Samstag, 20. Juni 2015

Alte Kampfgenossen

Nach dem Urlaub muss Inspecteur Gilles Sebag seiner Tochter beistehen, während sie einen ersten schweren Gang antritt. Ein Schulkamerad des jungen Mädchens ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und wird nun zu Grabe getragen. Auf Wunsch seiner Tochter will sich Sebag den Unfallhergang noch einmal genauer anschauen. Kaum wieder im Kommissariat steht jedoch eine Mordermittlung an, die wichtiger ist. Ein alter Mann ist erschossen worden und es scheint Verbindungen zur Gemeinschaft der Algerien-Franzosen zu geben. Doch wer kann da mehr als 50 Jahre nach der Unabhängigkeit Algeriens noch ein Interesse daran haben, einen Mord zu begehen.

Mit der recht plastischen Schilderung des Mordes an einem alten Mann startet dieser Kriminalroman, der dann mit sich eher langsam entwickelnden Ermittlungen weiter voranschreitet. Inspecteuer Sebag, der sich bisher kaum mit diesem Teil der französischen Vergangenheit beschäftigt hat, erteilt sich selbst und dem Leser eine kleine Geschichtsstunde und müht sich die Zusammenhänge zu verstehen. Welche Auswirkungen hat die Vergangenheit auf die Gegenwart, konnten die Menschen nicht loslassen. Doch ein Mitglied erklärt es recht gut, der Schmerz und die Sehnsucht hält die Gemeinschaft zusammen und er darf deshalb nicht vergehen. Doch welcher Schmerz treibt den Mörder an. Gilles Sebags Spürsinn beginnt zu arbeiten, wobei er auch den Wunsch seiner Tochter nicht außer Acht lässt. Doch oft genug wird er abgelenkt von seinen Eifersuchtsanfällen. Noch immer rätselt er, ob seine Frau eine Affäre gehabt haben könnte. Noch immer wagt er es nicht, direkt zu fragen, aus Angst der Verdacht könnte sich bestätigen.


Ein gewiefter Ermittler dieser Gilles Sebag, der seine Kollegen so manches Mal verblüfft und zur Verzweiflung bringt, da er mit seiner Intuition häufig schneller ist und Antworten parad hat, die die anderen in mühsamer Kleinarbeit gefunden haben. Ein sehr interessanter Krimi mit einem geschichtlichen Hintergrund, die dem Leser eine Thematik näher bringt, die hier vermutlich ebenso in Vergessenheit gerät wie in Frankreich oder sogar mehr noch, da keine direkte Betroffenheit besteht. Ein eher ruhiger Handlungslauf, der dennoch fesselt, lesenswert.

4 Sterne

Wetterleuchten im Roussillon von Philippe Georget
ISBN: 978-3-548-28615-0


Freitag, 19. Juni 2015

Ein geborener Tierpfleger

Nach ihrer Scheidung lebt Winnie mit ihrer 16jährigen Tochter Lacey weiter in ihrem Haus. Von der Trennung hat sich Winnie nie richtig erholt, so lebt sie vor sich hin und bemerkt nicht wie unzufrieden Lacey eigentlich ist. Eines Tages wird Winnie auf dem Weg in den Tennisclub entführt. Der Entführer versteckt sich nicht, es handelt sich um einen jungen Mann, der mit einem riesigen Leguan zusammenlebt. Winnie versteht nicht, wie es dazu kommen konnte, wieso hat er sie geschnappt, sie ist nicht reich, sie sieht normal aus. Die Reichen in der Familie sind ihr Ex-Mann und ihre Mutter, die Schönen ihre Mutter und ihre Tochter, die Berühmten ihre Mutter und ihr Ex. Wieso also Winnie.


Titel und Beschreibung versprechen entweder eine witzige, geheimnisvolle, vielleicht auch anrührende Geschichte oder einen rasanten Thriller von einer „Award-winning“ Autorin. Was man bekommt, ist schwer zu beschreiben. Mal wieder etwas, wo man an seinen Englischkenntnissen zweifelt. Bekommt man etwas nicht mit, versteht man die Nachricht nicht? Der Witz erschließt sich nicht, sympathisch ist niemand. Winnie keine Heldin, eher eine, die sich unnütz in Gefahr begibt, besonders nachdem der Entführer das erste Mal ausgerastet ist. Ihre Tochter ein verzogenes Blag. Ihr Mann ein gegen die Midlife-Crisis kämpfender etwas abgehalfterter Showman. Und der Leguan kann einfach nicht anders, er ist halt ein Leguan. Sicher gibt es viele Leser, denen genau dieses Konzept sehr gefällt, doch sicher gibt es auch andere, die im Laufe der Lektüre ins Kämpfen geraten um jede einzelne Seite, denen die Figuren mit jeder Wendung weniger sympathisch werden, der Verlauf der Handlung immer unverständlicher, die schließlich den Schluss mit Erleichterung genießen, weil sich doch irgendwie alles fügt und das Buch endlich beendet ist.

2 Sterne

The Care and Feeding of exotic Pets von Diana Wagman
ISBN: 978-1-935439-71-4

Donnerstag, 18. Juni 2015

Landreform


Zum Glück schon seit Längerem gibt es in Namibia keine Apartheid mehr. Doch immer noch sind es meist die Menschen der Urbevölkerung, die arm sind, während die anderen immer noch das Land besitzen. Um diesem Missstand zu begegnen, wurde seitens der Politik begonnen, einige der Farmer zu enteignen. Nicht alle nehmen dies gerne hin. Und so wird die Polizei eines Abend zu einem Toten gerufen, der offensichtlich erschossen wurde. Allem Anschein nach hat Georg Rodenstein eine Bande von Schwarzen erwischt als sie Teile seiner Sonnenkollektoren stehlen wollten und anstatt einfach nur zu fliehen, hat einer der drei Diebe den Farmer getötet. 

Vage schon einmal gehört, Enteignungen von weißen Farmen im Namibia. Eigentlich hört es sich ganz logisch an. Schließlich könnte man denken, die Weißen haben die Ländereien während der Kolonialzeit mehr oder weniger besetzt und in Besitz genommen. Es klingt nach Gerechtigkeit, wenn da ein Unrecht rückgängig gemacht werden soll und die ursprünglichen Bewohner des Landes ihr ureigenes Gebiet wieder einnehmen können. Doch Farmen die seit Jahrzehnten erfolgreich bestellt werden zu parzellieren und an Menschen zu vergeben, die mangels besserer Ausbildung eigentlich keine andere Chance haben, als das Land herunterzuwirtschaften, scheint auch nicht die optimale Lösung zu sein.

Um diese Problematik kreist dieser Roman. Die sympathische Polizistin Clemencia Garises ermittelt gewissenhaft und mit Intuition. Mühsam hat sie sich hochgearbeitet, farbige Polizistinnen sind doch noch ein eher seltener Anblick. Doch Clemencia passt zu ihrem Beruf, auch wenn sie gerade in diesem Fall beinahe schon persönlich betroffen ist, nimmt sie die Wanderung auf der Rasierklinge an und lässt nicht locker bis sie alle Puzzleteile zusammen hat. 


Enteignungen, Korruption, Verwandte, die einem das Leben auch nicht leichter machen, ergeben eine interessante Mischung mit viel Lokalkolorit. Man dringt tief in die Stimmungslage des Landes ein und kann schließlich mit Fug und Recht behaupten, ein klein wenig schlauer geworden zu sein. Allerdings erscheint die Darstellung gerade zu Beginn etwas trocken. Zwar packt der Krimi mehr und mehr je mehr sich die Bausteine zusammenfügen, doch so wahrhaft mitzureißen vermag das Buch nicht.

3,5 Sterne

Steinland von Bernhard Jaumann
ISBN: 978-3-463-40570-4


Dienstag, 16. Juni 2015

Vier Freundinnen sind wir

In Flagranti ertappt Claudia ihren Ehemann. Wutentbrannt erklärt sie ihre langjährige Ehe für beendet und kehrt zurück in ihre deutsche Heimat. Dort werden sie und ihr 15jähriger Sohn Mike mit offenen Armen empfangen. Beinahe scheint es als wäre sie nie fort gewesen. Die vier Mädels Hannah, Karin, Maria und Claudia sind ein Herz und eine Seele. Claudia wähnt sich sehr glücklich, eine schöne kleine Wohnung ist schnell gefunden, ein toller Job und der Chef ist auch nicht von schlechten Eltern. Doch weshalb will er die neue Liebe nicht öffentlich machen?

In diesem turbulenten Roman über eine sympathische Clique von vier Freundinnen passiert so einiges. Claudia, die Hauptperson muss einige Schicksalsschläge überwinden und auch im Leben ihrer Freundinnen gibt es einige Aufs und Abs. So hat Karin mit ihren fünf lebhaften Kindern gut zu tun, während es Marie manchmal sehr traurig stimmt, dass sie noch keine Kinder hat. Hannah, dagegen, ist die toughe im Bunde, die lieber eine Affäre genießt als sich fest zu binden. 

Diese quirligen jungen Damen, die bald ein mittleres Alter erreichen, machen ihren Lesern viel Freude. Wenn auch eher ein Buch des leichteres Genres, überzeugen die Freundinnen mit ihrer Warmherzigkeit und Lebendigkeit. Man sagt sich manchmal: Gute Entscheidung, dann wieder fragt man sich: Was macht sie denn nun? um schließlich zu kichern und zu grinsen. Nur am Schluss geht alles ein wenig schnell, so dass man sich herausgerissen fühlt aus dieser heimeligen Atmosphäre. 


In ihrer Danksagung schließlich lässt die Autorin ihre Leser teilhaben am Vorgang der Schöpfung, den sie gemeinsam mit ihrem Roman durchlebt hat und man gewinnt einiges an Verständnis dafür welch intensive Zeit und harte Arbeit zu dem Ergebnis eines fluffig amüsanten Werkes führt. 

4 Sterne

Auf die Freundschaft von Annika Bühnemann
ISBN: 978-3-8476-4574-0

Sonntag, 14. Juni 2015

Endreinigung

Die Saison neigt sich dem Ende zu, nachdem die letzten Mieter Gunnars Ferienwohnung verlassen haben, will er reinemachen, um das Haus für den Herbst zu schließen. Dabei geht er besonders gründlich zu Werke, auch die letzte Ecke soll sauber sein. Als er auf dem Dachboden einen seltsamen Geruch wahrnimmt, öffnet er auch die alte Truhe. Dort blickt ihm die Leiche einer wohl älteren Frau entgegen, die nicht erst seit gestern in der Truhe liegen kann. Entsetzt ruft Gunnar die Polizei.  Schon bald ist das gesamte Ermittlerteam vor Ort und Sven Lundquist beginnt mit dem Zusammentragen der Informationen. 

Sehr erschreckend, auf dem eigenen Dachboden eine Leiche zu finden. Wie kann sie nur dorthin gelangt sein. Schließlich war das Haus kaum je unbeaufsichtigt. Ob sogar die Feriengäste eine unliebsame Verwandte loswerden wollten. Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für den Teil der Presse, die ihrer Meinung nach zu vielen Fremden im Land skeptisch gegenüber steht, selbst wenn es nur Urlauber sind, die das Land doch eh wieder verlassen. Und so gestalten sich die Ermittlungen erstmal schwierig.

Spannend und nervenaufreibend beginnt dieser Krimi. Gleich zu Beginn wird man der Psyche des Mörders ausgesetzt und muss der Tat folgen. In der Folge erstaunlich, dass die Nachforschungen bei den Feriengästen mehr im Vordergrund zu stehen scheinen als die Ermittlungen am Fundort. Man fragt sich als Leser schon, ob der Schwerpunkt hier nicht doch etwas eigentümlich gesetzt wird. Hinzu kommt die Umwälzungen im Privatleben des Kommissars, Probleme tauchen auf, mit denen es umzugehen gilt. Doch wirkt die gesamte Komposition manchmal etwas sprunghaft. Zeit wird auf Nebenschauplätzen vertändelt und die Gradlinigkeit geht etwas verloren. 


Für ein recht preisgünstiges ebook eine unterhaltsame Lektüre, doch ist es eher fraglich, dass die Personen lange die Erinnerung bestimmen.

3 Sterne

Ferienhaus für eine Leiche von Franziska Steinhauer
ISBN: 978-3-938568-73-6


Freitag, 12. Juni 2015

Letzte Fahrt

1940 in Paris, der Orient-Express startet zu seiner vorerst letzten Fahrt. In seinen eleganten Schlafwagen und dem Speisewagen sind unterschiedlichste Gäste unterwegs. Angefangen bei König Carol von Karpatien bis zu Ingolf Helmbrecht, einem Deutschen, der nicht so deutsch erscheint. Unterschiedlichste Menschen auf einer gemeinsamen Reise unter der Bedrohung durch die Deutschen, die zu Beginn des Krieges alle Macht in Europa innehaben. Sogar Wagen der deutschen Bahn werden im Laufe der Reise an den Zug gehängt und so ist der Feind außerordentlich nah. Geheime Pläne werden geschmiedet, Komplotte vorbereitet, der Versuch von Rettungsaktionen gestartet. Doch die Reise steht unter keinem guten Stern, etliche wohl gemeinte Aktionen drohen schief zu gehen. 

Eine Welt zwischen den Welten, in der sich Menschen treffen, die sich sonst kaum je begegnen würden, kaum je begegnen möchten. Nahezu jeder scheint neben dem offensichtlichen noch andere Ziele zu verfolgen. Während der Kriegswirren, die in Europa herrschen, bildet der Zug auf seiner Fahrt zu Beginn fast eine friedliche Sonderzone, der der Krieg draußen nichts anhaben kann, auch wenn er natürlich viele der Handlungen bestimmt. Vieles ist da nicht so wie es scheint, vermeintlich harmlose Reisende entpuppen sich als gefährlicher als es die täuschend echt zur Schau gestellte Maske vermuten lässt. 

Gemächlich beginnt der Zug seine Fahrt, nimmt Geschwindigkeit auf, wird schneller bis er schließlich kaum noch zu stoppen ist. Und so ähnlich könnte man auch den Gang der Geschichte beschreiben. Verwickelt und immer wieder überraschend bietet sie dem Leser eine beeindruckende letzte Fahr auf dieser Strecke. In Teilbereichen an geschichtliche Wahrheiten angelehnt entwickelt sie sich zu einem Lehrstück über einen kleinen Ausschnitt des Krieges. Empfehlenswert ist auch ein Besuch auf der liebevoll gestalteten web-site zu dem Buch. Der Abschluss wirkt dabei fast wie ein Neubeginn. 


Die Hörfassung des Romans wird mitreißend vorgetragen von Oliver Rohrbeck, der den handelnden Personen eine Stimme gibt. Die Ausstattung des Hörbuchs umfasst eine wunderbar gestalteten Folder, in dem die Route des Zuges, die Wagenaufteilung und die handelnden Personen vorgestellt werden.

4 Sterne

Welt in Flammen von Benjamin Montferat
ISBN: 978-3-89964-795-2


Mittwoch, 10. Juni 2015

Hätte mir noch mehr Tiefgang gewünscht (Gastrezension)

Ein überraschender Brief und zwei Steine bringen das Leben der TV-Moderatorin Hannah Farr gehörig durcheinander. Nach so langer Zeit bittet ihre ehemalige Schulkollegin Fiona Knowles sie um Vergebung für ihre damaligen Sticheleien und Hetzjagden. Doch auch nach all den Jahren tut sich Hannah noch schwer, ihr zu vergeben, denn Fiona hat durch ihr Verhalten damals ohne ihr Wissen Dinge in Gang gesetzt,die ihr Leben von Grund auf verändert haben. Nach und nach erst wird Hannah bewusst, dass die Dinge mitunter anders sind, als sie scheinen. Und so sind die von Fiona erhaltenen Versöhnungssteine für Hannah Anlass, sich auf ihr eigenes Leben zu besinnen und sich auf die Suche zu begeben: die Suche nach ihrer verloren geglaubten Mutter und sich selbst.
Spielmans Buch "Nur einen Horizont entfernt" ist eine anrührene Geschichte über eine Mutter-Tochter Beziehung sowie die Themen Schuld und Vergebung. Die Geschichte hat mich in ihren Bann gezogen und zum Nachdenken angeregt. Die Protagonisten sind plastisch beschrieben, so dass man sich mit einigen mehr (Dorothy), mit anderen weniger (MIchael, Claudia) anfreunden kann. Die Autorin hat zwar einige überraschende Wendungen eingebaut, doch ich fand die Geschichte insgesamt recht vorhersehbar. Dies hat den Lesegenuss etwas getrübt, zumal mir auch die Tendenz zu Schwarz-Weiß-Malereien nicht zugesagt hat. Dennoch freue ich mich auf das neue Buch der Autorin, das dann hoffentlich noch etwas mehr Tiefgang hat.

3 Sterne

© Britta Kalscheuer

Nur einen Horizont entfernt von Lori Nelson Speilman
ISBN: 978-3-8105-2395-2