ihren Ansatz an einem wirklichen Todesfall spannende Geschichte wird durch den Leser Uve Teschner gekonnt umgesetzt. Er versteht es, den einzelnen Personen eine Stimme zu geben. Mit ihm folgt man Hardy Engel zunächst in die Abgründe seiner Seele, aus denen er langsam wieder emporsteigt, schließlich muss er einen Mord aufklären und noch einige andere Ungereimtheiten in Bezug auf das Leben William Desmond Taylors ins richtige Licht rücken. Und Hardy Engel hat noch mehr zu erzählen, wie sicher nicht schwer zu erraten ist. Man darf also gespannt sein, welche Begebenheiten aus dem alten Hollywood der Autor als nächstes ausgraben wird.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der blutrote Teppich von Christof Weigold
ISBN: 978-2-7424-0952-2


Samstag, 27. Juli 2019

Grausam in Sepia


Im Borgo Vecchio wachsen Mimmo, Cristofano und Celeste auf. Mit ihren Eltern haben sie es alle nicht leicht. Mimmo muss damit klarkommen, dass sein Vater, der Fleischer, ein Betrüger ist. Cristofano wird regelmäßig verprügelt. Und Celeste ist diejenige, die Stunden auf dem Balkon verbringt, während ihre Mutter als Dorfhure ihren Lebensunterhalt verdient. Wie gerne würden die drei auf der Sonnenseite aufwachsen, doch das ist ihnen nicht vergönnt. In Ermangelung einer Persönlichkeit, die wirklich etwas geleistet hat, nehmen sie sich den schnellsten Ganoven des Viertels zum Vorbild. 

Das kann nicht in der heutigen Welt angesiedelt sein, denkt man, wenn man von dem Leben der drei Kinder liest. Doch irgendwie scheint die Zeit im Dorf stehen geblieben zu sein. Eigentlich, meint man, sollten Kinder heutzutage nicht mehr so behandelt werden, sollte es so hoffnungslose Orte nicht mehr geben. Jemand, der Italien bereist hat, kann das vielleicht besser beurteilen. Alle drei Kinder hadern mit ihrer Welt, Mimmo, der lieber bei dem Pferd Nana ist als bei seinem betrügerischen Vater, Celeste, die gerne lernen würde und doch auf dem Balkon gesperrt wird und am meisten Cristofano, der jeden Abend hoffen muss, mit dem Leben davon zu kommen. Was bleibt ihnen anderes als ihr Hoffnung auf den schnellsten Ganoven zu setzen?

Auch wenn das Buch nur 160 Seiten hat, so ist es doch ein recht schwerer Brocken. Die Sprache ist eindringlich und wortgewaltig, gleichzeitig auch eingängig und schmeichelnd. Hier ist dem Autor große Kunst gelungen. Schwieriger ist es dagegen an der Handlung Gefallen zu finden. Eltern, die ihre Kinder nicht schützen. Kinder, die schlimmste Not leiden und denen nicht geholfen wird, obwohl alle wissen, was geschieht. Große Hoffnungslosigkeit, Armut herrschen. Einen Ausweg scheint es nicht zu geben. Und wenn sich doch ein Weg auftut, hat auch dieser einen zu hohen Preis. Ein Buch, das zwar nachdenklich macht, aber auch eines in das zu viel depressive Stimmung hineingepackt wurde. 

Auch wenn das Buch einem vielleicht seine Handlung zumutet, ist es doch sprachlich von herausragender Kunst.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die Kinder des Borgo Vecchio von Giosuè Calaciura
ISBN: 978-3-351-03790-1



Freitag, 26. Juli 2019

Marschmädchen


Eines Morgens im Jahr 1950 zieht sie die Schuhe aus Krokodillederimitat an und verlässt das Haus. Die damals sechsjährige Kya sieht ihre Mutter nie wieder und nach und nach verschwinden auch ihre Geschwister. Das kleine Mädchen bleibt mit dem mitunter gewalttätigen Vater allein. Es gibt auch gute Tage, doch bald ist auch der Vater fort. Fortan lebt Kya allein in der Marsch, sie will nicht in ein Heim und sie schafft es, den Behörden immer wieder zu entwischen. Hilfe hat sie hin und wieder von dem wenig älteren Tate, der ihr schließlich auch das Lesen und Schreiben beibringt. Und das Wenige, was sie zu verkaufen hat, bringt sie in den Laden von Jumpin’, einem liebenswerten Schwarzen.

Als im Jahr 1969 der Platzhirsch des Ortes Chase Andrews tot aufgefunden wird, weiß man nicht, ob es der Beginn, das Ende oder die Mitte der Geschichte ist. Um seinen Tot ranken sich viele Rätsel. Wichtiger ist jedoch wie das Marschmädchen Kya aufwächst. Immer wieder allein gelassen und verlassen schlägt sie sich durchs Leben. Um weitere Enttäuschungen zu vermeiden, verbringt sie die meiste Zeit allein in der Marsch. Sie hat das Zeichentalent ihrer Mutter geerbt und  verwendet es, um das Leben in der Marsch in Bildern wiederzugeben. Außerdem legt sie Sammlungen von Flora und Fauna an, eine Katalogisierung, die ihres Gleichen sucht und doch im Verborgenen bleibt. Ohne Freunde, ohne Komfort, aber dennoch eine gewisse Zufriedenheit strahlt Kya aus. Aus der Not heraus hat sie gelernt, aus dem Wenigen, was sie hat, Freude zu schöpfen.

Was für ein Buch. Nachdem man es beendet hat, muss man erstmal durchatmen und es ein wenig sacken lassen. Wenn man diese Art von Büchern mag, die sich Menschen, die aus der Gesellschaft gefallen zu sein scheinen, liebevoll widmen, wird man hier ein echtes Kleinod finden. Ein Debütroman, der seines Gleichen sucht. Beim Lesen fühlt man sich in die Marsch hineinversetzt, egal ob man dabei ein Bild aus Amerika vor Augen hat oder auch eines der heimatlichen Marschlandschaften, man spürt die Einsamkeit der Landschaft und die des Mädchens. Man fragt sich, woher die Kleine die Kraft und das Durchsetzungsvermögen nimmt, um zu überleben. Der Wunsch, jemand möge sich ihrer annehmen, sie aufnehmen, ihr ein zu hause geben, bleibt ziemlich unerfüllt, Die Enttäuschungen wiegen doch zu schwer, das zaghaft aufgeflackerte Vertrauen, wird herbe niedergedrückt. Und doch bewundert man Kyas starke Persönlichkeit, sie gibt nicht auf, in ihrem Rahmen schafft sie sich ein Reich der Wärme und Ruhe. Zeit ihres Lebens bleibt sie das Marschmädchen und findet ihre Erfüllung. 

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens
ISBN: 978-3-446-26419-9



Donnerstag, 25. Juli 2019

Der Vater


Im beschaulichen Örtchen Ludlow wird der beliebte Diakon Ian Druitt festgenommen und in seiner Zelle erhängt aufgefunden. Alles sieht nach Selbstmord aus, doch der Vater des Toten glaubt nicht daran. Er ist mit der polizeilichen Ermittlung unzufrieden und kontaktiert über seinen Abgeordneten den Chef von Isabelle Ardery, welcher sie gemeinsam mit Barbara Havers nach Ludlow schickt, um die bisherigen Ermittlungen noch einmal durchzugehen. Ardery und Havers, die sich herzlich nicht grün sind, machen sich auf den Weg. Inspector Linley weilt derweil in London und kann Barbara nur ab und zu telefonisch zur Hilfe eilen. 

Die Abneigung vor allem Arderys gegenüber Havers’ trieft beinahe aus den Seiten. Diese Beiden sollten wirklich nicht gemeinsam ermitteln müssen. Die private Situation der Vorgesetzten ist auch nicht dazu angetan, ordentliche Arbeit zu leisten. Da ist Havers’ Spürnase manchmal tatsächlich die bessere Wahl. Doch nichts ist offensichtlich. Allein der Gedanke an den Selbstmord drängt sich auf. Wenn es so aussieht wie ein Selbstmord, wird es wohl auch einer sein. Doch Barbara bohrt und bohrt. Der Vater hat so überzeugend beteuert, dass sein Sohn keinen Grund hatte, sich umzubringen, dass Barbara nicht so schnell aufgeben kann. 

Zwei Frauen, die sich nicht leiden können, eine Polizeiwache, deren Mitarbeiter unter der zur Schau getragenen Kooperationsbereitschaft mauern, ein kleiner Ort, in dem hinter verschlossenen Türen mehr vor sich geht als man auf den ersten Blick vermutet. Wenn man Barbara Havers und Inspector Linleys Methoden kennt, wird man bald vermuten, dass da etwas zu finden sein muss. Als Polizistin ist Isabelle Ardery einiges an Geschick zuzusprechen, ihre Fähigkeiten kann sie allerdings nicht zur Gänze ausspielen, zu sehr sind ihre Gedanken mit etwas anderem beschäftigt.
Wie gewohnt schafft es die Autorin für ihre Protagonisten ein Feld zu bereiten, auf dem sie zunächst mal gründlich graben müssen, bevor sie etwas zu Tage fördern können. Dabei wird beinahe jeder Stein umgedreht. Dieser Langsamkeit fällt doch ein Teil der Spannung zum Opfer. Zum Glück gelingt es der Autorin wie immer einen Fall zu konstruieren, in dem vieles anders ist als es zu Beginn scheint, doch sind die Wege manchmal zu verschlungen. Die Frage, wer denn nun die Strafe verdient, gibt einiges an Rätseln auf. Der Fall erfährt allerdings eine Lösung, die nach der Entwirrung der Fäden, das Finale eines guten Krimis darstellt.

3,5 Sterne  (🐳🐳🐳+)

The Punishment she deserves von Elizabeth George
ISBN: 978-0-525-50595-2



Sonntag, 21. Juli 2019

Schafhirten


Francis Ackerman jr. ist ein Mensch, den man eigentlich kaum einen Menschen nennen kann, einfach zu viele seiner Mitmenschen hat er umgebracht. Keiner hat ihm bisher das Handwerk legen können. Marcus dagegen musste seine Polizeikarriere an den Nagel hängen, weil er Grenzen überschritten hat. In dem kleinen Ort Asherton treffen Ackerman und Marcus aufeinander. Wie bei ihm üblich hat Ackerman bereits mit seinen Spielchen begonnen. Und Marcus, der im Grunde immer noch der gewissenhafte Polizist ist, der er einmal war, tritt an, um Francis Ackerman seiner gerechten Strafe zuzuführen. 

Die Reihe der Thriller um den Serienmörder Francis Ackerman jr. ist inzwischen wohlbekannt. In diesem ersten Band lernen sich Ackerman und Marcus eher erzwungenermaßen kennen. Francis zeigt dabei durchaus Facetten, die man bei einem Killer nicht vermuten würde, dennoch möchte man ihn gerne hinter Gitter sehen, schon um seine möglichen weiteren Opfer zu schützen. Auch Marcus legt eine vielschichtige Persönlichkeit an den Tag. Da verschwimmen manchmal die Grenzen zwischen Gut und Böse. Allerdings wird Marcus auch einiges zugemutet. 

Etwas viel gestorben wird in diesem ersten Teil und recht brutal geht es bei den Tötungen und Mordfällen zu. Da wird nichts groß unternommen, um irgendetwas aufzuklären, eher wird einfach draufgeballert. Man muss schon einiges aushalten und mehr als einmal denkt man, wieso tue ich mir das überhaupt an. Doch auch oder gerade für seinen ersten Band hat der Autor eine Wendung gefunden, mit der er überrascht und mit der dem Ballon zwar einiges an Luft abgelassen wird, aber gerade dadurch auch einiges ins rechte Licht gerückt wird. Vielleicht kann man immer noch nicht von Recht sprechen, aber mit dieser Art der Ereignisse kann man ganz gut leben. Und so hat man schließlich einen Thriller zum Haare raufen, der allerdings so unerwartet endet, dass man ihn fast schon gut finden muss.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Ich bin die Nacht von Ethan Cross
ISBN: 978-3-4041-6923-8



Samstag, 20. Juli 2019

Rechenkunst


In Mathe war sie schon immer einfach gut. Diese Fähigkeit kann ich in ihrem Job als Wiederbeschafferin gut gebrauchen. Wenn es einmal brenzlig wird, berechnet sie einfach die Wahrscheinlichkeit oder eine Kurve und ist in aller Regel aus der Klemme befreit. Sie ist Cas Russell, sie findet Freundschaft überbewertet und sie vertraut nur Rio. Als sie gebeten wird die kleine Schwester Courtney Polk wiederzubeschaffen, hält sie das für einen leichten Auftrag. Überrascht muss Cas feststellen, dass dem nicht so ist und auch als sie Courtney in ihrer Obhut hat, geraten die beiden Frauen in eine Gefahrensituation nach der anderen.

Wenn man selbst der Vektor-Rechnung sofort nach der Schulzeit für immer abgeschworen hat, könnte man Cas gegenüber zunächst einige Vorbehalte haben. Denn zu Beginn metzelt sie mit ihren Berechnungen die Menschen, auch wenn sie nicht so besonders gut sind, schneller hin als man piep oder papp sagen kann. Doch wenn man sieht, mit welcher Sorgfalt und großem Mut sie auch Leben rettet, verzeiht man ihr doch das Meiste. Cas muss erstmal nicht nur auf Courtney aufpassen, sondern nebenbei auch Arthur das Leben retten. Sie ist also ganz schön beschäftigt und das, obwohl Rio gesagt hat, sie soll sich aus der Sache raushalten. 

Man merkt diesem Roman schon an, dass es sich um den Beginn einer Reihe handelt, da doch etliche Andeutungen gemacht werden, die der weiteren Klärung bedürfen. Dennoch ist die Einführung von Cas Russell und ihren Freunden (sie hat ja eigentlich keine) gelungen. Zum Glück muss man kein Mathegenie sein, um der Handlung folgen zu können. Im Gegenteil Cas’ außergewöhnliche Fähigkeiten geben der Geschichte eine besondere Note. Cool wie sie sich aus Gefahren befreit und dabei auch das Wohlergehen ihrer Freund im Blick behält. Da ist es beinahe schon überraschend, dass sie bei dieser Wiederbeschaffung an einen Gegner geraten soll, der ihr überlegen zu sein scheint. Auf jeden Fall versteht Cas es, den Leser zu fesseln und mit ihrer urigen und ungewöhnlichen Art zu erfreuen. Man darf gespannt sein, was die geheimnisumwitterte junge Frau, noch wiederbeschaffen wird.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Nullsummenspiel von S. L. Huang
ISBN: 978-3-453-32000-0


Freitag, 19. Juli 2019

Der arme Jules


Der arme Jules hinterlässt fünf Kinder. Odile lebt schon nicht mehr daheim. Marie hat sich um die Jüngeren gekümmert. Und die drei Jüngsten werden noch auf der Trauerfeier unter den Verwandten verteilt. Marie beginnt im örtlichen Café zu arbeiten. Der gut betuchte Freund ihrer Schwester macht ihr das Angebot, in einer seiner Firmen eine Stelle anzutreten. Marie jedoch will zu hause bleiben, am Hafen. Der schon über 30jährige Henri, eine solche Abfuhr nicht gewöhnt, beginnt immer wieder in Maries Nähe aufzutauchen. Marie trifft sich derweil erstmal lieber mit Marcel.

Im Atlantik Verlag werden die Romane und Geschichten von Georges Simenon neu aufgelegt. Dessen Maigret-Romane sind weithin bekannt. Doch das Oeuvre des Autors ist weitaus umfassender. Ein Beispiel der Vielfältigkeit Simenons bietet die Geschichte von Marie vom Hafen. Eine Geschichte, die eher traurig beginnt, muss die junge Frau nun auch noch ihren Vater beerdigen. Noch nicht volljährig besteht die Gefahr, dass andere über ihr weiteres Leben entscheiden, so wie bei ihren jüngeren Geschwistern. Marie sucht nach einem Ausweg. Dass Henri, der eigentlich mit ihrer Schwester zusammen ist, ihr nachstellt, ist ihr zunächst eher lästig. Ziemlich kühl lässt sie ihn abblitzen.

Bereits im Jahr 1938 erschien die Erstausgabe dieser Erzählung und wirkt doch auch in der heutigen Zeit nicht altmodisch. Wenn auch kühl, so ist Marie doch ausgesprochen pfiffig und fortschrittlich. Beim Lesen fragt man sich, in wie weit sie Pläne schmiedet. Dennoch gefällt sie mit ihren eigenen Kopf. Ihre Schwester Odile wirkt dagegen nachgiebig und weich. Henri scheint ein arroganter Schnösel zu sein, der es durchaus verdient hat, mal ausgebremst zu werden. Zwar ist die Geschichte schnell gelesen, aber keinesfalls schnell vergessen. Die Marie vom Hafen hat etwas, das sicher dazu einlädt, sie mehr als einmal zu genießen.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Marie vom Hafen von Georges Simenon
ISBN: 978-3-455-00519-6


Dienstag, 16. Juli 2019

Die Wespe


Nach seiner Scheidung ist Dolf Tschirner in Südspanien hängen geblieben. Unterdessen ist er 68 Jahre und so schon eine ganze Weile in Spanien. Auch wenn er sich nicht als Spanier fühlt, nach Deutschland will er auch nicht zurück. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und übernimmt hin und wieder einen Auftrag als eine Art Privatdetektiv. Vor einigen Monaten wurde der Apotheker tot aufgefunden. Die Polizei ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich um einen Selbstmord gehandelt hat. Die Witwe kann sich das nicht vorstellen, denn gerade vor seinem Tod war ihr Mann besser drauf. Sie bittet Dolf herauszufinden, was wirklich geschah.

In seinem Leben hat Dolf Tschirner einiges mitgemacht, Jobs innegehabt und verloren, er war verheiratet und wurde geschieden, er verlor seinen Sohn. Er hat es geschafft, die Zigaretten aufzugeben, doch der Alkohol ist sein Freund. Guten Kontakt hat er zu seiner Schwiegertochter. Ihr kann er ebensowenig abschlagen wie der Apothekerin und deren Kindern. Obwohl es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten steht, ihn plagt die Gicht, macht er sich auf die Wahrheit über den Tod des Apothekers zu erforschen. Bald schon ergeben sich erste Ungereimtheiten.

Er ist schon ein alter Haudegen, man kann es nicht anders sagen. Mit 68 doch eigentlich schon im Rentenalter lässt Tschirner es sich nicht nehmen, ungeklärten Fragen nachzugehen. Dass er dabei sowohl gewiefter als auch hartnäckiger ist als die Polizei, erstaunt. Umso mehr erstaunt es jedoch, dass er es aus jeder brenzligen Situation heraus schafft und wesentlich Jüngere, die ihm eigentlich körperlich überlegen sind, in die Flucht zu schlagen. Hinzu kommt sein Alkoholproblem, das in allerdings nicht hindert, schlauer zu sein als die anderen. So richtig sympathisch wird einem Dolf Tschirner nicht, dennoch löst er hier einen spannenden Fall, in dem er herausfindet, dass hinter dem vermeintlichen Selbstmord doch mehr steckt. Zwar sind die Personen etwas unterkühlt geschildert, doch der Ausflug in den spanischen Sommer ist interessant und die Hartnäckigkeit, mit der Tschirner der Wahrheit auf den Grund geht, überzeugt.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Iberische Hitze von Ulrich Brandt
ISBN: 978-3-7466-3162-2



Montag, 15. Juli 2019

Bellmans Tochter


In einer Zeitung liest er von den großen Tieren und er muss sich auf den Weg machen, um sie zu suchen. Im Jahr 1815 verlässt Cy Bellman seine 10jährige Tochter Bess. Mit einem schwarzen Zylinder und einem langen Mantel, zu Pferd und bewaffnet, einige Dinge im Gepäck, die sich zum Eintauschen eignen. Er verspricht, seiner Tochter so häufig wie möglich zu schreiben. In der Obhut ihrer Tante, die von Bellmans Unternehmung absolut nichts hält, beginnt Bess auf Nachricht von ihrem Vater zu warten. Bellman reitet westwärts, dahin wo er sein Ziel vermutet. Häufig schreibt er, aber wichtiger ist ihm seine Expedition.

Bellmans Leben ist etwas eingefahren, seine geliebte Frau ist allzu früh gestorben, seine Maultierzucht ist erfolgreich, aber auch ein Einerlei. Seine Tochter Bess kann ihn nicht halten, zu sehr ist er auf sein Abenteuer fixiert. Die Sehnsucht nach der Ferne ist zu groß. Sein Weg ins Ungewisse ist beschwerlich, doch beschwerlich es auch für Bess, ohne ihren Vater groß zu werden. Die daheim gebliebenen halten seine Reise für den größten Unsinn und das kann Bess nicht gelten lassen. Doch die Briefe ihres Vaters lassen auf sich warten. 

Die Schauplätze in diesem ergreifenden Roman wechseln zwischen Bess’ Erlebnissen und denen ihres Vaters hin und her. Als Leser weiß man also, wie es in beider Welt zugeht. Man erfährt den Enthusiasmus, mit dem sich Bellman auf den Weg macht. Und man erlebt Bess’ Trauer über das Fehlen ihres Vaters, ihr Leben mit der strengen Tante und dem Nachbarn, der bei der Bewirtschaftung des Hofes hilft. Ob dessen Hilfe so selbstlos ist? Je länger ihr Vater fort ist, desto sehnsüchtiger beginnt Bess zu warten. Und je länger Bellman vergeblich nach den großen Tieren fahndet, desto häufiger werden die Gedanken an seine Tochter und desto größer wird seine Hoffnung, dass seine Briefe sie erreichen. 

Eine einfache Geschichte von Vater und Tochter, eine Geschichte, die abgerundet ist, die traurig ist, vergeblich, sehnsuchtsvoll und doch eine große Stärke ausdrückt. Zu Beginn ahnt man nicht, welche Reise einem bevorsteht, mit jeder Leseminute, die vergeht, wird man immer mehr berührt von Bellmans und Bess’ Schicksal. Dieser Roman ist ein echtes Kleinod aus der Zeit des wilden Westens, in der der Forschergeist manchmal stärker war als die Liebe zum eigenen Kind. 

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

West von Carys Davies
ISBN: 978-3-630-87606-1




Sonntag, 14. Juli 2019

Der Vorort


Sie arbeitet in einem Vorort Stockholms, sie setzt sich für die ein, die in der Gesellschaft zu kurz kommen. Und gerade in diesem Vorort wird sie verschleppt und grausam zugerichtet. Doch es besteht die Hoffnung, dass sie noch lebt. Als die örtliche Polizei nicht weiterkommt, wird Zack Herry von der Sondereinsatzgruppe in den Vorort geschickt. Seine Zeit ist knapp, denn die Verletzungen der jungen Frau sind schwer und der Clanführer des Vororts gibt ihm nur 24 Stunden, dann wird Zack selbst der Gejagte sein. 

Nach dem Tod seiner Freundin Mera hat sich Zack eigentlich nur oberflächlich wieder gefangen. Bis ins Letzte aufgeklärt ist der Mord noch nicht. Und nun muss er sich mitten hinein begeben in diesen Vorort, der der normalen Polizei nicht mehr zugänglich scheint. Die Straßen werden von teilweise rivalisierenden Gangs beherrscht. Und deren Mitglieder werden immer jünger. Für die junge Sozialarbeiterin Helene muss es wie ein Kampf gegen Windmühlen gewesen sein. Doch sie tat ihr möglichstes, dennoch ist sie es, die irgendwo gefangen gehalten wird. Zack kennt Helene aus seiner Kindheit. Sie teilen ein Geheimnis. Kann er überhaupt der Richtige sein, der sich zu ihrer Rettung aufmacht? Natürlich übernimmt Zack den Einsatz, um seine Jugendfreundin zu retten.

Es gibt diese Vororte nicht nur in Schweden und ihre Beschreibung kann nur deprimieren. Wie sooft fragt man sich, was falsch gelaufen ist und wie man es wieder auf die Reihe kriegt. Und man hat keine Antwort, was eigentlich das Schlimmste an der Sache ist. Auch Zack Herry kann das Problem der verlorenen Bewohner der Vorstädte nicht lösen. Er macht sich auf seine schwedische Freundin zu suchen. Hätte sei einen Migrationshintergrund, wäre dann solch ein Aufwand getrieben worden? Minutengenau und mit wechselnden Schauplätzen werden die ungefähr 24 Stunden geschildert, die Zack bleiben, um die junge Sozialarbeiterin zu finden. Brutal geht es zu in der Welt dieser Vorstadt, das muss man als Leser schon aushalten. Denn dem Autoren-Duo ist es gelungen, einen ausgesprochen spannenden und bitteren Kriminalroman zu schreiben, in dem Zack Herry vagen Spuren folgt und Hinweise findet, die seine eigene Welt berühren. Am meisten durchgerüttelt wird man allerdings von den düsteren Beschreibungen der Geschehnisse in einem Vorort, der wie ein fremdes Land wirkt. Eine packende Reihe, deren vierter Band mit einem fiesen Cliffhanger endet.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Schrei des Engels von Mons Kallentoft und Markus Lutteman
ISBN: 978-3-608-50417-0



Donnerstag, 11. Juli 2019

Beach Boys


Nach dieser Sache in Göteborg will der Polizist Dennis Wilhelmson auf seiner Heimatinsel Smögen eine Auszeit nehmen. Schon kurz nach seiner Ankunft wird ein Toter in der Bucht gefunden und Evas Freund verschwindet. Haben die beiden Vorfälle miteinander zu tun? Dennis kann nicht anders, als Nachforschungen anzustellen. Bei dem toten jungen Mann handelt es sich um Sebastian, der bei der Familie seiner Freundin nicht gut angesehen war. Es kommt der Verdacht auf, der verhinderte Schwiegervater Carl Hallgren könnte etwas mit dem Ableben des jungen Mannes zu tun gehabt haben. Und auch der verschwundene Åke arbeitet in Hallgrens Baufirma.

Dennis Wilhelmson hatte sich eigentlich auf einen ruhigen Sommer auf Smögen gefreut. Er hat einen alten Kutter gemietet, auf dem er wohnt und auf Schlagzeug spielen kann. Doch zum einen ist er, weil er Eva helfen will, sowieso an der Sache dran und zum anderen ist durch den Ausfall des Chefs der Polizeistation, ein Posten vertretungsweise zu besetzen. Seine Chefin fackelt nicht lange und Dennis’ Auszeit endet schneller als ihm lieb ist. Mit der Polizeianwärterin Sandra arbeitet er eng zusammen (nein, nicht so eng). Sandra mag Dennis als Chef, denn er behandelt sie nicht wie eine Auszubildende, die noch nichts zu melden hat, sondern wie eine echte verantwortungsvolle Kollegin.

Ein Sommerkrimi, in dem man sich wohlfühlen kann. Zwar sind die Szenenwechsel manchmal etwas sprunghaft und die Handlung braucht eine Weile ehe sie Fahrt aufnimmt, dafür verströmt dieser Kriminalroman tolles Mittsommerfeeling. In diesem ersten Band mit dem Team aus Dennis Wilhelmson und seiner Assistentin Sandra wird mit den sympathischen Ermittlern gepunktet. Interesse wecken auch die Einschübe aus der fernen Vergangenheit, wo sich die Autorin lange bedeckt hält, welches der Bezug zur Handlung ist, diesen aber auf überraschende Weise herstellt. Bei der Lösung des Falles wird akribisch nach Spuren und Hinweisen gesucht. Gerne schaut man den Beamten dabei über die Schultern und versucht selbst hinter die Zusammenhänge zu kommen.



3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Mord in den Schären von Anna Ihrèn
ISBN: 978-3-9596-7295-5


Sonntag, 7. Juli 2019

Enthüllung


Schon als Kinder sind sie anders. Patricia, ist in der Natur zu hause. Einmal, meint sie mit Vögeln gesprochen zu haben, aber sie kann sich nicht mehr richtig daran erinnern. Und Laurence ist derjenige, der eine zwei Sekunden Zeitmaschine erfindet. Das klingt nach nichts, aber wenn im entscheidenden Moment irgendwo Luft ist, kann das sehr hilfreich sein. Während der Schulzeit kommt man besser klar, wenn man zu Zweit Außenseiter ist. Doch zwischen Patricia und Laurence wird ein Keil getrieben und erst als Erwachsene sehen sie sich wieder. Laurence hat eine wissenschaftliche Laufbahn begonnen und Patricia hat die geheimnisvolle Eltisley Maze Akademie abgeschlossen.

Der Wissenschaftler und die Hexe, gegensätzlicher könnten Patricia und Laurence kaum sein. Und doch haben sie etwas gemeinsam. Sie Beide genügen nicht den Wünschen, die ihre jeweiligen Eltern für sie gehabt hätten. Sie sind wie Gegenpole, er genial als Wissenschaftler und sie fast eins mit der Natur, was ihr ungeahnte Fähigkeiten verleiht. Doch gegenseitig bieten sie sich, was der andere nicht hat. Für eine Weile reicht das, um die Eltern zu besänftigen. Sind sich zwei einig, kommt häufig ein Dritter daher, der das Idyll stört oder sogar zerstört. Patricia und Laurence haben keine andere Wahl als ihre Wege getrennt voneinander fortzusetzen.

Es beginnt wie ein Fantasy-Märchen mit einem Schuss Tarrantino. Natürlich hinterfragt man, liest man ein Buch im englischen Original, immer seine Englischkenntnisse, dennoch wirkt der Mittelteil etwas schwergängig und überfrachtet. Wie eine dauernd stattfindende Apokalypse auf zwei Fronten. Man fragt sich allerdings, ob Technokraten und Inhaber von Naturkräften sich immer zu Gegnern entwickeln müssen. Letztlich geht ein Streit, der fast eine Art Krieg sein könnte, häufig zu Lasten der Welt wie sie ist. Wenn das Märchenhafte in die Geschichte zurückkehrt, kehrt auch der Zauber zurück. Man könnte meinen, diese Story schwächelt im Mittelteil, verzaubert dafür zu Beginn und versöhnt aufs Trefflichste am Schluss.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

All the Birds in the Sky von Charlie Jane Anders
ISBN: 978-1-785-65055-0

Freitag, 5. Juli 2019

Light Trees


Grandpa ist zu den Kindern gezogen als seine Frau verstarb und seitdem wird Light Trees verpachtet. Die Londoner kommen in den Sommerferien ins nordenglische Yorkshire, um Ruhe zu finden. Sie haben allerdings nicht damit gerechnet, dass das Land bewirtschaftet wird und es dann schnell vorbei sein kann mit der Ruhe. Kleine Missverständnisse können zum Glück ausgeräumt werden. Und so werden aus den beiden Jungen Bell und Harry dicke Freunde. Mit der Zeit scheint es beinahe so als gehörten die Batemans aus London zur Familie. 

Gerade für Harry sind die Aufenthalte in Yorkshire etwas Besonderes. Wann hätte er in London schon die Gelegenheit, die Berge zu erkunden, sich die alten Geistergeschichten erzählen zu lassen, mit dem Rad durch Berg und Tal zu fahren. Für ihn ist auf dem Land mehr los als in der Stadt. Als Einheimischer versteht Ben das nicht immer, aber so ist es halt. Selten weiß man zu schätzen, was man hat. Gemeinsam gehen Bell und Harry durch dick und dünn, begehen so manche Eselei und werden über die Jahre erwachsen. 

Bereits im Jahr 1981 erschien die englische Erstausgabe dieses Buches und aus einigen Äußerungen lässt sich schließen, dass die Handlung Ende der 1960er bis Anfang der 1970er einsetzen muss. Die Autorin verfolgt den Weg ihrer Jungs bis in die späten 1990er und wagt damit einen prophetischen Blick in eine Zukunft, die so nicht eingetreten ist, die aber so hätte eintreten können. Unabhängig davon schafft sie es, einen leichten Sommerwind über die Felder wehen zu lassen, ebenso wie klirrende Kälte. Im Wechsel der Jahreszeiten erleben Bell und Harry ihre Kindheit und Jugend. Ihre Abenteuer sind manchmal typische Jungsabenteuer, bei denen sie von Glück reden können, wenn sie alles heil überstehen. Doch manchmal haben die Ereignisse eine Zartheit, mit der man nicht gerechnet hat. Die im deutschsprachigen Raum spät entdeckte Autorin schafft mit ihrem knapp zweihundertseitigen Sommerroman eine Möglichkeit aus dem Alltag in eine Sommerfrische abzutauchen und eine ähnliche Ruhe zu finden, wie die Londoner. Ein Buch, das man immer wieder lesen kann.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Bell und Harry von Jane Gardam
ISBN: 978-3-448-26199-0


Dienstag, 2. Juli 2019

Die verlorenen Jungs


Sechszehn Jahre sind vergangen seit Anchorage an der Küste Amerikas gestrandet ist. Tom und Hester sind sesshaft geworden. Über ihre Tochter Wren sind sie überglücklich. Doch die junge Dame hat Lust auf Abenteuer, den Wert ihres ruhigen Lebens in Sicherheit weiß sie nicht wirklich zu schätzen. Sie ist schließlich eine Jugendliche und damit etwas rebellisch, wie fast alle jungen Leute. Als einige der verlorenen Jungs nach Anchorage kommen, um das Zinnbuch zu stehlen, mit dem man angeblich den Krieg gewinnen kann, ist Wren nicht abgeneigt, sich ihnen anzuschließen. Dann jedoch etwas unfreiwillig begibt sie sich auf eine Abenteuerfahrt.

Auch dieser dritte auf deutsch erschienene Band über die fahrenden Städte und ihre Bewohner sprüht vor Ideen. Trotz des relativ langen Zeitabstandes, mit dem die Handlung gegenüber dem Vorgängerband einsetzt, trifft man viele Bekannte wieder, sogar einige, mit denen man nicht gerechnet hätte. Wren ist eine sympathische, wenn auch etwas stürmische junge Frau, die mehr Abenteuer geboten bekommt als ihr letztlich lieb ist. Tom und Hester begeben sich auf die gefährliche Mission ihre augenscheinlich entführte Tochter heimzuholen und müssen sich dabei ihren eigenen Problemen stellen. 

Wieder lebendig vorgetragen wird dieses Hörbuch von Robert Frank. Wie bereits in den vorherigen Bänden kann man sich nie ganz sicher sein, ob der vermeintliche Sympathieträger wirklich so liebenswert ist wie man meint, ebenso wie es sein kann, dass einige, die den Boshaftigkeitsstempel aufgedrückt bekamen, sich als nicht so verkehrt erweisen. Ob man diese Wechsel oder Unsicherheiten immer so gerne mitmacht, muss man sich selbst überlegen. Eine gewisse Würze bekommt das Buch dadurch gewiss. Und nicht nur einmal wird es knapp für die Helden, so dass jederzeit für Spannung gesorgt ist. Natürlich bleiben genug Fragen offen, um sich auf den wohl abschließenden vierten Band freuen zu können.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Mortal Engines - Der grüne Sturm von Philip Reeve
ISBN: 978-3-7324-5279-8