Freitag, 12. Februar 2016

Fassaden

Die Leiche des 11jährigen Danny Latimer wird am Strand gefunden. Der erste Fall für die Polizistin Ellie Miller nachdem sie aus dem Urlaub zurück ist. Die versprochene Beförderung hat sie nicht bekommen, dafür wurde ihr der abgehalfterte Ermittler Alec Hardy vor die Nase gesetzt. Miller, die schon ihr ganzes Leben in Broadchurch verbracht hat, kennt das Opfer. Es handelt sich um einen Schulfreund ihres eigenen Sohnes. Niemand ist in der fraglichen Zeit in die Stadt gekommen, niemand hat sie verlassen. Der Mörder muss jemand aus dem Ort sein. Jemand, den man kennt. Die Einwohner beginnen sich gegenseitig mit Misstrauen zu betrachten.

Das Buch wurde nach einer ITV-Serie geschrieben. Zum Glück jedoch handelt es sich nicht um einen bloßen Abklatsch der Serie. Broadchurch wurde im Frühjahr 2015 im ZDF ausgestrahlt. Leider erst in der Spätvorstellung, so dass möglicherweise etliche potentielle Zuschauer nie die Auflösung erfahren haben. Und so ruft der Roman vielleicht das in Erinnerung, was man gesehen hat, und schließt die Lücken. Dabei entwickelt der Roman eine eigene Stimmung. Zwar ähnlich wie in der TV-Serie, aber eben doch anders, da man beim Lesen die eigene Vorstellungskraft bemühen muss. Und das tut man gerne. Man lässt sich in das Idyll des kleinen Städtchen hineinziehen. Hier, wo die Zeitung kaum über Schlimmeres zu berichten weiß als mal ein Verkehrsverstoß, soll ein Mord begangen worden sein. Langsam nehmen die Ermittlungen ihren Lauf. Nach und nach werden Informationen zutage gefördert, die ein ganz anderes Licht auf die Einwohner werfen. So Mancher hat mehr zu verbergen als zunächst vermutet wird. Und nicht nur die örtliche Presse mischt kräftig mit. 


Mit der vagen Erinnerung an die Hintergrundmusik der Serie liest man mit wachsender Spannung von den Geschehnissen in Broadchurch. Ellie, die teile gegen ihre eigenen Freunde ermitteln muss, und Hardy, der nicht mit offenen Karten zu spielen scheint, der einen ganz schlechten Ruf hat. Ist er der Untersuchung überhaupt gewachsen? Nur langsam fügt sich ein Teilchen zum anderen bis zu einem packenden und überraschenden Finale. Von der Serie wurde eine weitere Staffel gedreht, die soweit bekannt ist, noch nicht im deutschen Fernsehen zu sehen war.

4 Sterne

Der Mörder unter uns von Chris Chibnall und Erin Kelly
ISBN: 978-3-596-03076-7


Donnerstag, 11. Februar 2016

Hippe Theaterwelt

Quasi entführt der kaum zehnjährige Luke seine Mutter aus der Anstalt. Sie wollte einmal ins Museum nach London, doch sie kommt mit der Welt nicht klar. Dennoch ist es ein schöner Tag. Lukes Vater ist auf andere Art daneben, fast schlimmer als die Mutter hält er sich an den Alkohol. Später, Luke meint immer noch für seine Eltern sorgen zu müssen, geht er von der Schule ab und arbeitet in der Fabrik. Eines Abends jedoch kommt die Veränderung. Luke, der seine Gedanken immer niedergeschrieben hat, trifft auf Paul und Leigh. Die beiden wollen die Welt des Theaters erobern und die Sehnsucht in Luke ist geweckt. Einige Zeit danach folgt er Paul nach London und beginnt mit seinen beiden Freunden ein Theaterstück zu produzieren.

Einige der anderen Bücher der Autorin in bester Erinnerung wagt man sich mit einigen Erwartungen an das neue Werk heran. Und der Roman hat auch seine wunderschönen Momente. Als da wäre gleich am Anfang die anrührende Entführung der Mutter aus der Anstalt, um ihr einen normalen Tag zu schenken. Welche Mutter möchte nicht solche Kinder haben. Doch leider sind diese Momente, die das Herz erwärmen gar zu selten. Man gewinnt den Eindruck, die Handlung besteht aus einer großen und gewollten Verirrung, die dazu hergenommen wird, um die Seiten eines Buches zu füllen. Nina vermag in ihrer Kühle und Verzagtheit nicht zu überzeugen. Luke wirkt manchmal verschusselt und unachtsam. Leigh, so könnte man meinen, belügt sich selbst. Schließlich ist Paul, der nicht nur den Respekt seines Vaters gewinnt, sondern auch den des Lesers.

Auch wenn Sadie Jones es mit einigen wahrhaft gefühlvollen Szenen schafft, die Leser einzufangen, so hat man doch den Eindruck, das die wilden Siebziger, die swinging Theaterszene Londons zu einem bloßen Hintergrund für die Geschichte einiger Personen geraten. Einer Geschichte, die schließlich keine besonderen Empfindungen weckt. Natürlich mag nicht jeder Leser ähnliche Gedanken hegen, doch verglichen mit anderen Büchern der Autorin scheint dieser Roman nicht ihr stärkster zu sein.


3 Sterne

Jahre wie diese von Sadie Jones
ISBN: 978-3-421-04629-1




Montag, 8. Februar 2016

Road Trip

Vor langen Jahren sind die Eltern der studierten Kellnerin Katharina Kafka im Südwesten der USA ermordet worden. Jetzt erst findet sich eine Spur eines der Täter. Gemeinsam mit ihrem Freund Orlando, der gerne Frauenkleider trägt und im Moment seine Romy-Phase hat, reist sie an den Ort des damaligen Geschehens. Das erste Ziel ist dabei Las Vegas wo sie den sympathischen FBI-Agenten Simon trifft, der ihr einige Informationen gibt. Simon hat indianische Wurzeln und kann viele interessante Geschichten erzählen. Doch auch über Katharinas Eltern hat er einiges herausgefunden. Der Mord war wohl Teil einer unheimlichen Serie. Orlando und Katharina machten sich auf den Weg, die Stationen des Mörders nachzuvollziehen. 

Reisebeschreibung oder Krimi - beides könnte sein. Orlandos und Katharinas Stationen und Erlebnisse auf ihrem USA-Trip werden detailliert beschrieben. Viel zu lernen gibt es über die Kultur und die verschiedenen Völker der amerikanischen Ureinwohner. Ihr heutiges Leben in Reservaten, das manchmal recht armselig sein kann. Wie sie versuchen, sich über Wasser zu halten, wie sie versuchen, ihre Tradition und Sprache aufrecht zu halten. Lebhaft und neugierig machen sich die beiden Österreicher auf den Weg. Katharina, deren Wurzeln bei den Roma liegen, kann gut nachvollziehen wie die Indianer leben, da es zwischen ihnen und den Roma durchaus Ähnlichkeiten gibt. Während ihrer Reise, die durchaus auch touristisch geprägt ist, versuchen sie immer an neue Informationen über den möglichen Täter zu bekommen.


Die Beschreibung der Fahrt durch den Südwesten Amerikas, der man gut folgen kann, wenn man vielleicht auch schon mal eine Reise unternommen hat, ist ausgesprochen interessant und lehrreich. Allerdings gerät die Suche nach dem Täter darüber auf eine Art zur Nebensache, dass es schwierig wird, das Buch noch als Krimi zu bezeichnen, ohne falsche Erwartungen zu wecken. Ein ausgefeilt recherchiertes Werk über die Ureinwohner Amerikas, mit ein wenig Krimi gewürzt, dessen Auflösung schließlich so überstürzt über den Leser hereinbricht, dass der Eindruck entsteht, es könne etwas fehlen. 

3,5 Sterne

Blutiger Sand von Edith Kneifl
ISBN: 978-3-7099-7004-1


Sonntag, 7. Februar 2016

Nicht aufgeben

An einen normalen Tag verschwindet die kleine Bella spurlos. Ihre Mutter hatte sie nur ein paar Minuten unbeaufsichtigt im Vorgarten gelassen. Es war auf einmal zu ruhig. Dawn Elliot ruft die Polizei. Befragungen und Befragungen bringen nichts eindeutiges hervor. Erst als man der Spur eines dunklen Vans nachgeht, der in der Gegen gesehen wurde, scheint etwas Licht ins Dunkel zu kommen. Natürlich bestreitet der Verdächtige, etwas mit der Tat zu tun zu haben. Sein Alibi scheint wasserdicht. Seine Frau stärkt ihm mit stoischer Ruhe den Rücken.

Eine ruhige aber dennoch packende Schilderung der Geschehnisse um das Verschwinden eines kleinen Mädchens. Die Handlung setzt ein als eigentlich schon alles vorbei ist. Der Verdächtige ist bei einem Unfall um Leben gekommen. Seine Witwe ist wie erstarrt, nachdem sie ihm unverrückbar zur Seite gestanden hat, ist sie nun allein. In Rückblenden und aus der Sicht verschiedener Personen nähert man sich den Ereignissen. War die junge Mutter überfordert oder leichtsinnig? Musste sie ihr Kind in jeder Sekunde in ihrem Blickfeld behalten? Hat die Ehefrau ihn gedeckt? Ist der Verdächtige etwa unschuldig? Oder hat er doch seine Hände im Spiel beim Verschwinden eines kleinen Mädchens, nicht einmal drei Jahre alt? Hätte der Kommissar, den dieser Fall nicht loslässt, einfach mehr tun müssen? In andere Richtungen ermitteln müssen? 


Lange bleibt der Leser im Ungewissen. Hin und her gerissen ist er zwischen Verdacht und Vermutung. Er spekuliert, ahnt, irrt. Was zu so einem Verschwinden führen kann, muss fast zwangsläufig unklar bleiben. Froh nur ein normaler Leser zu sein, kann man sich in einige Motivationen einfach nicht hinein fühlen. Und so ist vielleicht auch das letzte Rätsel nicht lösbar. Gefesselt verfolgt man die geschickte Komposition der Autorin und folgt den Wegen, auf die sie einen lockt. Ein schwieriges Thema von einem interessanten Blickwinkel aus angegangen.

4 Sterne

The Widow von Fiona Barton
ISBN: 978-0-593-07622-4


Samstag, 6. Februar 2016

Sternbilder

Am 27.Januar 18966 betritt der junge Walter Moody den Aufenthaltsraum seines Hotels. Er hat die lange Reise nach Hokitika in Neuseeland auf sich genommen, weil er sein Glück machen will. Etliche weitere Männer sind bereits in dem Raum versammelt, Walter bemerkt allerdings nicht, dass er stört. Die Männer haben sich Mühe gegeben, dafür zu sorgen, dass sie ungestört bleiben. Doch den Gast im Hotel haben sie vergessen. Um das Gespräch in Gang zu bringen erzählt Walter von seiner Überfahrt auf der rauen See und auch einen Teil der Geschichte, die ihn bewogen hat, den beschwerlichen Weg auf sich zu nehmen. Mit dieser Eröffnung gelingt es Walter, das Eis zu brechen und den Männern ihre Erzählungen der Ereignisse zu entlocken, die zu diesem Treffen geführt haben.

Ein Buch, das in Koordinaten der Tierkreiszeichen am Himmel gegliedert ist, das über 800 Seiten hat, das zwar in zwölf Teile untergliedert ist, wobei die ersten beiden schon über 500 Seiten umfassen. Eine schwere Aufgabe, bei der man überlegt, ob man sich heranwagen soll. Doch die Begebenheiten, um die es geht, sind so verschachtelt, aber auch so geschickt geschildert, dass die Neugier auf die nächste Seite mit jedem Blättern wächst. Kleinste Hinweise fügen ein kompliziertes und fesselndes Puzzle zu einem Bild, von dem am Anfang nichts zu ahnen war. Jedes Wort, jeder Schritt, jede Tat - alles ist zu einem Netz verwoben, von dem sich der Leser mit Begeisterung gefangen nehmen lässt. Wenn auch durch die der Vergangenheit angepasste Sprache nicht ganz leicht zu lesen, ist man doch von der Lektüre gebannt und kann kaum erwarten, zu erfahren, welche Pläne das Rad des Schicksals noch ins Rollen bringen wird. Zwar wird der größtenteils positive Eindruck auf den letzten Seiten durch einen gewissen Wechsel etwas eingeschränkt. Dennoch kann das Buch wegen seiner außerordentlich beeindruckenden Komposition sehr empfohlen werden. 

Soll man es Western nennen oder Eastern oder Southern? Auf jeden Fall ein tolles Werk über den Goldrausch in Neuseeland, dem hier eine mitreißende Geschichte gewidmet ist.


4 Sterne

The Luminaries von Eleanor Catton
IDBN: 978-1-847-08432-3


und hier geht es zur Leseprobe der deutschsprachigen Ausgabe




Freitag, 5. Februar 2016

Ich bremse für niemanden

Susans Leben verläuft in geregelten Bahnen, sie ist sozial engagiert und sie hat eine Kreditkarte, für deren Deckung ihr etwas langweiliger Mann Barry zuverlässig sorgt. Ihre Freundin Julie, die als Aushilfe in einem Altenwohnheim arbeitet, hat sie manchmal etwas Mitleid. In der 87jährigen Ethel hat Julie eine Freundin gefunden, die mit ihren markigen Sprüchen für Stimmung sorgt. Jill dagegen, eher zurückhaltend, sorgt sich um ihren kleinen Enkel. Fast unmöglich scheint es, das Geld für die notwendige Operation zusammen zu kratzen. Und so plätschert die Zeit dahin, tja, bis eines Tages Barry tot aufgefunden wird und Susan nichts als Schulden hinterlässt. Susan verliert alles und wenig überraschend ist die Bank keine große Hilfe, wenn man sie wirklich einmal braucht. Doch das Leben hat die Rechnung ohne Susan und ihre Freundinnen gemacht. Die vier älteren Damen schmieden einen Plan.

Die Beschreibung der Handlung geht nicht über den eher beschaulichen Beginn dieses Romans hinaus und mehr soll auch nicht verraten werden. Wundert man sich anfänglich, wieso der Roman so viele gute Stimmen erhält, ist man am Ende sehr geneigt, reichlich Sterne funkeln zu lassen. Man stelle sich den Hörer vor, im Auto verlegen um sich blickend, nach einem lauthalsen Lachen, Juchen oder „Heilige Scheiße“ ausgerufen zu haben. Bräuchte er oder sie nicht beide Hände am Lenker, ein kräftiges auf die Schenkel klopfen wäre angesagt. Beim Hören stellt er sich vor, wie der Vorleser sich seine Figuren beim Vorlesen vorgestellt hat und ihnen schon mehr als nur eine Stimme verliehen hat. In einigen geradezu aberwitzigen Szenen gratuliert man den Damen zu ihrem Quentchen Glück, den beteiligten Polizisten zu ihren YouTube Auftritten und sich selbst dazu gerade dieses Hörbuch ausgewählt zu haben. 

Unbekannt bleibt, ob das hervorragende Amüsement dem Ideenfeuerwerk des Autors zu verdanken ist oder ob nicht gar die grandiose Interpretation des Lesers Gerd Köster einen größeren Anteil daran hat. Auf alle Fälle jedoch fühlt man sich mitten im Geschehen und meint nach so manchen Knalleffekt, da kann doch keine Steigerung mehr kommen, kann sie aber doch.


Und Ethel schießt den Vogel ab. „Bollocks“

4,5 Sterne

Old Scholl von John Niven
ISBN: 978-3-8371-3034-8


Dienstag, 2. Februar 2016

Manipulation

Ein junger Mann steigt am Titisee in ein Ruderboot, fährt auf den See und verschwindet spurlos. Etwas später wird seine Leiche am Ufer angespült. Es wird festgestellt, dass er eine hohe Konzentration von Antidepressiva im Blut hat. Sein Verhalten beim Leihen des Bootes und weitere Hinweise deuten auf einen Selbstmord hin. Es stellt sich heraus, dass der Tote ein bekannter Blogger war, der neue brisante Enthüllungen angekündigt hatte. Ein Insider schien ihn mit Informationen verfolgt zu haben. Kommissar Nagel, immer gegen sein Übergewicht kämpfend, nimmt die Ermittlungen auf. Er hat ein komisches Gefühl, dass er nicht recht in Worte fassen kann und das ihn am Ball bleiben lässt.

Von zwei Seiten nähert kann man sich hier dem Kern der Sache nähern. Zum einen ist man am Puls der Ereignisse durch die Augen einer jungen Internet-Journalistin erfährt man von den Vorgängen, die schließlich am See geendet haben. Zum anderen kann man den Ermittlungen des Kommissars folgen, die einsetzen als der Blogger verschwindet. Gerade durch diese sich mit jedem Kapitel abwechselnden Blickwinkel baut sich eine besondere Spannung auf, die wahre Sogwirkung entfaltet. Die verschlungene Handlung fesselt. Wer manipuliert hier wen oder manipuliert etwa jeder jeden? Steckt hinter allem ein perfider Plan oder geschehen Dinge auch zufällig?

Wie hinterhältig die Strippenzieher sein können, man mag es kaum glauben. Und doch kann man die Möglichkeit nicht für völlig unglaubwürdig halten. Ein Roman der einen fordert und mit dem man klarkommen muss. Einige der unschönen Ereignisse, die sich vor den kritischen Augen der Leser entblättern, können eine echte Gänsehaut verursachen, gerade wenn die Phantasie beginnt vom Ausgangspunkt aus noch etwas weiter zu spinnen. Schöne neue Welt kann man da nur sagen.


Ein ausgesprochen packender Thriller, der wenig Hoffnung auf Besserung oder auch ein Ende der Manipulation macht.

4 Sterne

Der Blogger von Patrick Brosi
ISBN: 978-3-86358-862-5