Samstag, 25. Juli 2015

Putain!

Mal wieder irrt sich Capitaine Roger Blanc, für einen aufgedeckten Korruptionsfall sollte man doch belobigt und befördert werden. Nun befördert wird Roger Blanc auch, allerdings nicht die Karriereleiter nach oben, sondern in die tiefe Provinz des Midi. Anstatt dorthin mitzukommen, eröffnet ihm seine Frau, sie bleibe lieber in Paris bei ihrem Liebhaber. Als kleiner Fixpunkt  in seiner neuen Heimat bleibt Blanc nur ein verfallenes Haus, das er geerbt hat. Bevor er sich in seiner neuen Dienststelle einleben kann, geschieht ein Mord, in dem er und seine Kollegen doch mehr zu tun bekommen, als nur den Tatort zu sichern.

Möglicherweise von den Romanen um Frank Stave begeistert, wird man sich ebenso möglicherweise mit diesem neuen Kommissar etwas schwer tun. Schon wieder ein Polizist, der aus Paris in die französische Provinz versetzt wird. Wenn man dann die Gegen auch nicht kennt, mögen die durchaus ansprechenden Beschreibungen der Landschaft und des Landlebens an einem vorbeirauschen, weil man nicht die passenden Bilder vor Augen hat. Etwas missmutig wirkt zunächst der Ermittler Roger Blanc. So wie dieser sich nur langsam einlebt und einfühlt, braucht man auch als Leser ein wenig Zeit, sich einzuleben und anzufreunden. Der kühle Chef, der nur die Karriere im Sinn zu haben scheint, der abgehalfterte Marius, der irgendwann zurückgelassen wurde, die forsche Fabienne, die eigentlich zu gut für die Provinz ist. Nach und nach allerdings schafft man es, sich den Figuren zu nähern.


Und schließlich wird der Fall zum Finale hin dermaßen rasant und spannend, dass man alle anfänglichen Schwierigkeiten vergisst und sich erinnert, dass dieser Autor einfach gute Bücher schreibt. Und so hat man den Start zu einer Reihe, die es sicher wert ist, sie auf der Merkliste zu behalten.

3,5 Sterne

Mörderischer Mistral von Cay Rademacher
978-3-8321-6316-7


Mittwoch, 22. Juli 2015

Das Bild eines Sommerabends

Schon als junger Mann ist der Künstler Heinrich Vogeler durch eine Erbschaft zu etwas Geld gekommen und hat so die Möglichkeit in Worpswede ein Haus zu erwerben, das er nach seinen Vorstellungen umgestaltet. Nach der Fertigstellung verbringt er hier mit ihm lieben Menschen aus der Worpsweder Künstlergemeinde einige laue Sommerabende, deren Stimmung er in einem großformatigen Bild festhalten möchte. Doch das Werden des Bildes nimmt Zeit in Anspruch und während die Zeit vergeht verwandelt sich das Innenleben der kleinen Gruppe. Aus den lauen Sommerabenden resultieren Trennungen und Spaltungen. Und so wirkt das Bild nicht leicht dahingewischt und sommerlich, sondern eher herbstlich konstruiert und einer besseren Vergangenheit nachtrauernd.

Auf den Innenseiten des Einbandes ist das Bild „Das Konzert (Sommerabend)“ des Künstlers Heinrich Vogeler abgedruckt. Der Roman beschreibt zum einen die Entstehungsgeschichte des Bildes, zum anderen auch das Bild selbst. Inwieweit sich der Autor künstlerische Freiheiten gegönnt hat, lässt sich nicht beurteilen, schließlich hat er als Schriftsteller diese Freiheit. Ist man durch die Lektüre angeregt, lassen sich einige Hinweise hierzu im Internet finden, die eine interessante Ergänzung darstellen können. 


Sehr gut gelungen ist die Darstellung der Künstlerkolonie Worpswede, die Stimmung eines ländlichen Sommers, die Begegnung der suchenden Künstler mit den bodenständigen Einheimischen, die sich mit einer knorrigen Offenheit gegenüber treten. Eine Generation der Erben, die die Künste fördert und auch eifersüchtig bewacht. Eifersüchtige Künstler, denen menschliches auch nicht fremd ist. Die wechselnde Beziehung des Künstlers zu seinem Bild. Man mag nicht alles schön finden, die Künstlerseelen nicht durchgeistigt. Doch versetzt einen das Buch schon nach den ersten Seiten in die frühsommerliche Blütenpracht der Worpsweder Gärten und lässt einen ein Bild genießen, mit dem der Maler so scheint es nicht zufrieden war, das zum Glück aber die Zeit überstand und heute im Museum zu besichtigen ist.

4 Sterne

Konzert ohne Dichter von Klaus Modick
ISBN: 978-3-462-04741-7


Sonntag, 19. Juli 2015

The Yellow Dog

Er lebt in den Tunneln unter New York City, seine Welt liegt unter der Erde. Seit einem Ereignis, an das er sich nicht erinnern kann, leidet Joe Tesla unter Agoraphobie, dass heißt, er kann die Tunnelwelt nicht verlassen. Seit einem halben Jahr ist das schon so und trotz mehrerer Behandlungsversuche ist keine Besserung in Sicht. Glück im Unglück, in seinem vorherigen Leben war Joe Tesla der reiche Besitzer einer Softwarefirma und deshalb hat er auch die richtigen Kontakte, um ein tief unter der Erde in den Fels gehauenes Haus bewohnen zu dürfen. Seine dunkle Ruhe wird jedoch jäh gestört als er einen Mord beobachtet.

Mit welcher Anstrengung Tesla gegen seinen Zustand rebelliert, er möchte wieder an die Oberfläche, er möchte wieder in die Sonne, er möchte nach hause. Doch bisher löste jeder Versuch nur eine weitere Panikattacke aus. Sein Hund Edison steht ihm in solchen Situationen hilfreich zur Seite, dafür ist er ausgebildet und sonst ist er einfach ein guter Kamerad. Trotz der ungewöhnlichen Umstände hat Joe durch seinen Reichtum und durch auch das reichhaltige unterirdische Netz der Metrostationen mit ihren Läden und Restaurants die Möglichkeit am normalen Leben teilzunehmen. Und so beginnt er selbst zu ermitteln, um nach dem Mord nicht jeden aufkommenden Verdacht entkräften zu können.

So eine coole Idee, eine brisante Ermittlung, die hauptsächlich in den Tunneln unter den Straßen New Yorks stattfindet. Eine packende Story in einem ausgefallenen Setting, von dem man sich fragt, inwieweit das so möglich ist. Vielleicht? Schließlich ist Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Eines Teils herausragend, welche Entwicklungen dieses Land hervorzubringen vermag, anderes Teils unheimlich, was es seinen Einwohnern mitunter antut. Die Kombination des ausgesprochen intelligenten Helden, der doch auf Hilfe angewiesen ist, mit einem fesselnden Geheimnis macht diesen Roman so kurzweilig und packend, dass man schließlich viel schneller als gedacht ans Ende gelangt und hofft, dass der nächste Band dieser Reihe ebenso unterhaltsam sein möge wie der Vorliegende.


4 Sterne

The World beneath von Rebecca Cantrell
ISBN: 978-1-4947-8771-4


Man kennt sich

Ja, man kennt sich in dem kleinen finnischen Ort Palokaski, in den Miia Pohjavirta zurückkehrt. Sie wurde als Internetpolizistin bekannt, doch den Job musste sie aufgeben, da sie Gefahr lief, sich in den Tiefen des Internets zu verlieren. Nun soll ihr Leben als Sonderpädagogin an ihrer alten Schule in ruhigere Bahnen kommen. Der Neubeginn gestaltet sich allerdings anders als gedacht. Schon in den ersten Minuten nach ihrer Ankunft in der Schule, erfährt Miia, dass die Schülerin Laura Anderson verschwunden ist. Gehört Laura zu der großen Gruppe von Menschen, die verschwinden und kurze Zeit später unversehrt wieder auftauchen? Ihre Eltern jedenfalls setzen alles daran, ihre Tochter wiederzufinden, und starten eine Facebook-Seite, auf der Posts hinterlassen werden, mit denen niemand rechnen konnte.

Welch eine Lücke das Verschwinden eines geliebten Menschen reißt, weiß Miia nur zu gut. Manchmal jedoch hilft alles Wissen und jede Ausbildung nicht, gewisse Ereignisse zu verhindern. Das erfährt Miias Bruder, der als Psychologe an der Schule tätig ist. Auch halten sich Eltern nicht immer an die wohlmeinenden Ratschläge, die die Polizei aus vorherigen Erfahrungen gebildet hat. 


In einfachen und prägnanten Worten geschrieben baut dieser Krimi mehr Spannung auf als man ahnen kann. Eigentlich geschieht nicht viel, doch das ganz schön heftig. Man folgt den Personen, die so ein wenig vor sich hin zu ermitteln scheinen, um plötzlich mit Herzklopfen eine Seite nach der anderen zu verschlingen. Die Haare auf den Armen stellen sich auf bei den kleinen subtilen Hinweisen, die noch einiges mehr vermuten lassen als das Offensichtliche, das Harmlose. Was ist nur los in diesem kleinen Ort, in dem es eigentlich keine Ungereimtheiten geben sollte. Welche Kräfte herrschen in Palokaski, welche Kräfte wirken im Verborgenen. Zwangsläufig müssen Ansätze zunächst ins Leere führen, Fragen unbeantwortet bleiben, denn die Handlung ist auf eine Trilogie angelegt, deren Bände vermutlich so eng zusammenhängen, dass letztlich die Geschichte nur im Ganzen zu überblicken ist. Da jedoch alle Bände nicht so umfangreich sind, würde es sicher nicht schaden, hätten sie sich in einem Band versammeln dürfen. 

3,5 Sterne

Lauras letzte Party von J.K. Johansson
ISBN: 978-3-518-46590-5


Samstag, 18. Juli 2015

Sehnsuchtsschwestern

Nichts ist mehr so wie es war. Rosemary wird zu den Großeltern geschickt und als sie wieder nach hause kommt ist ihre Schwester Fern nicht mehr da. Dieses Ereignis bestimmt Rosemarys Leben, denn Fern war wie ihre zweite Hälfte. Bei Fern durfte Rosemary einfach sie selbst sein. Nun im Kindergarten soll sie sich wie die anderen Kinder benehmen und so geht es weiter. Rosemary muss sich wie die anderen benehmen und kann es doch nicht. Wieder und wieder kommt das Affenmädchen durch. Selbst im Studium noch fällt es Rosemary schwer, Freunde zu finden. 

Dieser Roman wirkt wie der Bericht eines fehlgeschlagenen Experiments. Eine zerbrochene Familie bleibt zurück, die etwas Besonderes sein wollte. Der Vater, ein Wissenschaftler, geht der Frage nach, in wie weit man Affen- und Menschenkinder gemeinsam aufziehen kann, wie sie sich gegenseitig beeinflussen oder fördern. Dass dabei sowohl die Affen- als auch die Menschenseelen beschädigt werden könnten, scheint er nicht bedacht zu haben. Und dass Affen nicht immer die niedlichen Äffchen bleiben auch nicht. Auch als das Experiment beendet werden muss, scheint es keine Reflexion darüber zu geben. Die Familie fängt sich nicht auf, sie lässt sich nicht auffangen, sie stürzt ab. Eine Leerstelle bleibt und diese scheint größer zu werden, da auch Rosemarys Bruder verschwindet. 


Das Buch scheint ein Plädoyer dafür zu sein, dass man manche Experimente lieber nicht machen sollte, bei denen alle Beteiligten Schaden nehmen und es keine weiche Landung gibt. Doch wie typisch für die menschliche Natur, Neugier und Wissensdurst werden über Empathie und Verzicht gestellt. Die Folgen sind eben zu ertragen. Rosemary schildert wie es ihr ergangen ist, wie sie sich erinnert, wie sie sich fühlt. Eigentlich genial die Idee, das Affenmädchen sprechen zu lassen. Doch leider hat Rosemary beim Leser das gleiche Problem wie in ihrem geschilderten Leben, das Affenmädchen kommt ihr in die Quere. Deshalb wird der Leser nicht mitgenommen, sondern ist eher etwas mitgenommen von dieser traurigen Geschichte, die aber eher Distanz auslöst als Sympathie. Man bedauert Rosemary und ihre Familie, denkt sich, solche Experimente sollten zum Wohle aller Beteiligten lieber unterlassen werden, und möchte doch schnell zu einer anderen Beschäftigung übergehen.

3,5 Sterne

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke von Karen Joy Fowler
ISBN: 978-3-442-54737-1





Freitag, 17. Juli 2015

The End

Der Söldner Jonathan Yeager wäre nirgendwo lieber als bei seinem todkranken Sohn. Doch dessen Behandlung ist teuer, wird teurer je mehr sich der Zustand seines geliebten Kindes verschlechtert. Deshalb sieht Yeager sich gezwungen einen geheimnisvollen Auftrag anzunehmen. Gemeinsam mit drei weiteren Teilnehmern wird er in ein Trainingslager geschickt, wo sie auf einen Einsatz vorbereitet werden, der angeblich dazu diesen soll, die Ausbreitung eins tödlichen Virus zu verhindern. Gleichzeitig muss in Japan ein junger Wissenschaftler den plötzlichen Tod seines Vaters verwinden. Nur kurze Zeit später erhält er eine seltsame Nachricht des Verstorbenen, letztlich mit der Bitte, das Werk fortzuführen.

Ein wissenschaftliche geprägter Thriller mit einem Schuss Science Fiction, so könnte man das Genre vielleicht zusammenfassen. Die Befürchtung, die Story könnte bei dieser Mischung etwas trocken geraten, ist völlig unbegründet. Der Autor versteht es hervorragend, seine Gedanken in Worte zu kleiden, die, wenn auch nicht ganz einfach, schließlich gut verständlich sind. Mit wachsendem Interesse verfolgt man die Geschichte des Jonathan Yeager, des Japaners Kento Koga und der weiteren Figuren dieses ausgesprochen vielschichtigen Werkes. Man lernt etwas über die Planung und Organisation von halb militärischen Einsätzen, über die Entwicklung von Medikamenten und über die politischen Strippenzieher, die mehr an der Macht kleben als es der Menschheit guttun kann. Dieses Gedankenspiel einer neuen Spezies, einer Weiterentwicklung, die den heutigen Menschen, der sich auch schon für intelligent hält, überflüssig, ja, mehr oder weniger zum Affen macht, lässt die Neuronen feuern vor Angeregtheit. Werden wir aussterben wie der Neandertaler, der an sich ein größeres Gehirnvolumen hatte als der Homo Sapiens? Oder ist dieser neue Mensch ein Besserer, der andere neben sich gelten lässt? 

Bei diesem ungekürzten Hörbuch kommt in keiner Sekunde Langeweile auf. Schon nach den ersten paar Sätzen herausragend vorgetragen von Sascha Rotermund, bildet sich die Überzeugung, dass hier ein intelligenter Spitzenthriller genau seine Stimme gefunden hat. Ein Vortrag, bei dem es nichts zu meckern gibt, wo bei der Printausgabe möglicherweise die Versuchung besteht, die eher wissenschaftlichen Passagen nur flüchtig zu lesen, bleibt man bei der Lesung gespannt und aufmerksam. 


Einzig der Wunsch nach einem Personenverzeichnis bleibt leider wie bei nahezu allen Hörbüchern unerfüllt.

4,5 Sterne

Extinction von Kazuaki Takano
ISBN: 978-3-8445-1736-1



Donnerstag, 16. Juli 2015

Verschwunden

Jake Fisher ist völlig am Boden zerstört als seine Freundin Natalie ihm mitteilt, sie werde einen anderen heiraten. Eigentlich kann er es nicht glauben und deshalb besucht er die Hochzeit, er will Gewissheit haben. Dort nimmt Natalie ihm das Versprechen ab, sie in Ruhe zu lassen und nie nach ihr zu suchen. Sechs Jahre hält sich Jake daran, doch dann findet er auf der College-Seite die Todesanzeige ihres Mannes. Sollte er jetzt noch an sein Versprechen gebunden sein, vergessen hat er Natalie nie.

Was, wenn ein Mensch nicht gefunden werden will? Welche Lebensgeschichte führt dazu, den Wunsch zu hegen, für immer von der Bildfläche zu verschwinden? Recht harmlos fangen Jakes Nachforschungen mit dem Besuch der Trauerfeierlichkeiten des Ehemannes an. Doch schon beginnen die Puzzlestücke nicht mehr zusammen zu passen. Verwirrt beginnt Jake weiter Dinge zu hinterfragen, die ihm vorher selbstverständlich schienen, und zunächst scheint jede Frage auf ein totes Gleis zu führen. Doch auch als Jake eindeutig klar gemacht wird, das es für ihn gefährlich werden könnte, lässt er nicht nach eher im Gegenteil. 

Mit den Geheimnissen, die sich um Natalies Vergangenheit ranken, erzeugt der Autor große Spannung. Ist die Neugier einmal geweckt, begibt man sich mit einem auf die Seiten gesenkten Haupt in das Abenteuer der Lösung des Rätsels. Vielleicht mag man einige Winkelzüge nicht so einfach nachvollziehen können, doch die logisch schlüssige und überraschende Geschichte zieht einen einfach in ihren Bann. Wirkt das Aufspüren der kleinsten Hinweise vielleicht zu Beginn etwas manisch, merkt man doch schnell, dass Jake, in dem er seinem Herzen folgt, schließlich auf den richtigen Weg geführt wird. 

Ein ausgesprochen fesselnder Thriller, eine Tour de Force einer Liebe, der man unbedingt ein Happyend wünschen würde.


4 Sterne

Ich finde dich von Harlan Coben
ISBN: 978-3-442-20435-9