Samstag, 31. August 2019

Wie ein Phantom


Dass sie heiraten werden war immer klar. Bereits in ihrer Jugend haben sich Berta Isla und Tom Nevinson kennengelernt, sie die waschechte Madrilenin und er halb Engländer, halb Spanier. Doch zunächst geht es ans Studieren. Berta bleibt dabei in Madrid, Tom geht nach Oxford. Geheiratet wird danach. Doch Tom ist irgendwie anders als er zurückkehrt. Ein Angebot des britischen Geheimdienstes, welcher Toms besondere Sprachbegabung gerne für sich nutzen möchte, hat er abgelehnt. Was also ist geschehen? Nevinson bleibt verschlossen, was das angeht. Und ein wirklicher Grund, die Hochzeit abzublasen, besteht nicht. 

Berta und Tom führen eine normale Ehe, die nur dadurch anders erscheint, dass Tom häufiger nach England muss, um gewisse Aufträge durchzuführen, über die er nicht redet. Natürlich macht sich Berta Gedanken, zu in sich gekehrt ist Tom manchmal. Ihr Mann allerdings zerstreut ihre Bedenken. Wieder einmal ist Tom abwesend, da lernt Berta ein Ehepaar kennen, das ihren Verdacht bestärkt. Soll Tom bedroht werden, indem seine Frau bedroht wird? Zum Glück wird das fremde Paar an einen anderen Ort geschickt. In ihrer Sorge wagt es Berta, in England anzurufen.

Javier Marías ist für seine manchmal allzu präzisen Beschreibungen bekannt, dennoch sind seine Romane meist ab einem gewissen Punkt spannend und gut. In seinem hier vorliegenden Werk wird schon zu Beginn Spannung aufgebaut. Die ersten Kapitel sind vor der Hochzeit der beiden Protagonisten angesiedelt und geben dem Leser einen Wissensvorsprung. Damit wird ein Teil des Dilemmas verständlich, in dem Tom steckt. Und Bertas Sorgen und Grübeleien bekommen eine tiefere Dimension. Die Handlung ist zwischen den späten 1960ern und den frühen 1990ern angesiedelt. Es ist die Zeit, in der es beinahe selbstverständlich ist, dass sich die Geheimdienste verschiedener Länder belauern, um größeres Unheil zu verhindern. Da kann eine Frau schon auf den Gedanken kommen, dass die Dienstreisen ihres Mannes in einem ganz anderen Zusammenhang zu sehen sind. Herausragend wie sich der Autor in die immer wieder allein gelassene Ehefrau hineinfühlt und doch auch ihren gebeutelten Mann nicht aus den Augen lässt. Mit diesem kleinen Geniestreich gelingt es dem Autor bis zum Schluss mit Überraschungen aufzuwarten.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Berta Isla von Javier Marías
ISBN: 978-3-10-397396-9



Freitag, 30. August 2019

Blackheath


Mit einem Gefühl der Desorientierung erwacht er. Irgendwie ist er Sebastian Bell, oder nicht? Auf jeden Fall wird etwas Schreckliches geschehen. Ein Schuss ertönt und eine Frau ruft um Hilfe. Ist es Anna? Bell weiß nicht wohin er sich wenden soll. Nach Osten ruft ihm jemand zu und drückt ihm einen Kompass in die Hand. Bald erreicht er Blackheath, ein düsteres und weitläufiges Herrenhaus, das sicher schon bessere Tage gesehen hat. Unbedingt will Sebastian weiteres Unheil verhindern. Aber Eigensicherung geht vor. Das schützt Bell allerdings nicht davor, einiges in Erfahrung zu bringen, was nur schwer zu ertragen ist.

Das gab es schon, einen Tag immer wieder von vorn beginnen zu lassen. Wieso also nochmal? Eine Frage, die der Autor mit Leichtigkeit beantwortet. Er gewinnt der Idee etliche überraschende Facetten ab. Sein Protagonist, Aiden Bishop, darf oder muss den Tag wieder und wieder erleben, indem sein Geist in verschiedene Körper schlüpft. Aus den Sichtweisen und auch mit den Erfahrungen und Gedanken verschiedener Wirte erfährt er, um welches Ereignis es hier geht und auch was seine Aufgabe ist. Er ist freiwillig nach Blackheath gekommen, doch nun schafft er es nicht mehr, den Ort zu verlassen, es sei denn er löst das Rätsel.

Es bietet sich gewiss an, dieses Buch mehrfach zu lesen. Einmal recht zügig, weil man einfach umkommt vor Spannung, was der Autor für seinen Protagonisten in petto hat. So ungewiss ist der Ausgang der Sache, so groß der Zweifel. Ist das Rätsel erstmal gelöst, könnte es heißen, noch einmal zum Genießen. Erst dann kann man wahrscheinlich die Feinheiten wahrnehmen, die der Autor in seiner Geschichte versteckt hat, alle Verschachtelungen entschlüsseln, jeden kleinen Hinweis entdecken. Schon beim ersten Lesen fragt man sich, wie es der Autor geschafft hat, die zahlreichen Fäden in der Hand zu behalten. Einzig die Rahmenhandlung wird eher kurz gestreift, die sieben Tode der Evelyn Hardcastle werden von allen Seiten beleuchtet, auf eine Art und Weise, dass man bald nicht mehr von dem Buch lassen kann.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle von Start Turton
ISBN:978-3-608-19166-0



Donnerstag, 29. August 2019

Alles möglich


Das große Sterben hat begonnen, es könnte auch ihn treffen. Fred Hundt hat viel über Wahrscheinlichkeiten theoretisiert und nebenbei Musik gemacht. Doch mit knapp sechzig Jahren hat sein Leben einen gewissen Status der Langeweile erreicht. Gescheiterte Dates und eher öde Gigs machen sein Leben aus. Als sein Freund Ben ihn bittet, nach New York zu kommen, macht Fred sich auf den Weg. Seine Stimmung hat fast den Nullpunkt erreicht, schließlich überschlagen sich die Nachrichten über Keith Richards’ Tod. Keith, der eigentlich alles überlebt hat. Wenn sogar er sterben muss, dann stirbt wirklich jeder. Kaum zu glauben ist dann Bens Geschichte.

Allerdings, was nicht Unmöglich ist, ist möglich. Wenn sich also alle Atome im Arm des David in eine Richtung bewegen, dann wird er winken. Und wenn Keith nicht tot ist, lebt er. Und Fred soll Keith die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses erklären. Hanebüchen, eigentlich. Doch Fred fliegt mit Ben in die Karibik, wo sich Keith versteckt halten soll während alle Welt glaubt, er sei verstorben. Wenn man tot ist, bekommt man mehr Probleme als man denkt. Das fängt schon damit an, dass man sich nirgends mehr blicken lassen kann. Besonders nicht, wenn man Keith Richards ist und jeder einen erkennen würde. 

Etwas skurril wirkt dieses Gedankenexperiment schon, aber  sehr gelungen. Die Zeit der Starallüren ist vorbei für Keith, schließlich ist er tot. Und Fred startet mit fast sechzig nochmal durch. Als sein Freund aus alten Tagen Ben ihn ruft, macht er sich auf den Weg. Natürlich verlässt er dabei auch die alten Freunde und die Sicherheit zu hause. Doch warum nicht? Mal etwas wagen. So erlebt Fred wohl das schrägste Abenteuer seines Lebens. Und auch als Leser kann man sich das Gehirn durchpusten lassen und mal etwas Neues erlesen. Was wäre wenn? Wäre man lieber tot, wenn man tot geglaubt ist oder doch lieber lebendig? Was macht es mit einem, wenn der Tod unmöglich ist? Herrlich mit den Ideenspielereien, die der Autor sich aus dem Gehirn geschüttelt hat, selbst zu spielen, sie für sich zu durchdenken und zu erfühlen. 


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Keiths Probleme im Jenseits von Linus Reichlin
ISBN: 978-3-86971-191-1


Dienstag, 27. August 2019

Der Vater


Der preisgekrönte Journalist Marshall McEwan lebt wieder in seiner Heimatstadt Bienville, Mississippi. Sein Vater ist schwer erkrankt und McEwan unterstützt seine Mutter bei der Betreuung. Auch Leitung der kleinen Lokalzeitung seines Vaters hat er übernommen. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist schon lange nicht mehr gut. Marshall war dabei als sein Bruder Adam als Jugendlicher bei einer Mutprobe ertrank. Der Archäologe Buck Ferris war immer eine Art Ersatzvater für Marshall. Und ausgerechnet Buck wird tot am Fluss aufgefunden. Marshall will unbedingt herausfinden, wieso Ferris sterben musste. Doch schnell gerät er dabei mit den heimlichen Herrschern der Stadt, den Mitgliedern des sogenannten Poker-Clubs aneinander.

Ein undurchsichtiges Beziehungsgeflecht beherrscht den kleinen Ort Bienville. Jeder kennt jeden und alle haben privat oder geschäftlich miteinander zu tun. Viele wittern das große Geld, das eine Papierfabrik, finanziert durch chinesische Investoren, bringen soll. Es wird befürchtet, dass Ausgrabungen, die Buck getätigt haben könnte, das Projekt stoppen könnten. Außer Bucks engsten Angehörigen und Freunden hat niemand ein Interesse daran, Licht ins Dunkel zu bringen. Doch Marshall ist es seinem großen Vorbild Buck Ferris einfach schuldig. Es muss Gerechtigkeit herrschen. Dass er sich möglicherweise selbst in Gefahr bringt, kann ihn nicht abhalten.

Wir schon einige der spannenden Geschichten des Autors kennt, wird auch hier nicht enttäuscht sein. Zwar ist der vorliegende Band nicht ganz so mitreißend wie einige andere Werke, doch für so einen doch recht umfangreichen Roman liest er sich sehr schnell weg. Dies soll nicht respektlos sein, es wird einfach so viel Spannung aufgebaut und Neugier geweckt, dass man immer weiterlesen möchte. Marshall McEwan ist ein aufrechter Charakter, er kommt vielleicht mehr nach seinem Vater als er selbst wahrhaben möchte. Seine Rückkehr ist auch ein Rückkehr in die Vergangenheit. Er trifft alte Bekannte und Freunde und überdenkt sein ganzes Leben. Die Aufklärung der Hintergründe um Bucks Tod tritt dabei manchmal etwas in den Hintergrund, nur umso gewaltiger wieder an Fahrt aufzunehmen. Was Marshall enthüllt, kann die ganze Stadt verändern. Auch wenn typisch amerikanisch die handelnden Personen das Recht manchmal zu sehr in die eigene Hand nehmen, ist die Geschichte um die Heimkehr eines verlorenen Sohnes, seine Zerrissenheit und sein Streben nach Gerechtigkeit ausgesprochen lesenswert.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Verratenes Land von Greg Iles
ISBN: 978-3-95976-336-5


Sonntag, 25. August 2019

Unfinished Sympathy


Mit fünfzehn macht man viele Sachen zum ersten Mal. Aufbruchstimmung ist angesagt, jedenfalls ungefähr Mitte der 1970er. Motte und Bogi sind dicke Freunde, das Meiste machen sie gemeinsam. Bis zu dem Tag, an dem Bogi ins Krankenhaus muss. Es ist als ob die Hälfte fehlt, ein Besuch auf der Kinderstation kann das Vorher nicht ersetzen. Außerdem, wenn man immer an die coole Blonde auf dem Rad denken muss, ist die Lust auf einen Krankenbesuch nicht so groß. Wenn dann auch noch andauernd Streit zwischen den Eltern herrscht, bleibt in der eben noch heilen Welt, kaum noch etwas wie es war.

Auf jeden Jugendlichen stürzt wahrscheinlich viel ein, wenn er sich in der Mitte der Pubertät befindet. Viele erste Male stehen neben ersten letzten Malen. Motte will etwas erleben, aber Veränderungen, die er nicht steuern kann, lassen ihn nach Halt suchen. Doch was kann man schon anderes tun als die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. Im Krankenhaus ist Bogi anders, seine Welt des Drinnen unterscheidet sich von dem Draußen. Was nie im Bereich des Möglichen lag, wird auf einmal wahr. Motte gehen die Themen aus, wie soll er seinen kranken Freund unterstützen, wenn er doch ehrlich gesagt, lieber nach der nicht mehr ganz so fremden Radlerin Ausschau halten möchte. 

Es ist schon eine Tour de Force, die Motte über ein knappes Jahr durchlebt. Da liegen Humor und Tragik nahe beieinander. Beginn und Ende beschreiben den Gang der Welt. Etwas hart wird Motte aus seinem behaglichen Kindheitskokon heraus katapultiert. Unterstützung findet er von einer überraschenden Seite. Auch wenn sich ein Schulabschnitt dem Ende zuneigt, ein Umzug alles durcheinander wirbelt, da ist doch ein Anker, der bleibt. Mit dem Soundtrack seiner Jugend und der Bogis in Gedanken zieht Motte durch die Stadt, von seinem alten Leben in ein neues Leben, dass ebenso von Verlust, aber auch von Hoffnung und Liebe gekennzeichnet ist. 

Ausgesprochen gut getroffen hat der Autor den Ton der Jugend. Ja, denkt man als Leser, so war es damals. Selbst wenn man selbst einen anderen Soundtrack im Herzen hat, so erkennt man doch so vieles wieder. Die Wünsche und Sehnsüchte, die ersten Male, die positiv sind, aber auch die ersten Male, an denen man erkennt, dass es mit der Unsterblichkeit vielleicht nicht allzu weit her ist. Der erste Schmerz einer Ablehnung, das erste Aufblühen einer jungen Liebe. Man kann sich so gut in Motte hineinversetzen. Wahrscheinlich ist dieser Roman ein Schatz für jeden Leser, besonders wird er es vermutlich für die sein, die in einer ähnlichen Zeit oder Situation groß geworden sind. 

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Blackbird von Matthias Brandt
ISBN: 978-3-462-81985-4




Samstag, 24. August 2019

Der Pilot


Dr. Ruth Galloway ist mit Ausgrabungen beschäftigt. Ganz in der Nähe soll das Gelände vorbereitet werden, um neue Häuser zu erstellen. Einigermaßen entsetzt ist der Baggerführer als er auf ein altes Flugzeug stößt, dessen Pilot noch im Cockpit sitzt. Die örtliche Polizei in Person von Harry Nelson ruft Ruth Galloway herbei, die als forensische Archäologin schon häufiger eine Hilfe war, wenn es um ältere Leichen ging. Schon nach einer kurzen Untersuchung kann Ruth eines ganz genau sagen. Der Tote im Flugzeug wurde mit einem Kopfschuss getötet. Und so kann er eigentlich nicht der Pilot dieses Flugzeugs gewesen sein. 

Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich wieder heimisch in der Welt von der forensischen Archäologin Dr. Ruth Galloway. Ihre Tochter Kate ist inzwischen fast fünf und hat ihren ersten Schultag, zu dem auch Harry Nelson erscheint, der zwar der Vater der Kleinen ist, aber mit dem Ruth nicht in einer Beziehung lebt. Dennoch versuchen sie gemeinsam das Rätsel um die Identität des Fliegers zu lösen. Dabei stoßen sie auf die Familie Blackstock, die in einem heruntergekommenen Anwesen in der Nähe residiert. Die Blackstocks sind bemüht, bei den Ermittlungen zu helfen. Nur das Familienoberhaupt der alte George, der selbst noch den zweiten Weltkrieg erlebt hat, zeigt sich wenig hilfsbereit.

So very britisch wirkt dieser Kriminalroman um Dr. Ruth Galloway. Es handelt sich um den siebten Band einer Reihe. Es wird allerdings genug zur Rahmenhandlung erklärt, so dass man nicht zwingend alle Teile kennen muss. Die sympathische Ruth Galloway untersucht ihre Leichen genauestens, sorgt sich liebevoll um ihre Tochter und hat akzeptiert, dass Nelson bei seiner Frau geblieben ist. Hier hat sie ein Famiienrätsel zu entschlüsseln und Ereignisse in die Reihe zu bringen, die so garnicht passiert sein können. Mit ihrer ruhigen Art und den gewissenhaften Ermittlungen der Polizei sollte es gelingen. Man fühlt sich einfach vertraut in diesem Setting, von dem kaum zu glauben ist, dass noch nichts über eine Verfilmung zu finden ist. Die sympathischen Charaktere, eingebettet in eine realistische Rahmenhandlung, und die klug durchdachten Fälle ergeben jedenfalls sehr lesenswerte Bücher.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Grabesgrund von Elly Griffiths
ISBN: 978-3-499-21852-1


Freitag, 23. August 2019

Die Nominierten 2019


Eins vorweg: die persönliche Shortlist steht, bleibt aber geheim, um später mit der offiziellen Liste verglichen werden zu können. 

Wie in jedem Jahr ist man in freudiger Erwartung. Man muss einfach erfahren, welche Bücher es auf die Longlist der Buchpreis-Jury geschafft haben. Wird man einige der Romane oder der Autoren kennen, hat man schon den einen oder anderen Roman gelesen, kennt man möglicherweise ein anderes Buch der Autoren. Nun, diese Antwort kann bekannt gegeben werden, kennen ja, gelesen keines der Bücher, die auf der Liste stehen, doch ein, zwei der älteren Veröffentlichungen. 

Die nächste Neugier, die Leseproben, kann aufgrund recht kurzer Appetithäppchen ein Gefühl entstehen für die Bücher und ob sie danach schreien, auf der persönlichen Wunschliste zu landen. Das wie immer liebevoll und mit Wiedererkennungseffekt ausgezeichnete Bändchen mit den Leseproben ist recht schnell gelesen und den Eindrücken ein kurzes Empfinden zugeordnet. Da gibt es einiges, was erstaunt, was überrascht, erfreut, fesselt, was tatsächlich einen Weg auf die Wunschliste findet. Und so bildet sich die eigene Wunsch-Shortlist heraus und die gespannte Erwartung auf die Bekanntgabe der offiziellen  Shortlist, die am 17.09. kommt, kann beginnen. Wird es überhaupt ein Buch, das man selbst schätzt, auf die Liste schaffen. Die bisherige Erfahrung zeigt, die Chancen sind nicht allzu hoch, aber durchaus vorhanden. 

Ein großer Respekt gilt denen, die die Qual der Wahl hatten, sicher wurde da gelesen und gelesen und mächtig diskutiert. Ein wenig geheimnisvoll wirkt es, wie die Auswahl getroffen wurde. Doch so soll es wohl auch sein, Bücherlieben sind immer individuell. Schließlich ist die persönliche Shortlist und wie die Auswahl getroffen wurde geheim. Richtig liegen oder nicht, einfach lesen, was gefällt. 

Lesen ist und bleibt das schönste Hobby.

4 Sterne

Deutscher Buchpreis Die Nominierten 2019


Donnerstag, 22. August 2019

Die siebte Hölle


Maarten S. Sneijder will nicht mehr, wenn das BKA ihn nicht zu seinen Bedingungen nimmt, geht er. Eigentlich ist er schon zur Tür hinaus als ihm eine Nonne auf dem Flur begegnet, die unbedingt mit ihm sprechen will. Sneijder stürmt davon und Sabine Nemez muss die Sache übernehmen. Die schon etwas ältere Frau verlangt weiterhin nach Sneijder, gibt aber doch preis, dass sie etliche Menschen umbringen will und dass die Polizei kaum eine Chance haben wird, auch nur einen zu retten. Sabine Nemez nicht umsonst eine Schülerin Sneijders, schafft es den ersten Tatort zu finden. Doch leider zu spät, um das erste Opfer zu retten.

Und das sind sie wieder Sabine Nemez und Maarten S. Sneijder, das Dream Team, zu dem eigentlich keine Team-Player gehören. Zunächst einmal ist es alles andere als einfach, herauszufinden, was die Nonne will und was der Antrieb zu ihren Taten ist. Die Chancen stehen gut, um es mit Sneijder mal ironisch auszudrücken, zu versagen. Also keine leichte Aufgabe für die beiden Ermittler, die nach und nach doch ein kleines Team um sich sammeln. Doch es hilft nicht, sie fallen erstmal von einer Ohnmacht in die nächste, zu vage sind die vorhandenen Hinweise.

Er ist doch ein eckiger Charakter, dieser Maarten S. Sneijder, an den man sich erst gewöhnen muss. Ist das nach den ersten Bänden dieser Reihe, die auch als Hörbuch zu empfehlen sind, geschafft, freut man sich am Ende des letzten Bandes schon auf den nächsten. Dem Autor gelingt es einfach, rasant spannende Kriminalromane zu schaffen, denen es an geschliffenem Humor nicht mangelt. So kann man sich an Maarten reiben, mit Sabine mitfiebern und auf den Chef fast so schimpfen wie auf den eigenen. Obwohl mit fast 600 Seiten nicht ganz dünn, hat man bei diesem furiosen Ritt durch einen fiesen Fall das Gefühl, dass er viel zu schnell vorbeigeht. Solche Bücher braucht man ab und zu, die einen mitreißen und aus dem Alltag entführen, klasse.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Todesmal von Andreas Gruber
ISBN: 978-3-442-48656-4



Dienstag, 20. August 2019

Söhne der Freiheit


Im Jahr 1768 hält sich Duncan McCallum einige Zeit in Boston auf. Unter anderen hat beschäftigt er sich mit den Zielen der Söhne der Freiheit. Immer noch ist Duncan der, der die Toten liest und so wird er wieder einmal gerufen, um zu klären wie ein Mensch zu Tode gekommen ist. Bereits diese erste Untersuchung führt ihn und seine Freunde an den Bostoner Hafen, wo ein Schiff explodiert ist. Alle Besatzungsmitglieder wurden tot an Land gespült. Eine grausame Katastrophe, die Duncan keine Ruhe lässt. Er muss einfach herausfinden, was oder wer hinter diesem schlimmen Unglück steckt. 

Mit Conawago, seinem väterlichen Seelenverwandten, und einigen anderen, die ihm auf dem Weg zu Freunden werden, macht sich Duncan auf, das Rätsel um die Explosion zu lösen. Dabei gerät er einmal mehr in Gefahr. Genug Menschen gibt es, die ihm nach dem Leben trachten oder ihm drohen, um selbst an Informationen zu kommen. Die Zeit ist herangebrochen, in die Vertreter der Auswanderer so langsam beginnen, sich zu fragen, ob sie als eigene Herren immer tun müssen, was die Gesandten aus der alten Welt von ihnen verlangen. Besonders ungerechtfertigte Zahlungsforderungen führen zu großem Unmut. So langsam formieren sie lose Verbindungen, die für mehr Freiheit und Eigenständigkeit in den Kolonien sorgen möchten.

Bekannt ist Eliot Pattison für seine genau recherchierten Roman und mit seiner Reihe um Duncan McCallum, deren fünfter Band hier vorliegt, hat er sich eines interessanten, aber kaum bekannten Themas angenommen. Nach dem siebenjährigen Krieg beginnt die amerikanische Nation so langsam, sich zu formieren. Doch noch ist die Entwicklung am Beginn und es geht eigentlich nur um Erleichterungen und etwas Anerkennung. Teilweise sehr ergreifend und spannend werden die Ereignisse geschildert, die durch die Explosion in Gang gesetzt werden. Zwar kann es zu einigen wenigen Verständnisproblemen kommen, wenn man kein Kenner der Geschichte ist, doch das Meiste ist so dargestellt, dass die Lektüre auf informative Art fesselt. Der kurze Einblick am Schluss über das, was historisch belegt ist, erlaubt einen kleinen Einblick in die hervorragende Akkuratesse der Geschichte.


4 Sterne

Savage Liberty von Eliot Pattison
ISBN: B07KT5WW42

Sonntag, 18. August 2019

Darker


Die Geschwister Krigk und R’hee haben eine Begegnung mit einer anderen Dunkelheit, einer gefährlichen Dunkelheit. Sie müssen ihre Heimat verlassen, um selbst geschützt zu werden und die Welt zu schützen. In einer Welt, die uns bekannt vorkommt, lebt David, der es nicht so mit der Dunkelheit hat. In der Schule lernt er Ayumi kennen, die irgendwie zu leuchten scheint und doch nicht sehen kann. Sie macht ihn bekannt mit einer anderen Dunkelheit und mit ihrem Großvater, der David hilft, verschiedene Arten der Dunkelheit zu durchdringen. Der Großvater will alles tun, um die Dunkelheit im Zaum zu halten und er hofft, dass David und Ayumi ihm dabei eine Hilfe sein können. 

Es gibt verschiedene Arten von Dunkelheit, von einem leichten Grau bis zum tiefsten Schwarz. Schon immer wurde über die Dunkelheit gewacht, damit sie im Herzen der Menschen keine Überhand gewinnt. Doch das Gefüge aus Dunkelheit und Licht scheint aus dem Gleichgewicht zu kommen. Ein übermächtiger Gegner hat sie an sein übles Werk gemacht. Ist es überhaupt möglich, dass ein alter Herr und zwei Jugendliche die Welt retten können? Und wird das Vielnachtamulett sie schützen können? Die Dunkelheit ist eine große Macht.

Man wird dem Autor zustimmen, das es verschiedene Arten der Dunkelheit gibt. Daraus eine Romanidee zu generieren, hat etwas Faszinierendes. Neugierig widmet man sich den Worten und findet eine Geschichte von jungen Menschen, die einen Weg durch die Dunkelheit zu gehen haben. Gut gefällt dabei, wie unterschiedlich die Persönlichkeiten herausgearbeitet sind und welche Entwicklung sie durchmachen. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern viele Schattierungen dazwischen. Sorgen und Nöte stehen neben Hoffnung und Energie. Zwar wird das Buch als All-Age-Fantasy beschrieben, allerdings könnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich doch eher für jüngere Leser eignet. Und manchmal kommt die Frage auf, ob einzelne Punkte, die nur angerissen werden, wirklich schon auserzählt sind. Doch insgesamt überwiegt die Freude an einer fesselnden Idee bei Weitem.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Sieben Arten Dunkelheit von Christian von Aster
ISBN: 978-3-522-62174-8



Freitag, 16. August 2019

Tragödie von Caracas


Caracas ist ein gefährliches Pflaster und es gibt keine Rücksichtnahme, nicht einmal bei einer Beerdigung. Als Adelaidas Mutter nach schwerer Krankheit verstorben ist, kann Adelaida nicht lange am Grab verweilen. Zu groß ist die Gefahr eines Überfalls. So beginnt sie in ihrer Wohnung mit der Trauer, die sich in Erinnerungen ausdrückt und auch in einem sorgenvollen Blick auf die Zukunft. Wie lange wird sie mit ihrem Geld auskommen. Wird ihre Arbeit für einen Verlag genug einbringen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Doch so kurz nach dem Tod ihrer Mutter kann Adelaida kaum klare Pläne machen. Ein solch großer Verlust ist nicht leicht zu ertragen.

Adelaida kommt durch den Tod ihrer Mutter, auch wenn dieser sich durch die Krankheit schon angekündigt hatte, in eine emotionale Ausnahmesituation. Nie ist es leicht, einen geliebten Menschen zu verlieren. Doch die unsichere politische Situation im Land trägt noch zusätzlich dazu bei, Adelaidas Anspannung außerordentlich zu vergrößern. Die Lage scheint aussichtslos, die Revolutionäre, von denen manchmal nicht bekannt ist, für welche Revolution sie kämpfen, stellen eine große Bedrohung dar. Menschen verschwinden, werden gefoltert oder einer Gehirnwäsche unterzogen. Wie soll Adelaida in so einem Land weiterleben, in dem es gefährlich ist, die Straße zu betreten und auch gefährlich im Haus zu bleiben.

Ganz schön viel stürzt auf die noch junge Adelaida ein. Wie soll sie das nur alles überstehen, allein und ohne Unterstützung. Nichts anderes kann Adelaida tun als Tag für Tag zu nehmen wie er kommt. Jeder Tag könnte ein besserer werden. Zunächst jedoch kommen schlimme Tage, die nur mit den Erinnerungen an die geliebte Mutter zu überstehen sind. Adelaidas schlimmste Zeit ist aber auch eine Zeit der Hoffnung und des Aufbruchs. Wenn auch nicht alles, was in diesem unsicheren Land geschieht, nachempfunden werden kann, so hält dieses Buch einem doch deutlich vor Augen, dass man das eigene relative Sicherheit gewährende Land mehr schätzen sollte. Denn meist muss man sich keine Gedanken machen, ob man sich überhaupt auf die Straße wagen kann. Und in Trauer wird man Hilfe finden, auch wenn man den Verlust selbst ertragen muss. Adelaida erlebt eine harte Zeit in einem sich auflösenden System. Man beneidet sie nicht und man bewundert ihren Mut, gewisse Dinge in die Hand zu nehmen und Chancen zu ergreifen. Es wird wohl verständlich, was einen Menschen überzeugen kann, sein Land zu verlassen. 

Ein gelungenes Debüt, mit dem man sich auch noch nach der Lektüre weiter beschäftigt. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Nacht in Caracas von Karina Sainz Borgo
ISBN: 978-3-10-491116-8




Donnerstag, 15. August 2019

Dolce Vita


Die Isolde Oberreiter ist von der Schwermut geplagt. Doch mit sechzig soll alles besser werden. Sie zieht in die Heimat ihres verstorbenen Mannes, ins sonnige Sizilien. Ihr Neffe besucht seine Tante Poldi regelmäßig. Ihm berichtet sie von der italienischen Verwandtschaft, die sie herzlich in die Familie aufnehmen. Lebensfreude soll sie lernen und das süße Leben. Bald schon nennt die Poldi ein Häuschen ihr eigen, dass Positives verströmt. Trotzdem muss es ein wenig auf Vordermann gebracht werden. Dabei hilft der Valentino, den die Tante Poldi viel zu früh tot am Strand findet. Da kann einfach etwas nicht mit richtigen Dingen zugegangen sein.

Es ist der Neffe, der von Poldis Abenteuern berichtet. Doch natürlich lässt sich die Poldi nicht das Heft aus der Hand nehmen und sie verleiht dem Bericht ihr eigenes Timbre. War doch ihr Vater ein ein Polizeibeamter in Augsburg, sieht sie sich durchaus in der Lage, den Tot Valentinos aufzuklären. Doch erstmal verhilft sie der örtlichen Polizei zu einem Kompetenzgerangel, weil sie mehrere Stellen anruft, um den Tod zu melden. Eigentlich hätte sie es wissen müssen, schließlich sind Uniformen ihr Hobby und sie fotografiert gerne deren hübsche Träger. Doch so lernt sie Kommissar Montana kennen, der ist nicht von schlechten Eltern und in Poldis Alter.

Launig wird dieses Hörbuch vorgetragen von Philip Moog. Es ist schon bewundernswert, wie er Poldis bajuwarische Mundart nachahmt und auch den anderen Akteuren eine eigene Stimme gibt. Vielleicht wird es manchmal etwas viel damit, aber dennoch hält dieses Hörbuch einige Lacher bereit. Die Situationskomik ist gelungen und auch die Darstellung der Bayerin auf Sizilien. Die Poldi ist einfach eine, die nicht aufgibt, auch wenn die Schwermut sie manchmal plagt. Der ungeklärte Todesfall ist da gerade die richtige Ablenkung (der Montana natürlich auch). Dass dabei manchmal etwas übertrieben wird, verzeiht man schnell. Denn kurzweilig ist es an Poldis Abenteuern teilzuhaben und sich zu freuen, wenn sie nach und nach das dolce Vita lernt. Da kann man sich direkt eine Scheibe abschneiden.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Tante Poldi und die sizilianischen Löwen von Mario Giordano
ISBN: 978-3-7857-5077-3



Sonntag, 11. August 2019

Neuanfang



Vor einem Jahr ist Tom Kennedys Frau gestorben. Ihr gemeinsamer Sohn, der inzwischen 7jährige Jake ist froh, dass er und sein Vater an einem anderen Ort einen Neuanfang starten wollen. Sie verstehen sich nicht immer gut, aber trotz gelegentlicher Streitigkeiten haben sie sich lieb. Ganz so wie erhofft läuft der Neustart allerdings nicht. Obwohl Jake sich das Haus selbst ausgesucht hat, bekommt er in der Nacht Angst. Und auch die ersten Tage in der Schule sind schwer für ihn als Neuen. Tom, der einige Romane geschrieben hat, kann nicht arbeiten. Auch er leidet unter dem Verlust seiner Frau. Dass an seinem neuen Wohnort ein Kind verschwunden ist, hat er noch nicht mitbekommen.

Wie sehr leidet die kleine Familie unter dem Verlust der geliebten Frau und Mutter. Kein Wunder, dass es Schwierigkeiten gibt. Niemand ist darauf vorbereitet, einen geliebten Menschen zu verlieren. Nicht einmal, wenn man darauf gefasst sein muss, und schon gar nicht, wenn es einen unerwartet trifft. Tom will für seinen Sohn stark sein und Jake für seinen Vater. Inzwischen ist die Polizei immer noch dabei, den verschwundenen Jungen zu suchen. Die Vorgänge ähneln einem Fall, der bereits vor zwanzig Jahren als gelöst galt. Der damalige Täter wurde gefasst und sitzt immer noch ein.

In Teilbereichen ist dieser Debütroman schon etwas spooky. Es wird richtig unheimlich in diesem Haus mit der knarrenden Treppe und dem Flüstern. Da überläuft einem schon mal ein Schauer. Gleichzeitig empfindet man die Tragik des Todes der jungen Mutter. Vater und Sohn leiden und versuchen, sich gegenseitig eine Stütze zu sein. Spannend ist die fieberhafte Suche der Polizei nach dem verschwundenen Kind. Sie befürchten, sie könnten den Wettlauf mit der Zeit verlieren. Nach und nach kommt einem der Verdacht, der damalige Täter könnte auch jetzt noch eine Verbindung zum Geschehen haben. Geschickt werden die Szenenwechsel eingesetzt, um einen lange im Unklaren zu lassen, was hier wirklich vorgeht. Ein echter Suspense-Thriller mit einem leichten Grusel, bei dem man nicht so leicht errät, was vor sich geht.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Kinderflüsterer von Alex North
ISBN: 978-3-7645-0710-7



Samstag, 10. August 2019

Der Wendepunkt


Immer noch sind Ted Conkaffey und Amanda Pharrell die ungewöhnlichsten und auch einzigen Privatdetektive von Crimson Lake. Und eigentlich will die Polizei nicht viel mit ihnen zu tun haben, aber wohl oder übel müssen die Beamten akzeptieren, dass der Vater eines jungen Mordopfers Ted engagiert. Er traut Ted zu, den Täter zu finden. Die neu eingesetzte Kommissarin Pip Sweeney ist eigentlich froh über die Unterstützung, schließlich ist es ihr erster großer Fall. Zunächst tappen die Ermittler jedoch im dunkeln. Zwei Opfer, Mitarbeiter in einer Bar, keine Feinde, Nachbarn in der Umgebung, die nichts gesehen und gehört haben. 

Ted Conkaffey, der dem schlimmen Verdacht ausgesetzt war, ein Mädchen überfallen zu haben, versucht auch in seiner eigenen Sache, den wirklichen Täter zu finden. Und Amanda, die verurteilte Mörderin, hat im Gegensatz dazu mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Sie hat zwar eine eigenartige Persönlichkeit entwickelt, doch sie gehört inzwischen in Teds Leben. Ungefähr so wie seine Gänse, nur dass sie ihn verarzten kann, wenn er mal wieder mit jemanden aneinander gerät, der ihm handfest kundtun muss, was er von Entführern hält, deren Unschuld nicht erwiesen ist. In dieser Ermittlung ist Ted durch unerwartete Entwicklungen in seinem Fall abgelenkt, hier muss er eher unfreiwillig die Hilfe von einem Drogenboss annehmen. 

Ted und Amanda haben hier ihren zweiten gemeinsamen Auftritt. Mit den schnellen Szenenwechseln und den verschiedenen Erzählperspektiven wird dem Leser ein abwechslungsreiches Werk präsentiert. Schließlich sind es zwei Fälle, die gelöst werden wollen. Wer hatte einen Grund, Mitarbeiter einer Bar zu töten? Und wer war der wirkliche Täter, für den Ted in Haft kam und fast verurteilt worden wäre. Vor Teds Kampf um die Wiederherstellung seines Rufes verblasst Amandas Suche nach einem Mörder etwas. Beinahe als sei sogar der Autorin die eine Sache wichtiger gewesen als die andere. Mit großer Intensität wird Teds Mühen um sich selbst dargestellt, sein Weg zu einer mehr in sich ruhenden Persönlichkeit. Dagegen flattert Amanda etwas ziellos durch den Roman und das kurze Aufblinken von Pip Sweeney wird zur etwas traurigen Randnotiz. Dennoch birgt dieser Kriminalroman mit seinem schrägen und doch sympathischen Ermittler-Duo einiges an Potential und weckt Interesse am weiteren Fortkommen seiner Protagonisten.

Ein dritter Band der Reihe ist auf Englisch (auf Deutsch im November 2019) bereits erschienen. Man darf also gespannt sein wie es weitergeht.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Redemption Point von Candice Fox
ISBN: 978-3-518-46898-2



Freitag, 9. August 2019

Bussi Bussi


Den Namen hat er seinem italienischen Großvater zu verdanken, doch zufrieden ist der Polizist Arno Bussi damit nicht. Schließlich kommt er um keinen noch so dummen Scherz herum. Seiner Karriere sollte das nicht abträglich sein und so ist der beim LKA in Wien gelandet (und im Bett mit der Frau seines obersten Chefs). Vorbei ist es mit dem schönen Aufstieg. Als Sonderermittler geht es ab in das hinterletzte Tal Tirols. Der Bürgermeister ist seit ein paar Tagen verschwunden und Arno soll ihn wiederfinden. Was er nach einer langen Fahrt mit seiner blauen Vespa zunächst findet, ist eine heruntergekommene Polizeiwache, die außer Betrieb scheint. 

Vielleicht sollte man gewisse Aktivitäten einfach lassen. Allerdings ist das manchmal leichter gesagt als getan. Und dann muss man die Suppe auslöffeln, die man sich selbst eingebrockt hat. Notgedrungen macht sich der 28jährige Arno Bussi einen Plan, der sofort durch laute Rufe durchkreuzt wird. Etwas wurde gefunden, das der sofortigen Aufmerksamkeit bedarf. Wenn es schon nicht Wien, London oder Paris sein sollen, dann doch gleich ein richtiger Fall. Durch das Auffinden einer Leiche, wird die Suche nach dem Bürgermeister aufs äußerste verkürzt. Und Arno Bussi darf einen Mord aufklären.

Seinen Wunsch auf einen Kaffee am Morgen kann man gut verstehen. Wenn einem sonst die Felle davonschwimmen, wäre das doch das Mindeste. Man beginnt Mitleid mit Bussi zu haben, wenn ihm dieser Wunsch kurz vor der Erfüllung immer wieder versagt wird. Mit seinen Ermittlungen ist Bussi ziemlich auf sich allein gestellt, das Tal ist abgeschnitten und bis Hilfe von außen kommen kann, wird es noch etwas dauern. Doch Bussi stammt vom Land und so kann er sich gut in die Dorfbewohner hineinversetzen und ihnen einen Hinweis nach dem anderen entlocken. Ja, so geht es auf dem Land. Mit Spürsinn, Wortwitz und Humor versucht der Arno Bussi dem Täter auf die Spur zu kommen. Die manchmal etwas skurrilen Dorfbewohner sind dabei Hilfe oder Hindernis zugleich. 

Ein kurzweiliger erster Band um den Inspektor Arno Bussi, der auf seiner blauen Vespa von Fall zu Fall reitet.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Tote im Schnitzelparadies von Joe Fischler
ISBN: 978-3-462-05151-2


Montag, 5. August 2019

Agentin Attica


Im amerikanischen Virginia aufgewachsen lebt Attica Morgan im Jahr 1789 in London, meistens jedenfalls. Von ihrem Vater Lord Morgan zwar anerkannt, aber doch nicht hundertprozentig gesellschaftsfähig. Doch so wie es sie in einigen Bereichen einschränkt, so ergeben sich in anderen Bereichen Möglichkeiten, die andere Frauen ihrer Zeit nicht haben. Attica ist im Auftrag ihrer Majestät häufiger undercover unterwegs. Sie befreit Landsleute, die in anderen Ländern in Not geraten sind. Und dafür wendet sie recht unkonventionelle Methoden an. Nun verschlägt es sie nach Frankreich. Ein Spion, den sie noch vor einiger Zeit gerettet hat, soll in der Bastille umgekommen sein.

Am Vorabend der französischen Revolution kommt die junge Engländerin nach Paris. Sie will aufklären, wieso ein anderer Agent umgebracht wurde. Gleichzeitig sucht sie ihre Cousine Grace, die ebenfalls in geheimer Mission unterwegs ist. Eine Mission, die eigentlich nicht gefährlich sein sollte, doch nun ist Grace verschwunden. In Paris brodelt es, das Volk hungert und muss doch dem König seine Verschwendung bezahlen. Das kann nicht mehr ewig gutgehen und schon kommt es zu kleineren Scharmützeln. Doch auch die Männer des Königs ruhen nicht und noch immer muss das gemeine Volk an ihnen leiden. Kein Wunder, dass der Gedanke aufkommt, sich zu wehren. 

Attica Morgan ist eine fast überirdische Heldin, sie spricht mehrere Sprache, sie kann kämpfen und sie sieht gut aus. Und doch ist ihr Leben nicht perfekt. Da ihre Mutter aus den amerikanischen Kolonien stammt, kann Attica nicht die gesellschaftliche Stellung einnehmen, die ihr als Tochter ihres Vaters eigentlich zustünde. Doch für ihre Zeit macht sie das Beste daraus. Ihr ist ein recht abenteuerliches Leben vergönnt. Als Spionin reist sie durch Europa und in diesem ersten Band einer Reihe verschlägt es sie nach Paris. Die Revolution ist kurz vor dem Ausbruch und damit wird die Stadt für eine Dame von Stand zu einem gefährlichen Pflaster. Doch Attica boxt sich durch. Unklar bleibt jedoch lange, ob sie ihre Aufgabe erfüllen kann. 

Die Darstellung von Attica ist etwas überhöht und so vermag man sich manchmal nicht in sie hineinzuversetzen. Gleichwohl wirkt sie in ihrer Stärke und unterschwelligen Zerrissenheit sympathisch. Da möchte man ihren Zeitgenossen manchmal den gleichen Mut wünschen. Spannend ist der Einblick in die beginnende Revolution. Hier schildert die Autorin mit fesselnden Worten wie das unterdrückte Volk empfunden haben muss, die Dekadenz und Arroganz der herrschenden Klasse, die nur auf ihren Untergang hinarbeitet. Beeindruckend ist die Darstellung des Sturms auf die Bastille. Dieser erste Band einer Reihe lässt durchaus noch Luft nach oben, macht aber durchaus neugierig auf weitere Abenteuer von Attica Morgan.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

The Bastille Spy von C. S. Qinn
ISBN: 978-1-7864-9842-7

Sonntag, 4. August 2019

Das Wunder


Es ist tragisch, Ians Frau ist schwer an Krebs erkrankt. Eigentlich hatte sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden, dachte Ian. Doch als sie von der Wunderheilerin Megan hört, möchte sie einen letzten Versuch starten. Nach dem Treffen scheint es Jane Hewitt tatsächlich besser zu gehen. Mit Ian verbringt sie einen wunderbaren Tag, doch dann stirbt sie schneller als erwartet. Ian ist untröstlich, er gibt Megan die Schuld am noch früheren Tod seiner Frau. Megan liegt allerdings nach einem Unfall seit Jahren im Koma. Als Ian wegen Belästigung verhaftet wird, bittet er Dr. Alex Ripley um Hilfe.

Gerade ist Alex geschwächt von einem Einsatz zurückgekommen. Erholung ist es, was sie braucht. Ians Geschichte fasziniert sie doch so sehr, dass sie sich nach Holy Island vor der walisischen Küste aufmacht, um herauszufinden, ob Megan tatsächlich Wunder wirken kann. Dr. Ripley ist Theologin und sie hat sich auf die Erforschung möglicher übersinnlicher Phänomene spezialisiert. Wie sie in ihrem neuesten Buch schreibt, hat sie bisher keinen Beweis für das Wirken von Wundern finden können, allerdings auch keinen Gegenbeweis. Megans Geschichte hätte genau ins Buch gepasst. Kann die junge Frau, die seit Jahren in ihrem Zustand ist, vielleicht doch Wunder wirken?

Dies ist bereits der zweite Band um Dr. Alex Ripley. Zwar gibt es kleine Andeutungen zu dem anderen Buch, zum Glück werden für die Lektüre keine Vorkenntnisse benötigt, die Ermittlungen sind in sich abgeschlossen und die Rahmenhandlung wird so erklärt, dass man problemlos hineinkommt. Interessant wie die Autorin die Frage nach der Existenz von Wundern herangeht, denn der Leser entscheidet schließlich selbst, wie er die entsprechenden Passagen deutet. Das gibt einen Anstoß einmal genauer über das Thema nachzudenken. Gleichzeitig taucht Alex Ripley ins Gefüge eines kleinen Dorfes ein, dessen Bewohner oberflächlich freundlich sind. Allerdings sind viele auch finanziell abhängig von Megans Unterstützern. Alex merkt schnell, dass diese Freundlichkeit häufig nur vorgeschoben ist und sie sich vorsehen muss. Megans Schicksal bildet das Zentrum der Handlung, trotz ihrer erzwungenen Abwesenheit beherrscht der Gedanke an ihr Schicksal alles. Einige weitere Handlungsstränge wirken daneben ein wenig schnell und oberflächlich abgehandelt. Wem allerdings der fesselnd andere Ansatz gefällt, wird sich daran nicht groß stören und gebannt weiterlesen, um zu erfahren, was Alex Ripley noch herausfinden wird.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Schweigen der Angst von M Sean Coleman
ISBN: 978-3-7325-6967-0


Samstag, 3. August 2019

Community Berlin


In Berlin wird ein offensichtlich schwer reicher arabischer Geschäftsmann tot aufgefunden. Am Fundort fehlt der Kopf der Leiche. Kommissar Heiko Brandt wird mit den Ermittlungen betraut. Er leitet ein Sonderdezernat für Tötungsdelikte mit fremdkulturellen Hintergrund, das zur Zeit aus einer Person besteht. Zunächst gilt es, den Toten zu identifizieren und zu erforschen, weshalb er sich in der Hauptstadt aufhielt. Ein Fall mit einer weiteren Toten, deren Name nicht bekannt ist, betrifft Brandt nur am Rande. Da er jedoch selbst eine Weile auf den Philippinen gelebt hat, möchte er dafür sorgen, dass die Tote einen Namen bekommt und ihre Familie von ihrem Ableben erfährt.

Ob ihm ein Berufsleben Ethnologe besser gefallen hätte, kann Heiko Brandt nicht sagen. Ein traumatisches Erlebnis hat ihn in die Heimat gebracht und so stellt er seine Erfahrungen mit fremden Kulturen der Polizei zur Verfügung. Wie in jeder großen Stadt so tummeln sich auch in Berlin Menschen der verschiedensten Kulturen. Oft bilden sie dabei ihre kleinen Communities, in der die Verbindung zur Heimat gepflegt wird. Während der Ermittlungen bekommt Brandt eine neue Partnerin, die ebenso eigenwillig ist wie er selbst und auf alle Fälle kann sie besser Auto fahren als er. 

Das Autorenduo ist bekannt für seine spannenden Krimis. Möglicherweise neigt man dazu, sich mit den Ermittlern eher zu identifizieren, die man zuerst kennengelernt hat. Das wären in diesem Fall die anderen. Ob man in jedem Fall Kommissare mit einen problembehafteten Hintergrund braucht, mag dahingestellt sein. Das Tötungsdelikt, welches er aufklären soll, hat es jedenfalls in sich. Hier zeigen die Autoren großes Geschick. Sie locken, sie spielen, sie zeigen, dass es in Berlin mehr gibt als man beim Durchwandern der Straßen vermuten würde. Ein Fall, der auch die ganze Vielfalt der Kulturen zeigt, die in Berlin heimisch sind. Nicht alles kann dabei positiv sein, wie es in einer Gesellschaft normal ist. Dieser Kriminalroman fesselt mit seiner besonderen Komposition.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Kopfjagd von Peter Gallert und Jörg Reiter
ISBN: 978-3-95451-940-8



Freitag, 2. August 2019

Der Ausbruch


Manche Sachen dürfen einfach nicht geschehen. Robert Hunter ist entsetzt als er erfährt, dass der Serienmörder Lucian Folter aus dem Gefängnis entkommen konnte. Aus einem Hochsicherheitsgefängnis? Das sollte doch unmöglich sein. Folter war in einem Krankentrakt und dieser bildete keine große Herausforderung. Fast schon wie nebenbei bringt der Killer noch ein paar Mitarbeiter des Gefängnisses um. Hunter kann es kaum fassen, wie man Folter auch nur den Hauch einer Gelegenheit zur Flucht geben konnte. Es hätte klar sein müssen, dass er jeden Strohhalm ergreifen würde. Und Folter ist durchaus so intelligent, sich unter dem Radar zu halten. 

Werden Hunter und Garcia es schaffen, Lucian Folter wieder einzufangen? Die Chancen stehen schlecht, der Mörder hatte einen Vorsprung und ist bekanntermaßen ein Genie darin, sich zu verkleiden und zu verstellen. Sein Ziel ist unbekannt. Will er etwa seine Tagebücher wiederhaben? Oder ist er auf Rache aus? In seiner Jugend war er dem etwas jüngeren Robert Hunter fast so etwas wie ein Freund. Folter weiß, dass Hunter alles tun wird, um ihn aufzuspüren. Folters geniale aber perfide Denkweise, lässt ihn einen Plan entwickeln, dessen erster Schritt es ist, Hunter seinen groben Aufenthaltsort mitzuteilen. 

In seinem zehnten Fall muss Robert Hunter sich ein zweites Mal mit dem Schwerstverbrecher Lucian Folter beschäftigen. Und dieser Folter vermag es, seine Opfer wirklich grausam zu foltern. Dieses Wortspiel muss bei dem Namen einfach erlaubt sein. Man fragt sich am Rande, ob dem Autor diese Wortähnlichkeit bewusst war. Da Folter im englischen Original auch Folter heißt, wohl eher nicht. Wie man es von Chris Carter gewöhnt ist, liest sich dieser packende Thriller recht schnell. Dabei richtet der Täter einige seiner Opfer so grausam hin, dass man fast an eine Grenze kommt. Die Handlung ist aber so spannend, dass man nicht aufhören kann zu lesen. Zum Schluss hin bekommt man den Eindruck, ein Film wäre geeigneter gewesen, die Handlung zu verfolgen. Versiert versteht es der Autor, mehr als eine Überraschung aus dem Hut zu zaubern. Wenn man meint, man hat etwas erahnt, sollte man sich nicht zu sicher fühlen. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Jagd auf die Bestie von Chris Carter
ISBN: 978-3-8437-2057-1


Donnerstag, 1. August 2019

Wincroft


Nun ist es schon ein Jahr her, dass ihr Freund Jim verschwand und zwei Tage später tot aufgefunden wurde. Beatrice hat seinen Tod noch immer nicht überwunden, aber sie will wissen, was in der Nacht wirklich geschehen ist. Noch einmal will sie die Freunde von damals treffen, in Wincroft, wo sie so viel Zeit verbracht haben. Doch je näher das Ziel kommt, desto unsicherer wird Beatrice, ist Wissen wirklich essentiell? Mit den Freunden ist es nicht wie früher, Jim war ihr Zentrum und ihr Zusammenhalt. Ohne ihn sind sie nur eine Gruppe von jungen Leuten, die nach einer Party einen Unfall hatte.

Ein Unfall, mit dem der Wächter auf den Plan gerufen wird, der den jungen Leuten mitteilt, dass sie die selbe Zeit immer wieder erleben müssen, bis sie entschieden haben, wer überleben wird, denn nur einer kann überleben. Wie Beatrice im Buch selbst erwähnt, der Groundhog Day lässt grüßen. Und dieser Tag mutet Beatrice und ihren Freunden einiges zu. Auch wenn es Momente gibt, in denen sie ihre quasi Unsterblichkeit beinahe genießen, kommen die Fünf doch zu dem Schluss, dass sie zusammenwirken wollen, um der ewigen Wiederholung zu entfliehen. Nur so können sie es schaffen, aufzuklären, was vor Jims Tod geschehen ist.

Man fragt sich anfänglich schon, ob die Autorin einer bekannten Idee eine neue Facette abgewinnen kann. Zum Glück muss man nicht lange lesen, um von der Handlung des Buches gefangen genommen zu werden. Beatrice lernt ihre Freunde auf eine ganz neue Art kennen. Gemeinsam und auch getrennt durchlaufen sie Phasen, in denen ihr Aufenthalt in der Niemalswelt mehr oder weniger erträglich ist. Doch je mehr ihnen klar wird, dass sie letztlich nur zusammen stark sind, desto mehr können sie die Zeit vor Jims Tod rekonstruieren und ihre Empfindungen unter einander, seien sie positiv oder negativ, entschlüsseln. Es überrascht nicht, dass dabei einige Überraschungen ans Licht kommen. Hat man erstmal mit der Lektüre begonnen, findet man hier eines der seltenen Bücher, die einen eintauchen lassen in eine fremde Welt, die man erst wieder verlassen möchte, wenn das letzte Rätsel gelöst ist.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Neverworld Wake von Marisha Pessl
ISBN: 978-0-525-64443-3