Dienstag, 14. Juli 2015

Jem und Scout und Atticus und so

In den 1930ern läuft die Wirtschaft nicht so rund in Amerika. Dennoch erleben die kleine Scout und ihr großer Bruder Jem einen tollen Sommer. Sie wollen das Geheimnis um Boo Radley lüften, der immer nur im Haus bleibt. Dabei bestehen sie mit dem Nachbarsjungen Dill so einige Mutproben. Viel zu schnell ist der Sommer vorbei und für Scout beginnt der Ernst des Lebens, denn sie wird eingeschult. In der Schule gefällt es ihr nicht im geringsten. Irgendwie nebenbei hat sie schon lesen gelernt und nun soll sie sich dümmer stellen als sie ist. Da ist die Lehrerin bei ihr aber an der falschen Adresse. Von ihrem Vater dem Anwalt Atticus Finch bekommt Scout ihre erste sanfte Lektion in Diplomatie.

Einige Jahre im Leben der beiden Kinder Jem und Scout. Jem, der an die Schwelle des Erwachsenwerdens kommt mit seinem großen Sinn für das was Recht ist und Scout, etwas naseweis und doch fast schon weise. Mit ihrem Vater, der ihnen eine für den amerikanischen Süden doch sehr freie Erziehung zukommen lässt, ihnen Vater und Mutter ist und ihnen die wahren Werte nahebringen möchte. Zu Beginn leben die Kinder in einer ruhigen kleinen Welt des Abenteuers und der Kinderspiele. Doch mit dem Gerichtsprozess gegen den Schwarzen Tom Robinson, den die Kinder hautnah miterleben, endet ein Teil der Kindheit.


Ein wunderbarer Roman, der auch heute noch große Aktualität besitzt. Sicher vielen bekannt ist die Verfilmung des Buches aus dem Jahr 1962, die von der Autorin als „getreue Übertragung“ gewürdigt wurde. Gerade die Szenen vor dem Gefängnis und im Gerichtssaal beeindrucken außerordentlich und bleiben lange im Gedächtnis. Demgegenüber weist das Buch noch eine größere Vielfältigkeit auf und auch den Vorteil, dass man es jederzeit wieder zur Hand nehmen kann, um sich in Scouts Welt hineinzuversetzen. Dieses freche und doch so rührend lebenskluge Mädchen, das uns allen ein Beispiel sein kann. Geprägt durch den für die Gleichheit aller einstehenden Vater, der einem Werte vermittelt, ist Jem in seinen Kindertagen schon ein kleiner Anwalt, dem Ungerechtigkeiten schwer zu schaffen machen. Besonders beeindruckend ist jedoch Dills Reaktion in dem Erkennen, welche Ungerechtigkeiten in der Welt geschehen. Dieser herausragende Roman, der emotional sehr berührt, verdient es wahrlich immer wieder gelesen zu werden. Er sollte nie in Vergessenheit geraten.

5 Sterne

To kill a Mockingbird von Harper Lee
ISBN: (978-)0-7493-0134-1


Montag, 13. Juli 2015

Das Lied vom Bauern und seinem Heu

Während der Nachtschicht werden Kommissar Bastian Matt und sein Kollege zu einem Verkehrsunfall gerufen. Ein junges Mädchen scheint urplötzlich auf die Straße gelaufen zu sein. Dabei wurde sie von einem Auto erfasst und tödlich verletzt. Matt befragt die Unfallfahrerin und gewinnt schnell den Eindruck, dass die Möglichkeit besteht, in Wahrheit könne ihr Mann der Fahrzeugführer gewesen sein. Inzwischen soll der Kollege die Leiche untersuchen. Doch erst in der Gerichtsmedizin wird festgestellt, dass die junge Frau sich vermutlich aus einer Fesselung befreit hat und in Panik geflüchtet ist. Was für ein Mensch treibt da sein Unwesen?

Jürgen Kehrer, Vielen als Schöpfer des urigen Privatdetektivs Georg Wilsberg bekannt, schickt seine noch junge Figur Bastian Matt in seine zweite Ermittlung. Matts Traum ist es, der Mordkommission zugeteilt zu werden. Deshalb nutzt er die Gelegenheit, dieser Untersuchung hinzugezogen zu werden, auch wenn er mit der vorläufigen Leiterin so seine Probleme hat. Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei der jungen Frau nicht um das einzige Opfer handelt. Doch was bewegt den Täter. Mit ihren akribischen Nachforschungen kommen die Polizisten auf so manche Spuren, die jedoch nicht unbedingt geradewegs zum Täter führen.


Ein witziges und im Kulturclash befangenes Team bilden Bastian Matt und seine lockere Bekanntschaft, die Rechtsmedizinerin Dr. Yasi Ana. In diesem Fall, der in die tiefen Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt, wirkt der unverstellte Blick der Medizinerin manchmal sehr erhellend. Schilderungen aus der Sicht des Täters, von denen eine die Einleitung des Romans bildet, lassen dem Leser so manchen Schauer über den Rücken laufen. Doch auch das vielleicht eher betuliche Münsterland ist vor Verbrechen nicht gefeit. Schauderhaft packend bietet dieser Krimi ausgezeichnete Unterhaltung.

4 Sterne

Lambertus Singen von Jürgen Kehrer
ISBN: 978-3-499-26864-9


Sonntag, 12. Juli 2015

Die Studienarbeit

Zwei Jahre schon war die Studentin Rebecca Trolle verschwunden und nun hat der Hund eines Spaziergängers eine Leiche aufgestöbert. An einer Kleinigkeit erkennt Alex Recht sofort, dass er die vermisste Studentin vor sich hat, was von der Obduktion auch bestätigt wird. Wer kann einen Grund gehabt haben, die junge Frau zu töten. Hat möglicherweise der junge Mann etwas damit zu tun, der sich auf ihre Bekanntschaft mehr einbildete als Rebecca offensichtlich darin sah. Frederika  Bergman hat nach der Geburt ihrer Tochter noch nicht wieder begonnen zu arbeiten, doch als ihr Freund den Vorschlag macht, in Elternzeit zu gehen, nimmt sie dankbar an. Und so ermittelt Alex Recht gemeinsam mit seinem Team in einem Fall, der für die Ermittler persönlich sehr aufreibend zu werden scheint.

Verschiedene Handlungsstränge, die zunächst keinen Zusammenhang zu haben scheinen, werden zu einem verzwickten Fall verwoben, der für die Ermittler an die Substanz geht. Alex trauert noch um seine verstorbene Frau, für Frederika bringt der Wiedereinstieg in den Job doch eine große Veränderung, sie hätte nie gedacht, wie sie ihre Tochter vermisst und Peder hat sein Tief auf gerade erst überwunden und sich mit seiner Frau ausgesöhnt. Nach und nach ergeben kleinste Hinweise ein Bild, mit dem so niemand gerechnet hat. Der Fall wird für die Ermittler zur Tortur.


Zunächst fragt man sich, was passiert hier eigentlich. Etwas ziellos erscheinen die Nachforschungen der Polizisten. Auch scheint die professionelle aber mitfühlende Distanz zu Opfer und Angehörigen nicht immer gewahrt. Doch nach und nach lädt der Roman immer mehr zum Miträtseln ein, was mag nur geschehen sein, ein junges Mädchen auf einer heren Mission so grausam ausgebremst. Man erlebt mit wie sich die losen Fäden langsam zu einem Ganzen verknüpfen und die Spannung steigt. Sehr schön wird hierbei letztlich die Balance gehalten zwischen sachlich genauen Untersuchungen und persönlicher Betroffenheit. Packend bis auf den letzten Widerhaken.

4 Sterne

Sterntaler von Kristina Ohlsson
ISBN: 978-3-80902617-4






Samstag, 11. Juli 2015

Nachkommen unsterblich

Ihre Mutter ist mal wieder verschwunden, doch die Sprayerin Saira ist das schon gewöhnt. Fast jedes Jahr zur gleichen Zeit ist ihre Mutter eine Weile nicht da und wenn sie wiederkommt, heißt es meist umziehen. Doch diesmal geht es schief mit dem alleine zurecht kommen, Saira wird zu ihrer Großmutter nach London verfrachtet. Saira, die ein eher einfaches Leben gewöhnt ist, stellt überrascht fest, dass ihre Großmutter einen ganz schön noblen alten Kasten besitzt. Leider trägt das nicht dazu bei, dass die Beiden sich gut verstehen. Deshalb entflieht Saira ins nahe London, doch unheimlich wird ihr zumute als sie bemerkt, dass sie verfolgt wird. Auf der Suche nach Schutz  landet Saira unversehens im London des Jahres 1888.

Zeitreisen - ein Thema, das mich schnell dazu verleitet, mit ein Buch zu genehmigen. Und so war es auch bei diesem Gratisangebot. Nicht immer werde ich mit den Romanen glücklich, die sehr günstig vertrieben werden. Doch dieses Buch hier ist mal eine rühmliche Ausnahme. Eine Thematik, der ich sowieso zugeneigt bin, wird hier spannend und mitreißend umgesetzt. Langsam kann der Leser an Sairas Entdeckungen über ihre Herkunft teilhaben. Zunächst scheint sie ein ganz normaler Teenager zu sein, auch wenn ihre körperlichen Fähigkeiten schon erstaunlich sind. Natürlich meint man aber, als Sprayer muss man schon mal rennen können. Doch nach ihrer Ankunft in England erfährt Saira um die Geheimnisse ihrer Herkunft und weshalb die Mutter ihre Familie verließ. Mehr als die Großmutter, die sich als sehr verschlossen erweist, nutzen Saira ihre neuen Freunde, die sie im Internat kennenlernt, in das sie gesteckt wird - das Internat der „Immortal Descendats“ - so wie auch die YA-Reihe überschrieben ist, von der dies der erste Band ist.


Ein sehr guter Reihenstart, der von allem etwas hat und dennoch nicht überfrachtet ist. Er wandelt zwischen Historie und Gegenwart und verbindet Spannungselemente mit Urban-Fantasy gepaart mit einer zarten Liebesgeschichte, die ihren Anfang nimmt. Da werden sicher bei Gelegenheit auch die weiteren Bände den Weg auf meinen Reader  finden.

4 Sterne

Marking Time von April White
ISBN: 978-0-9885368-2-1


Mittwoch, 8. Juli 2015

Die Fischer

Eines Morgens sagt der Vater, er müsse in die nächste Stadt ziehen, um seine Arbeit zu behalten. Zwar ist die Mutter, die die fünf Söhne und die kleine Tochter dann alleine hüten muss, nicht einverstanden, aber es hilft nichts. Und ohne die gerechte Strenge des Vaters kommen die Jungen, die zwischen 16 und neun Jahren alt sind, auf dumme Gedanken, wie es in diesem Alter schon mal sein kann. Sie fangen an im Fluss, zu angeln, die Älteren fangen, an zu streiten, der Älteste fängt an, sich gegen die Mutter, den Vater und auch die Geschwister aufzulehnen.

Aus hiesiger Sicht  eine ganz normale Geschichte könnte man meinen, denn wer kennt es nicht, das Alter, in dem man gegen alles rebelliert, rebellieren muss. Doch im Nigeria des Jahres 1996 entwickelt sich der Weggang des Vaters aus der wirtschaftlichen Not geboren zur Katastrophe. In einem Lebensabschnitt wo die jungen Rebellen eine Reibungsfläche brauchen, um sich zu formen, kann die Mutter alleine dies nicht bietet. Die Jungen, für die der Vater hochfliegende Träume von akademischen Berufen hegt, fangen an, im naheliegenden Fluss zu fischen. Schon nach kurzer Zeit werden sie erwischt und vom Vater während seines Wochenendbesuchs bestraft. In seiner Enttäuschung über die vermeintliche Wahl dieses einfachen und traditionellen Berufs fällt die Strafe etwas hart aus. Zu spät erkennt der Vater das, denn der Älteste Sohn hat sich nun gegen die Familie gewandt. 


Ein eher harmloses Ereignis, durch welches letztlich ein Unheil nach dem anderen heraufbeschworen wird. Westliche Werte vermischen sich mit ursprünglichem Aberglauben an Flüche und Prophezeiungen, wobei letztlich nicht von beiden Welten das Beste bleibt, sondern eher im Gegenteil der Kampf der Traditionen zu großem Unglück führt. Alle Träume sind zerplatzt, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft liegt in Scherben. Die Geschichte einer Familie, die wie ein Gleichnis auf eine Gesellschaft wirkt, in der ein Umbruch zunächst einmal in eine dunkle Epoche mündet. Eine Story, die verstört und schwer zu ertragen ist, aber die dennoch fesselt.

4 Sterne

Der dunkle Fluss von Chigozie Obioma
ISBN: 978-3-351-03592-1


Sonntag, 5. Juli 2015

Slang zum Vierten

Und wieder einmal übernimmt die ECSB Ermittlungen in einem komplizierten und fast schon weltumspannenden Fall. Solveigh Lang reist dafür nach Südamerika, um sich als Sekretärin bei einem Verdächtigen einzuschleusen. Zur selben Zeit reisen drei junge Männer in ein Ausbildungslager, um das Töten zu lernen. Zwei von ihnen haben deutsche Wurzeln. Hadi, der Vernünftigste, ist der Ehre wegen hier. Er hat die große Sünde begangen, sich zu verlieben. Ebenfalls zur gleichen Zeit nimmt der LKA Beamte Paul Regen an einer unheimlichen Übung teil, mit der ein Ernstfall geprobt werden soll, wie er hoffentlich nie eintreten wird.

Hat man die Mitglieder der Ermittlungsgruppe der ECSB in den vorherigen Bänden der Reihe doch lieb gewonnen, so könnte man hier etwas enttäuscht sein, weil man kaum etwas Neues über das persönliche Umfeld dieser Personen erfährt. So sehr spinnt der Autor seinen Fall aus, das gerade die sympathischen Nebensachen etwas zu kurz kommen. 

Der Fall natürlich hat es in sich. Was bewegt junge Menschen, sich kämpfenden Truppen anzuschließen? Eine Frage, die so einfach nicht beantwortet werden kann, jeder Roman kann da möglicherweise nur zu kurz greifen. Dennoch versucht der Autor sich seinen Charakteren zu nähern und es gelingt ihm gerade in Hadi einiges an Verständnis zu wecken, da dieser wirklich nicht wie eine eine eiskalte Tötungsmaschine wirkt, sondern wie ein sensibler junger Mensch, der seinen Weg leider in der falschen Richtung sucht. 

Über der Schilderung mehrerer Handlungsstränge, die letztlich zu einem packenden Finale führen, verliert sich die Story etwas. Und so bleibt man trotz der akribisch und detailliert ausgearbeiteten und sorgsam ausgeführten Erzählung seltsam unberührt bis einen die plötzlich rasante Fahrt am Schluss fast überfällt und schließlich allein zurücklässt.


Eine tolle Reihe mit spannenden Geschichten, die hier leider ihre Stärken nicht wie gewohnt auszuspielen vermag.

3 Sterne

Phantom von Jenk Saborowski
ISBN: 978-3-492-30470-2


Samstag, 4. Juli 2015

Darcy

Von ihrem Vater will Fiona schon lange nichts mehr wissen. Er saß lange Jahre wegen eines Tötungsdelikts im Gefängnis, erst seit einem Jahr war er wieder draußen. Dennoch lässt Fiona die Nachricht vom Tod des Vaters nicht völlig kalt, das hätte sie gerne, aber es ist einfach nicht so. Als dann auch noch der Rettungssanitäter, der alles versuchte, das Leben des Vaters zu erhalten, mit einer Nachricht zu ihr kommt, ist Fiona zunächst wütend. Nichts will sie hören, schließlich hat der Vater sie mit der Tat im Stich gelassen als sie erst sieben Jahre alt war. Und ihre Mutter starb kurze Zeit später bei einem Unfall. Welches Kind kann solche Eltern schon gebrauchen. 

Fiona, die sich aus der Not geboren gegen alles und jeden wehrt, kann nicht verhindern, dass die letzten Worte, die der Vater an sie gerichtet hat, in ihr festbrennen. „Ich bin kein Mörder!“ Sie beginnt, Fragen zu stellen. Endlich will sie wissen, was damals wirklich passiert ist. Und der Rettungssanitäter, den sie Darcy nennt, steht ihr dabei zur Seite. 


Eine Geschichte über die Vergangenheit, die das Leben bestimmt. Sollte eine solche Vergangenheit das Leben bestimmen? Wahrscheinlich nicht, fraglich nur, ob man sich dagegen wehren kann. Nicht immer hat man dies selbst in der Hand. Die Umwelt begegnet einem und macht aus einem, was man wird. Sich dagegen zu stemmen, sich zu wehren, ist alles andere als leicht. Für Fiona fängt mit der Suche nach der Wahrheit auch die Aufarbeitung an, sie ist nicht schuld, sie wurde ungerecht behandelt, sie will sich freimachen. Doch erst muss sie herausfinden, was die Worte des Vaters bedeuteten. Hartnäckig forscht sie nach und bringt Wahrheiten ans Licht, die eigentlich kaum jemand wissen will. Auf ihrem Weg fesselt sie die Leser und zeigt immer neue Facetten einer komplizierten Persönlichkeit, die langsam zum Selbstbewusstsein und in sich Ruhen der Kindheit zurückfindet. Unterhaltsam und packend.

4 Sterne

Mörderkind von Inge Löhnig
ISBN: 978-3-548-61226-3