Mittwoch, 11. November 2015

Algea

Nach wie vor ist es Joe Tesla nicht möglich, die New Yorker U-Bahn zu verlassen. Doch er will nicht aufgeben, deshalb eine neue Firma gegründet. Er will die Gehirnfunktionen verschiedenster Menschen in bestimmten Situationen einscannen und aus den Vergleichen der Scans Lehren ziehen, um vielleicht einen Lösungsansatz für seine Krankheit zu finden. Auf einer seiner Erkundungen der Tunnel, die er mit Edison, seinem Hund, unternimmt, findet Edison ein seltsames Versteck. Unter anderem enthält es eine teure Markentasche. Joe versucht die Besitzerin der Tasche ausfindig zu machen und findet heraus, dass sie vor fast einem Jahr in einem der Tunnel von einer U-Bahn überrollt wurde.

Sehr spannend wie Joe versucht, eine Lösung für seine Probleme zu finden. Seine Ängste werden nicht geringer, aber dennoch geht er dagegen an. Sehr mysteriös ist es wie er die Agoraphobie erworben hat. Sollte da jemand ein böses Spiel mit ihm treiben? Und noch ein zweites Rätsel beschäftigt ihn: Die Frau mit der Tasche galt als nicht selbstmordgefährdet, Freunde von ihr können glaubhaft machen, dass sie gerade diese Todesart nicht gewählt hätte. Und immer wieder die Gedanken eines seltsamen Menschen, der ein wirklich übles Spiel entwickelt. 


Auch wenn manche Zufälle hier etwas konstruiert wirken, kann man wieder in die Welt des Joe Tesla eintauchen und sich auf die Suche nach den Spuren begeben, die zu seiner Krankheit führten oder auf die Suche nach dem Hintergrundgeschehen, das letztlich mit dem Tod der jungen Frau endete. In manchen Szenen stockt einem wahrhaft der Atem, ob der Gefahr, in der die Protagonisten schweben. Jeder Charakter der „Guten“ ist dabei liebevoll gezeichnet, doch zum Glück nicht zu weichgezeichnet. Geschickt wird der Leser lange in Unsicherheit gehalten, wer denn nun der Übeltäter ist. Zwar kristallisieren sich einige Verdächtige bald heraus, doch kann man keine Entscheidung fällen und so bleibt man gefesselt bis zum fulminanten Finale, das allerdings etwas Sorge weckt, dass es sich bei der Tesla-Reihe um eine Tesla-Trilogie handeln könnte. Ob das tatsächlich so ist, kann sicher nach einem gewissen Zeitablauf, durch einen Blick auf die Web-site der Autorin beantwortet werden.

4,5 Sterne

The Chemistry of Death von Rebecca Cantrell
ISBN: 978-1-5171-1493-0


Sonntag, 8. November 2015

Weihnachten, nein Danke

In den letzten Jahren hat die Studentin Anna regelmäßig die Weihnachtsflucht angetreten. Von dem ganzen lieblichen Getümmel fühlt sie sich genervt und „Last Christmas“ ist auch eher zum Weglaufen. Am liebsten würde sie nur für Frau Hallmann, eine alte Dame, für die sie die Einkäufe erledigt und die fast so etwas wie eine Großmutter für sie geworden ist, eine Kleinigkeit besorgen und dann einen Flieger nach nirgendwo besteigen. Doch da ist diese Mail von ihrem kleinen Bruder, in der er sie bittet, Weihnachten mit der Familie zu verbringen. Anna hat zugesagt, weil sie den Jungen nicht enttäuschen möchte und damit fängt eine wahre Odyssee an.

Was schief gehen kann, geht schief. Unglaublich fast wie Anna am Endbahnhof Binz/Rügen aufwacht und an ihrem Ziel Berlin vorbei geschossen ist. Um das Chaos perfekt zu machen, kommt ein Schneesturm gerade recht. Doch bei allen Pannen trifft Anna immer wieder auf hilfreiche Geister angefangen beim Fahrer eines Schneepflugs, die sie ihrem Ziel zwar nicht auf geradem Weg, aber doch irgendwie näher bringen. Und sie hört Weihnachtsgeschichten derer, die ihren Weg kreuzen, sie erlebt Weihnachten im besten Sinne. Denn trotz aller Hektik und des vielen Unmuts scheint Weihnachten auch eine gewisse Mitteilsamkeit und Hilfsbereitschaft hervorzubringen. 


Mit diesem kleinen Weihnachtsmärchen hat die Autorin ihrer Heldin Anna eine Portion Selbsterkenntnis geschenkt und ihre Leser ins Nachdenken gebracht. Ist Weihnachten bei allen Zwängen nicht trotzdem ganz schön. Eine Zeit der Ruhe und der Einkehr, der Zusammenkunft mit der Familie. Vielleicht eine Möglichkeit sich von den Vorgaben der Gesellschaft zu befreien und das Beisammensein mit den Lieben zu genießen, in sich zu gehen und die Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Für Anna wird auch einem „Weihnachten, nein danke“ ein „eigentlich war es doch sehr schön“ und man bekommt den Eindruck, dass bei ihr innerlich etwas an die richtige Stelle gerückt ist. 

4 Sterne

Eine wundersame Weihnachtsreise von Corina Bomann
ISBN: 978-3-548-28774-4

Samstag, 7. November 2015

Im Krieg

Ihre Mutter ist schon lange tot, als ihr Vater aus dem Krieg zurückkam war er nicht mehr der Selbe. Trotzdem zog es ihn wieder zu den Soldaten als er sich gesund fühlte. Mit ihren fünfzehn Jahren bleibt sie allein zurück, zur Tante soll sie. Lieber aber will sie beim Vater sein, deshalb zieht sie Jungenkleider an und meldet sich zum Kriegsdienst. Den Vater will sie suchen, doch sie findet den Krieg. An der Front zwischen Italien und Österreich in den Dolomiten kämpft sie im ersten Weltkrieg.

Im Krieg wird überall gestorben, auch an den abgelegensten Fronten wird gekämpft, sind Verwundete zu beklagen und Tote. Fleischfetzen und abgerissene Glieder, man mag es sich kaum vorstellen. Man spricht noch mit dem Kameraden neben einem und plötzlich ist von diesem nicht mehr viel übrig. In tiefe Trauer mischt sich doch ein Hauch Erleichterung, dass es einen nicht selbst erwischt hat. In der harten Bergwelt der Dolomiten kommt noch die Unerfahrenheit vieler im Berg hinzu, da ist nicht unbedingt der Feind schuld an so manchem Todesfall. Und mittendrin das Mädchen auf der Suche nach dem Vater, der unauffindbar scheint. Unerkannt erlebt sie die Kameradschaft unter den Soldaten, aber auch Missgunst, Tod und Verlust. Tapfer übersteht sie viele Gefahren und vergisst fast, das sie ein Mädchen ist. 


Auf einer wahren Geschichte beruhend wird hier ein Teil des ersten Weltkriegs beschrieben, der vielleicht eher unbekannt ist. Unabhängig von diesem Hintergrund, wird, wie schon gesagt, im Krieg überall gestorben. Als hart empfindet man es, vom Tode der jungen Menschen zu lesen, die auch hier als Kanonenfutter benutzt werden. Niemand sollte als Soldat kämpfen müssen, doch hier sind es gerade die jungen Unerfahrenen, die an die Front geschickt werden. Mit ihrem jugendlichen Enthusiasmus laufen sie in manche Fallen, einzig ihre Bergerfahrung kann ein Vorteil sein. Irritierend wie sich ein junges Mädchen da hineinfügt, doch die Sehnsucht nach dem Vater, der ihre einzige Familie ist, lässt sie alles ertragen. In welch glücklicher Zeit leben wir doch heute in Europa, wo schon lange kein großes Gefecht mehr mit Waffen auszufechten war. Möge es noch lange so bleiben, denn so ungewöhnlich und berührend die geschilderten Ereignisse sind, erleben möchte man sie nicht.

4,5 Sterne

Die rote Wand von David Pfeifer
ISBN: 978-3-453-26961-3



Donnerstag, 5. November 2015

Eine Wahl

Die 16jährige Violet lebt in Southgate, sie besitzt besondere Eigenschaften festgestellt, denn nur Mädchen aus den ärmsten Gegenden haben diese Besonderheiten. Sorgsam werden sie auf ihre Rolle vorbereitet. Und nun ist es soweit, einen letzten Tag darf Violet mit ihrer Familie verbringen, dann geht die Reise ins Innere der Insel. Dort leben die königlichen Familien, für die sie als Leihmütter dienen sollen, weil bei den Frauen die Fähigkeit gesunden Kindern das Leben zu schenken verloren gegangen ist. Im Rahmen einer Auktion werden die jungen Frauen versteigert. Auch die Regentin bietet mit, sie erhält den Zuschlag für das Mädchen mit besonders herausragenden Eigenschaften. Auch Violet hat äußerst gute Werte, sie landet für einen enormen Preis bei der Duchess of the Lake, eine widersprüchliche Frau, die sie umgarnt und schlägt.

Überraschend die Idee der Leihmutterschaft in einem Jugendbuch zu verarbeiten. Für ihr Leben bei den Reichen, müssen die Mädchen einen hohen Preis bezahlen. Sie werden zu Besitz, zu einer lebenden Ware, die zu gehorchen hat. Sind sie willig, kann es auch Belohnungen geben. Immer jedoch werden sie dazu angehalten, sich der Reproduktion zu unterstellen. Die unheimlichen Experimente der Ärzte, die ihre Fähigkeiten anregen und verstärken sollen, müssen sie klaglos über sich ergehen lassen. Gefühle darf es nicht geben, nur Gehorsam. Doch Violet nimmt sich kleine Freiheiten.


Zunächst löst der Gedanke an Violets Welt einen gewissen Widerwillen aus. Wer will schließlich schon nur um der wenigen Annehmlichkeiten willen, sein ganzes Selbst aufgeben und sich den Wünschen anderer unterstellen. Doch schnell nimmt Violet die Leser für sich ein, schließlich erfährt sie erst während und nach der Auktion, welches Leben auf sie zukommen kann. Nach und nach erkennt sie, dass sie kaum mehr als eine Gebärmaschine ist, die für die Intrigen der Mächtigen genutzt werden soll. Geschickt wird dabei nur häppchenweise enthüllt, wozu einige Aktionen dienen. Doch längst nicht alles wird geklärt, schließlich haben wir es wieder mal mit dem Beginn einer Reihe zu tun. Dennoch lernt man mit Violet zu fühlen, die hinterlistigen Grausamkeiten zu ertragen und doch ihre eigenen Wünsche nicht zu vergessen. Fesselnd, emotional und mit einem fiesen Cliffhanger endend bietet das Buch beste Unterhaltung.

4 Sterne

The Jewel von Amy Ewing
ISBN: 978-0-0622-3580-0


Mittwoch, 4. November 2015

Flavia zum Dritten

Was mag die Zukunft bringen, welche Geheimnisse verbirgt die Vergangenheit? Neugierig wie Flavia ist, nutzt sie die Gelegenheit, eine Wahrsagerin zu befragen. Versehentlich zündet sie dabei deren Zelt an. Flavia ist bestürzt über ihre Ungeschicklichkeit und lässt die alte Wahrsagerin mit ihrem Pferdewagen auf dem Gelände des Besitzes ihres Vaters kampieren. Als sie in der Nacht noch einmal nachschauen will, ob es der alten Fenella gut geht, findet sie diese mit eingeschlagenem Schädel und nahezu leblos in ihrem Wagen. So eben lebend gelangt Fenella ins Krankenhaus.
Flavia brennt vor Neugier, wer hat die alte Frau angegriffen? Ein spannender Fall um ein Missverständnis. Wieder einmal ist Flavia schlauer als die Polizei. Auf ihre freche, neugierige und doch verletzliche Art kommt sie hinter die Geheimnisse und nichtmal Inspector Hewitt kann es ihr übelnehmen, dass sie ihn übertrumpft. Auch über ihre verstorbene Mutter findet Flavia etwas mehr heraus. Bald scheint es so, als gäbe es da noch mehrere Geheimnisse. Das macht neugierig auf die weiteren Bände und der nächste ist schon angekündigt. Vielleicht gibt es dann auch Neuigkeiten über das Schicksal von Buckshaw, denn die de Luces sind in einer schlimmen finanziellen Situation, auch da bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass es irgendwann einen Silberstreif am Horizont geben wird und nicht das ganze Familiensilber versteigert werden muss. Ja, Flavia enttäuscht auch im dritten Band nicht. Das zeichnet den Autor wirklich in hervorragendem Maß aus. Flavia de Luce - für mich ein absolutes must-read.

5 Sterne

A red Herring without Mustard von Alan Bradley
ISBN: 978-0-3853-4232-2


und hier die deutschsprachige Leseprobe






Montag, 2. November 2015

Eine unheimliche Reihe

Micas beste Freundin Isa hat sich umgebracht. Lukas und Mica versuchen über den Verlust ihrer Freundin hinweg zu kommen. Glücklicherweise haben sich Mica und Isa nach einem Streit wieder versöhnt, wären sie im Unfrieden auseinander gegangen, wäre Mica untröstlich. Als dann auch noch Micas Ex-Freund Daniel umgebracht wird, muss Kommissar Dühnfort ermitteln. Er wohnt inzwischen mit seiner Kollegin Gina zusammen und deshalb dürfen sie nicht mehr in der selben Abteilung arbeiten. In der Mordkommission ist nun die neue Kollegin Kirsten Tessmann tätig, noch muss sie sich ins Team einfügen.

Mit klarer Stimme wird dieses Hörbuch vorgetragen von Pascal Breuer. Ausdrucksvoll liest er von den Ermittlungen Kommissar Dühnforts und seinen Kollegen, von den Sorgen und Nöten der jungen Menschen, die in kurzer Zeit zwei schreckliche Verluste zu beklagen haben. Können die Todesfälle zusammenhängen? Ein Selbstmord und ein Todesfall, bei dem vieles auf einen Mord im Drogenmillieu hindeutet. Akribisch geht der Kommissar jedem kleinen Hinweis nach. Dabei stellt es sich durchaus als schwierig heraus an die benötigten Informationen zu kommen. Der Fall entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Puzzle, bei dem zunächst nicht alles zusammenpasst. Doch nach und nach ergibt sich das Bild eines Beziehungsgeflechts, dass schließlich tödliche Auswirkungen hatte.


Um die Spannung zu erhalten, ist es leider nicht möglich zu sagen, was einen beim Hören mit den Zähnen knirschen lässt. Welch perfide Gedankengänge führen hier zu so tragischen Ergebnissen. Man gewinnt den Eindruck, dass es Herrn Breuer sehr gut gelingt, die sich langsam steigernde Spannung auf den Leser zu übertragen. Doch in manchen Momenten möchte man fliehen, denn die Vorstellung einer solchen Tat, erfüllt mit einigem Widerwillen, allerdings nicht mit Unglauben.

3,5 Sterne

Verflucht seist du von Inge Löhnig
ISBN: 978-3-86804-745-5

Sonntag, 1. November 2015

Empire

George Tesla ist gestorben und sein Sohn Joe kann wegen seiner Agoraphobie und seiner Panikattacken nicht einmal an der Bestattung teilnehmen. Mit seinem Vater hat er sich nie gut verstanden, doch die Versuche des Vaters zur Bildung eines neuen Kontakts hat er stets zurückgewiesen. Nun ist Joe sehr verunsichert, vielleicht hätte er sich anders verhalten sollen. Wenigstens den letzten Wunsch seines Vaters will er erfüllen. Er soll die letzte Erfindung Nicola Teslas finden und vernichten. Gleichzeitig muss Joe sich mit dem Problem herumschlagen, was mit seiner eigenen Erfindung, einem genialen Gesichtserkennungsprogramm, geschehen soll. 

Zum zweiten Mal kann der Leser Joe Tesla in seine Welt des New Yorker Untergrunds folgen. Die Tunnel der U-Bahn und sein geheimes unterirdisches Haus sind nach wie vor die einzigen Orte, an denen er sich sicher fühlt. Je näher er dem Tageslicht kommt, desto unheimlicher werden seine Panikattacken. Sein Hund Edison, der für diese Aufgabe ausgebildet ist, hilft ihm so gut es geht. Doch echte Fortschritte scheint es nicht zu geben. Joes Geist allerdings ruht nicht und als ihm so langsam aufgeht, welche Aufgabe ihm sein Vater hinterlassen hat, erkennt er die große Gefahr. Zunächst die Gefahr, in der er sich selbst befindet, und dann die Gefahr, die die Welt bedrohen kann. 


Wieder ist es der Autorin gelungen, ihrem Helden Joe Tesla ein atemberaubendes Abenteuer zu bescheren. Ausgehend von Geschichten und Informationen um den genialen Erfinder Nicola Tesla entspinnt sich um dessen Erben Joe eine neue Episode. Sein Kampf um die Wiederkehr ins normale Leben, sein Forscherdrang in Bezug auf das Gerät, sein Wille, die Welt vor Schaden zu bewahren, seine tragische Beziehung zu Celeste - all das vermischt sich zu einer ausgesprochen spannenden Story, die man förmlich inhaliert.

4,5 Sterne

The Tesla Legacy von Rebecca Cantrell
ISBN: 978-1-5076-7667-7 (Taschenbuchausgabe bei Amazon)