Dienstag, 14. Juni 2016

Machtlos

Die Tür ist offen, das kann nur eine Falle sein, oder? Nach über acht Jahren Gefangenschaft nutzt Lily die Gelegenheit, dass ihr Entführer vergessen hat, die Tür zu schließen. Obwohl es winterlich kalt ist, schnappt sie sich ihre kleine Tochter und rennt. Schon bald erkennt sie, dass sie ganz in der Nähe ihres Elternhauses ist. Sie holt noch einmal alles aus sich heraus, erschöpft klingelt sie an der Tür und ihre Mutter vermag kaum zu glauben, was sie sieht. Nach so langer Zeit steht ihre vermisste und tot geglaubte Tochter vor ihr. Es könnte ein wunderbares Wiedersehen werden. Doch so einfach ist es nicht.

Was in anderen Büchern vielleicht der Schlusspunkt wäre, bildet hier den Beginn der Geschichte. Nach Jahren der Entführung und der Gefangenschaft kehrt eine junge Frau zurück nach hause. Sie hat sich verändert, sie hat eine Tochter bekommen, sie hat ihre Tochter beschützt. Sie ist ein anderer Mensch geworden. Auch ihre Lieben haben sich verändert. Zu all dem, was sie während ihrer Gefangenschaft ertragen musste, erfährt sie nun auch noch, dass ihr geliebter Vater bereits relativ kurz nach der Entführung zusammen gebrochen ist und verstarb. Auch ihre Schwester ist nicht mehr die Alte. Zwar gab es zwischen den eineiigen Zwillingen auch mal Zickenterror, aber im Grunde waren sie ein Herz und eine Seele.

Was geschieht, wenn eigentlich mal etwas gut ausgeht? Das danach wird häufig nicht so genau beleuchtet und genau hier setzt dieser Roman an. Mit dem Ende der Entführung hat das Leid kein Ende. Eine so lange Zeit der Abwesenheit hinterlässt Spuren in den Seelen der Betroffenen. Nicht nur die entführte Lily kann sich nur schwer an ihre Freiheit gewöhnen, trotz der großen Freude, dass sie wieder da ist, auch ihre Familie muss sich umstellen. Hinzu kommt der Presserummel. Die Untaten des perfiden und gestörten Täters, die Lily über sich ergehen lassen musste, sind im Nachhinein auch für ihre Familie schwer zu ertragen. 

Ein packendes nicht so happy ever after, das betroffen macht und mitfühlen lässt. Wenn auch manches etwas unerklärt wirkt und Kleinigkeiten im Ungewissen bleiben, ist der Spannungsbogen doch bestens gespannt. Das Debüt von Hollie Overton ist eine sehr gelungene Darbietung.


4 Sterne

Baby Doll von Hollie Overton
ISBN: 978-1-780-89507-9


Sonntag, 12. Juni 2016

Briefe

Überrascht so schnell ein Stellenangebot zu bekommen, sagt Joanna sofort zu. Nach dem Literaturstudium scheint es ideal, in einer Literaturagentur anzufangen. Auch wenn die Jobbeschreibung für ihre Eltern sehr nach Sekretärin klingt. Mitte der 1990er beginnt eine Zeit des Umbruchs, immer mehr Computer werden angeschafft, die analoge Welt wird mehr und mehr zurück gedrängt. Da wirkt die kleine Agentur wie ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen. Dennoch fühlt es sich für Joanna an als sei sie angekommen. Erst nach einiger Zeit findet sie heraus, um wen es sich bei dem wichtigsten Klienten der Agentur handelt: J. D. Salinger. Unter anderem soll sich Joanna um die zahlreichen Briefe kümmern, die der Autor erhält.

Wie es der Zufall will bekommt die junge Joanna gleich zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn mit einer der amerikanischen Literaturikonen zu tun. J. D. Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“ ist weltberühmt. Der Autor selbst lebte allerdings sehr zurückgezogen und seine Agentur, in der Joanna arbeitet, soll unter anderem diese Zurückgezogenheit schützen. Dabei wirken die wenigen Augenblicke, in denen der Autor meist nur telefonisch auftaucht, zwar ein wenig schrullig, aber keinesfalls so weltabgewandt, wie man aus seiner Biografie herleiten könnte. 


Interessant wie Joanna ihre ersten Schritte beschreibt, ihre Unsicherheiten der frühen Tage, wie sie langsam an Sicherheit gewinnt und über ihre Sekretärinnentätigkeit hinauswächst. Eine Zeit nach der Ausbildung während aus einer Jugendlichen langsam eine Erwachsene wird. Im Beruf die Frau zu stehen ist nicht alles, finanzielle Schwierigkeiten zu überwinden gehört dazu und auch die Erkenntnis, dass der Freund nicht immer ehrlich ist. Ein Jahr des Lernens, der Erkenntnisse, des Aufbruchs. Mit Herz und Mut geht Joanna an ihre Aufgabe, die sie für ihr weiteres Leben prägt und formt. Ein Sprungbrett in ein Leben in der Welt der Literatur, allerdings auch ein Sprungbrett aus einem melancholisch angestaubten Relikt der Vergangenheit in die schnelllebige Gegenwart.

4 Sterne

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff
ISBN: 978-3-8135-0515-3




Samstag, 11. Juni 2016

Familienschande

Caroline Goldcares jüngerer Sohn Will, der eigentlich die Versöhnung mit seiner Freundin Lily geplant hat, begeht völlig unerwartet Selbstmord. Ein schwerer Schlag, von dem sich seine Familie kaum erholen kann. Noch drei Jahre später ist nichts verarbeitet, die Wunde immer noch offen. Auch Charlie, der Ältere der beiden Brüder, kommt nich über Wills Tod hinweg. Erst die Trennung von seiner Frau India rüttelt ihn ein wenig auf. Caroline, die ihre manipulativen Finger immer mit im Spiel hat, tut das Ihrige, um ihre Welt wieder in ein gutes Licht zu rücken. Plötzlich jedoch stirbt Carolines Arbeitgeberin, die feministische Schriftstellerin Clare Abbott, an einem Herzinfarkt. Barbara Havers hatte während einer Lesung eine kurze Begegnung mit der Autorin und als deren Lektorin sie bittet, den Todesfall genauer unter die Lupe zu nehmen, nimmt Havers die Gelegenheit wahr, einen eigenen Fall zu lösen.

Havers, die sich während des letzten Falles heftig mit ihrer Chefin überworfen hat, ist praktisch nur noch zur Bewährung in London. Sie darf sich keinen Fehler mehr erlauben, sie ist so damit beschäftigt, keine Fehler zu machen, dass ihre eigentliche Tätigkeit kaum noch stattfindet. Lynley und die Polizeisekretärin Dorothea hecken einen Plan aus, wie sie Barbara auf die Sprünge helfen wollen.

Mit einer fast 200 Seiten langen Einleitung nimmt sich Elizabeth George viel Zeit, das Feld für ihre Geschichte zu bereiten. Dabei gelingt es ihr, das sich zusammenbrauende Gewitter herbei zu schreiben, ohne etwas über die geheimen Strukturen zwischen den handelnden Personen zu verraten. Wenn man sich auf diese langsame Erweckung der Neugier einlassen kann, wird man schließlich ein spannenden Psychogramm einer gestörten Familie entdecken, das einen schaudern lässt. Ob man diesen Roman noch als Kriminal bezeichnen kann, mag fraglich sein, denn die Untersuchung der Polizei bildet eigentlich eher einen Nebenschauplatz. Dennoch fesselt dieses Geflecht an offenen und unterschwelligen Beziehungen außerordentlich. Beinahe wie ein Korken, der so langsam immer mehr unter Spannung gerät und endlich aus dem Flaschenhals gesprengt wird. Doch jede Andeutung über die Ermittlung könnte schon zu viel verraten. Deshalb sei nur und das gerne gesagt, die Autorin hat vielleicht keinen typischen Kriminalroman aber ein herausragendes Stück Spannungsliteratur geliefert. Der geneigte Leser muss für die über 700 Seiten etwas Zeit mitbringen, Zeit, die ausgesprochen gut verwendet ist.

4,5 Sterne

A Banquet of Consequences von Elizabeth George
ISBN: 978-0-14-311156-6




Donnerstag, 9. Juni 2016

Schnacken nicht hacken

Das ist echt der coolste Spruch des Buches und etwas, was man aus vollem Herzen und mit Überzeugung unterschreiben kann. Besonders wenn man an die Beschreibung eines zerstückelten Körpers denkt, mit der der Prolog erfreut.

Jimm Juree wohnt mit ihrer Familie seit Neuestem in einem kleinen Ort im Süden Thailand. Dort betreiben sie ein kleines Hotel, das von Touristen geflissentlich übersehen wird. Eigentlich Journalistin übernimmt Jimm jede Arbeit, die sich anbietet. Da ist zum Beispiel ein Interview mit einem bekannten englischen Kriminalschriftsteller und natürlich alles, was im Hotel so anfällt. Die Klärung, wohin die Ärztin des lokalen Krankenhauses verschwunden ist, bereitet da schon ein angenehmes Freizeitvergnügen, denn Jimms Spürnase wird gern angeregt.

Colin Cotterill erfreut seine Leser schon seit einigen Jahren mit seinen intelligenten Laos-Krimis um den Pathologen Dr. Siri. Gut vorstellbar, dass er ähnlich wie sein mögliches Alter Ego im Buch, einfach mal etwas anderes schreiben wollte. Als Asienliebhaber hat es ihn dabei von Laos nach Thailand verschlagen und mit Jimm Juree ist ihm eine amüsante witzig überdrehte Protagonistin gelungen, der es an Selbstbewusstsein nicht mangelt. In den manchmal aberwitzigen Situationen, in die sie immer wieder gerät, fällt ihr immer wieder ein Spruch ein, der ihr Gegenüber trefflich staunen lässt. Nicht auf den Mund gefallen redet sie sich selbst aus den unangenehmsten und gefährlichsten Situationen heraus. Mit Witz und Neugier tänzelt sie durch das Leben und löst die Rätsel, sie so auf ihrem Weg liegen.


In diesem ausgesprochen gelungenen Hörbuch des dritten Bandes der Reihe bringt die Vorleserin Vera Teltz die Stimmung, die dieser Roman ausstrahlt, hervorragend an den Hörer. Man glaubt, sie sieht, denkt und fühlt die Figuren und lässt den Hörer genau daran teilhaben. Ohne ein Buch der Reihe gelesen zu haben, könnte man auf die Idee kommen, dass hier ein gutes Buch durch eine wunderbare Lesung noch ein wenig besser wird.

4,5 Sterne

Mit Axt, Charme und Melone von Colin Cotterill
ISBN: 978-3-844-51909-9




Sonntag, 5. Juni 2016

What about Bob

Durch eine Wette hat seine Mutter ihren jugendlichen Sohn diesen Job verschafft. Bob ist Gott, er hat die Welt geschaffen und seit dem ist er ziemlich faul. Mit seit Jahrtausenden gefühlten Zwanzig hat man auch etwas anderes im Kopf als sich um die Erde zu kümmern. Wäre da nicht Mr. B., der versucht Gottes (oder Bobs) gröbste Fehler wieder auszubügeln und wenigstens hin und wieder mal auf die Wünsche der Menschen zu reagieren, das Chaos wäre unbeschreiblich. Aber so ist die Welt eben wie sie ist. Bob allerdings ist wieder mal in eine Sterbliche verliebt. So wie seine Gefühle stürmen und toben, so stürmt und tobt auch das Wetter. Und Mr. B. hat nun endlich genug, er kündigt.

Was sagt uns das? Zunächst mal, Gott ist verliebt und deshalb schlägt das Wetter solche Kapriolen. Gut zu wissen, gut zu wissen auch, es wird vorbei gehen. Denn Sterbliche und Götter passen einfach nicht zusammen. Es kann allerdings ein Weilchen dauern bis sie das begreifen und noch ein Weilchen bis sie das einsehen. Bleibt zu hoffen, dass Mr. B. seine ordnende Hand nicht so schnell abzieht. Ebenfalls hofft man, dass Lucy, die Angebetete ohne größere seelische Schäden davonkommt. Schließlich hat sie besseres verdient als einen spätpubertierenden Nichtsnutz. Wie im wahren Leben, erkennen das so ziemlich alles außer ihr. 

Eine kuriose und doch witzige Geschichte um das herrschende Chaos in dieser Welt. Warum kümmert Gott sich nicht? Er ist anderweitig beschäftigt und es interessiert ihn einfach nicht. Wo aber ist Mr. B.? Spürt man ihn an jedem ruhigen Sommertag? Oder wenn doch einmal ein Konflikt gelöst wird? Oder eine Art gerettet? Vielleicht. 

Klar ist nun, wieso die Menschheit ist wie man sie täglich sieht und von ihr in der Zeitung liest. Denn sie ist nach Gottes Ebenbild geschaffen, eines Jugendlichen, der die Pubertät noch nicht hinter sich gelassen hat. Mögen sowohl Gott als auch seine Schöpfungen wachsen und erwachsen werden. 

Ein hübsches Buch, mit der Hoffnung auf ein „They lived happily ever after“ und eine bessere Welt.

3,5 Sterne

Oh. Mein. Gott. von Meg Rosoff
ISBN: 978-3-100-66070-1




Samstag, 4. Juni 2016

Nebelbrandung

Die Wege von Anna und Lewis hätten sich nie kreuzen sollen. Anna hat sich ihr Leben in London eingerichtet und ihre Mutter Rita führt eine kleine Pension an der Küste von Norfolk. Aus der Ferne verstehen sich die beiden am besten. Rita, schon über 70, stürzt jedoch eines Tages auf der Treppe und Anna will für eine Weile zu ihr ziehen, um sich um sie zu kümmern. Lewis dagegen hat den Tod seines Zwillingsbruders nie verwunden, eigentlich, so meint er, hätte er an Waynes Stelle sein sollen. Auf der Suche nach seinem Jugendfreund Cal führt auch Lewis` Weg in die raue Landschaft Norfolks.

Anna, deren Vater fehlt und die Angst vor Wasser hat, Lewis, dem sein Bruder fehlt und der irgendwie Angst vor Allem hat. Dagegen stehen Rita und ihr einziger Gast oder Nachbar oder wie man das nennen will Vernon mit beiden Beinen fest im Leben. Natürlich sind sie nicht mehr ganz jung und Rita ist auch sehr froh, dass ihre Tochter sich Zeit für sie nimmt, aber so geerdet wie sie und Vernon sind die jungen Leute noch lange nicht. 

Wechselnd zwischen Rückblenden und der Gegenwart erzählt Trezza Azzopardi die Geschichte ihrer beiden scheiternden Helden. Ob es der Wirklichkeit entspricht, ist unklar, dennoch vermitteln ihre Worte die Vorstellung von einer rauen grauen Landschaft, vom Sturm gepeitschte Wellen wühlen auch die Gefühle von Anna und Lewis auf. Aber sind sie auch bereit, sich aus ihrer fein eingerichteten Problemwelt zu befreien. Manchmal sprunghaft, machmal eher undurchsichtig, aber manchmal auch mit feinem Gespür für ihre Protagonisten bringt die Autorin dem Leser ihre Charaktere nahe. Worte, die sich mitunter aneinander reihen wie wertvolle Perlen, lassen Bilder von den Augen entstehen. Manchmal allerdings entsteht der Eindruck, dass in den schwelgenden Beschreibungen die eigentliche Geschichte etwas aus den Augen verloren wird. Dies allerdings meint eine passionierte Leserin von Kriminalromanen, die gradlinigeren Handlungssträngen vielleicht mehr abgewinnen kann.


3,5 Sterne

Turmalin von Trezza Azzopardi
ISBN: 978-3-8270-0733-9


Donnerstag, 2. Juni 2016

Das Klassenfoto

Alles soll besser werden, deshalb kehrt Kommissar Fabian Risk zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern zurück an seinen Heimatort. Damit die Familie wieder zusammen findet, ist ein ausgiebiger Urlaub geplant. Doch schon kurz nach der Ankunft wird ein ehemaliger Klassenkamerad Fabians grausam ermordet. Seine künftige Chefin bittet ihn, bereits jetzt mit der Arbeit zu beginnen. Risks Familie tut das nicht gut, allerdings wird ein weiteres Mitglied aus Risks alter Klasse vermisst und sein Einsatz damit gerechtfertigt. Unheimlich, dass es gerade die Ehemaligen dieser Jahrgangsstufe erwischt. Das kann doch kein Zufall sein.

Kommissar Fabian Risk ermittelt zum ersten Mal in Südschweden. Er ist einer, der sich richtig in die Arbeit kniet und dabei die Familie vergisst und über das Maß der Dinge hinausgeht. Der Erfolg bei seinen Fällen gibt ihm zwar recht, aber seine Ehe setzt er schon aufs Spiel. Als nun kurz hintereinander zwei seiner ehemaligen Mitschüler umkommen, wird alles versucht, hinter das Geheimnis der Todesfälle zu kommen. Nicht auszudenken, wie es wäre, wenn weitere Menschen auf einer Art Todesliste stünden. Mit seiner unkonventionellen Art findet Risk einige Hinweise, die seinen neuen Kollegen entgangen sind. Als dadurch jedoch eine unbeteiligte Person in Gefahr gerät, droht Risk von dem Fall abgezogen zu werden.


Ein Kommissar, der in seiner Arbeit aufgeht und dafür familiäre Probleme in Kauf nimmt, löst ambivalente Gefühle aus. Man fragt sich, ob er sich nicht hin und wieder etwas zurück nehmen könnte. Der Fall, mit dem er es bei seiner ersten Ermittlung zu tun bekommt, ist ausgesprochen spannend mit einigen grausamen Schilderungen, die einen schon schlucken lassen. Man fürchtet, der perfide Plan des Täters könnte tatsächlich aufgehen. Immer wieder entgeht er mit Leichtigkeit oder knapp dem Zugriff. Jedoch fragt man sich, ob ein so fehlgeleiteter Geist das Fassungsvermögen eines normalen Leserverstandes nicht etwas sehr strapaziert. Dennoch kann man kaum von dem Buch lassen, da die Anspannung immer größer wird und nur dadurch gelöst werden kann, dass man selbst während der Lektüre der Auflösung des Falles näher kommt.

4 Sterne

Victim without a Face von Stefan Ahnhem
Deutscher Titel: Und morgen du
ISBN: 978-1-784-97547-0