Freitag, 19. Februar 2021

Brennende Seele

Die Geschichte der Macintoshs und der Duffys beginnt. Allerdings ist dieser Beginn für die Familien nicht so leicht zu ertragen. Im Jahr 1863 will Donald Macintosh, dass die australischen Eingeborenen verdrängt werden. Dazu sind ihm übelste Mittel recht. Als Patrick Duffy sich dem Grundbesitzer Macintosh entgegenstellt, lässt dieser ihn von seinen Schergen umbringen. In der Stadt lernen sich derweil Macintoshs Tochter Fiona und Michael Duffy kennen. Sie verlieben sich, was insbesondere der Familie Macintosh nicht recht ist. Die knospende Beziehung der Beiden wird hintertrieben und auch andere Mitglieder der beiden Familie pflegen die gegenseitige Feindschaft.


Bei diesem Roman handelt es sich um den ersten Band der Australien-Saga, von der im englischen Original bereits mehr als zehn Bände erschienen sind. Neben der Fehde zwischen den Familien Duffy und Macintosh geht es hauptsächlich um die frühe Geschichte Australiens nachdem die ersten Generationen der weißen Siedler eingewandert sind. Diese versuchen sich ihr Leben und ein Einkommen aufzubauen. Wenig Rücksicht nehmen die Weißen dabei auf die Ureinwohner. Sie beanspruchen deren angestammtes Land für ihre eigenen Farmen. Gnadenlos werden die Aborigines verjagt oder hingemetzelt. 


Dieser historische Roman, der im Australien des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, gibt ein realistischeres Bild über das Land als man es anhand des Klappentextes vermuten könnte. Das Leben in diesem Land war hart, die Eingeborenen wurden unterdrückt, vertrieben oder vernichtet. Nicht einmal eine Liebesgeschichte ist süß. Auch wollen einem in diesem Buch nur wenige Akteure sympathisch erscheinen. Deren Leben ist allerdings häufig in Gefahr. Langlebiger wirken die Bösewichte, die einem gerechten Schicksal immer wieder entwischen. Und so tut man sich angelockt von der großen Liebesgeschichte, die der Klappentext verspricht, etwas schwer mit dem Roman, in dem eben diese Liebesgeschichte kaum vorkommt. Dafür bekommt man die harte Realität, raues Land, Mord, Intrigen und diesen Zwist zwischen den Familien Macintosh und Duffy.  Dennoch ist der Roman spannend und zeigt einen anderen weniger verklärten Blickwinkel auf die Geschichte Australiens.


3 Sterne


Weit wie der Horizont von Peter Watt

ISBN: 978-3-9614-7887-5

Sonntag, 14. Februar 2021

Das Werden

Hundert Tage müssen Marcus und Phoebe getrennt ausharren. Um Marcus’ wegen hat sich Phoebe zum Vampir wandeln lassen und nun gilt es diese Zeit zu überstehen. Während Phoebe die Wochen in Paris verbringt, ist Marcus bei Diana und Matthew. Hier stellt er sich der Geschichte seiner eigenen Wandlung. Im 18. Jahrhundert begannen große Umwälzungen in der Welt und Marcus war ein kleiner Teil davon, nachdem er schwierige Jahre in seinem menschlichen Elternhaus verbrachte. Im Unabhängigkeitskrieg findet er seine Tätigkeit in den Reihe der Mediziner. Trotz seiner einfachen Herkunft ist Marcus ein neugieriger Lernender, der seine Chancen nutzt.


Im vierten Band der „All Souls“ Reihe geht es hauptsächlich um Marcus de Clermonts Geschichte und das historische Umfeld, in das er hineinwächst. Aber auch Diana und Matthew müssen eine neue Situation meistern, ihre Zwillinge Becca und Philip zeigen schon früh, dass Übernatürliches in ihnen schlummert. Damit bekommen die Eltern Probleme, denn nicht jeder ist der Meinung, dass die Kinder sich einfach frei entfalten sollten. Auch Phoebes erste Tage und Wochen als Vampirin sind nicht so ganz einfach. Obwohl gut vorbereitet, hat sie gerade zu Beginn schon Mühe überhaupt etwas in die Hand zu nehmen, ohne es zu beschädigen. 


Wenn man nach einer kleinen Pause  mal wieder eine Gelegenheit hat, sich in die Welt der „All Souls“ zu begeben, nimmt man das doch gerne wahr. Zwar stehen Diana und Matthew nicht im Mittelpunkt, aber sie haben doch ihre Auftritte. Wichtiger jedoch ist die Erzählung von Marcus’ Jugend, der amerikanischen Unabhängigkeit und der französischen Revolution. Damit hat man einen historischen Roman, einen des Paranormalen und einen Familienroman. Eine quasi allumfassende Mischung, die der Story eine besondere Note gibt. Eine sich langsam entwickelnde Handlung und ein Wiederlesen mit lieb gewonnenen alten Bekannten, das ist eine gelungene Komposition, die anregende Lesestunden bietet.


4 Sterne


Time’s Convert von Deborah Harkness

ISBN: 978-0-525-56134-7

Samstag, 13. Februar 2021

DoppelDenk

Im Jahr 1984 ist Winston Smith gerade noch 39 Jahre. Er arbeitet im Ministerium der Wahrheit, wo er Berichte aus der Vergangenheit so anpasst, dass sie den Gegebenheiten der Gegenwart entsprechen. Winston weiß, was er tut und er macht es trotzdem. Schließlich ist es sein Job. In der Zeit der totalen Überwachung auch durch den TeleSchirm, der in seiner Wohnung hängt, wagt es Winston nicht, zu widerstehen. Aber Winston erinnert sich noch an die alte Zeit, bevor der große Bruder alles sah und alles wusste. Seine kleine Rebellion besteht darin, ein Tagebuch zu führen und sich seine Gedanken nicht immer vorgeben zu lassen.


„1984“ ist sicherlich das bekannteste Werk von George Orwell. Beinahe prophetisch erscheint die Beschreibung eines totalitären Staates. Der Protagonist Winston Smith wirkt wie ein Hoffnungsträger, einer der Wenigen, die sich gegen das System stellen, wenn auch nur im Verborgenen. Langsam nimmt er sich größere Freiheiten heraus und fühlt sich erstmal gut. Ein Traum scheint in Erfüllung zu gehen, als eine junge Frau, die er flüchtig kennt, sich ihm anschließt. Teilt sie seine Überzeugungen? Oder geht es ihr mehr um eine Liebesbeziehung? Am liebsten möchte Winston die Zeit mit ihr einfach nur genießen.


Egal, ob man das Buch in Jugendjahren schon einmal gelesen hat oder ob man Winston Smith zum ersten Mal begegnet, dieser Roman hat nichts von seiner Wirkung verloren. Gerade in der heutigen Zeit, wo manipulative Kräfte in sogenannten sozialen Medien wirken und Wahrheiten nicht beschrieben, sondern kreiert werden, überkommt einem bei der Lektüre ob der Weitsichtigkeit, sei sie beabsichtigt oder nicht, des Autors das Gruseln. In einer Ära, in der vieles gespeichert werden kann und die Information durch Algorithmen gelenkt werden, sollten Romane wie dieser eine Pflichtlektüre sein, um wenigstens die aufzuwecken, die dafür offen sind. Die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und sie muss sich wehren können und dürfen. Kaum zu glauben, dass der Autor schon vor siebzig Jahren viel zu früh verstorben ist.


5 Sterne


1984 von George Orwell

ISBN: 978-3-423-28232-1




Donnerstag, 11. Februar 2021

Ein besonderes Bild

Bisher hat Inspektor Pekkala alle Lebenswirren heil überwunden. Schon während des ersten Weltkriegs hat er dem Zaren gedient und nun im Jahr 1945 ist er im Dienst des neuen Zaren, genannt Stalin, eingesetzt. Die russische Armee dringt immer weiter nach Westen vor und zwei Offiziere finden in einer Kirche zufällig eine lange verschollen geglaubte Ikone, die im russischen Volk große Bedeutung hatte. Nun soll Pekkala in Stalins Auftrag klären, welchen Weg die Ikone nach ihrem Verschwinden genommen hat. Und noch andere scheinen großes Interesse an dem Bild zu haben, einem Bild, mit dem Pekkala vor Jahren schon einmal zu tun hatte. 


Dies ist der sechste Band der Reihe um Inspektor Pekkala, der russische Ermittler mit finnischen Wurzeln. Pekkala ist ein knorriger und zurückgezogener Typ, der nichts so schnell vergisst. Gleichzeitig ist er ein gewiefter Polizist, der nur wenigen vertraut. In der Sowjetunion während des zweiten Weltkriegs ist es wahrscheinlich auch besser misstrauisch zu sein. Man weiß schließlich nie wie lange die Gunst des Staatsoberhauptes anhält. Bei seinen Nachforschungen hilft Pekkala seine Kenntnis von der Ikone, an deren Macht im ersten Weltkrieg auch die Zarenfamilie schwor. Wie schon damals scheint auch heute eine ganz eigene religiöse Gemeinschaft in den Fall verwickelt zu sein.


Wie eigentlich immer, wenn man ein Buch aufs Geratewohl aus dem Regal herausgreift, überlegt man, ob man eine Reihe nicht mit dem ersten Band beginnen sollte. Doch auch wenn ein gewisser Hintergrund fehlt, ist der Kriminalfall auch ohne Vorkenntnisse zu verstehen. Hervorragend dargestellt und recherchiert ist der geschichtliche Hintergrund zu dem Fall. Man kann in die Welt des Zarenreiches eintauchen und erfährt auch etwas über Pekkalas Stellung. Durch die ein wenig ausschweifenden Ausflüge in die Vergangenheit, kommt dem Roman einiges an Spannung abhanden. Dies wird aber großenteils wettgemacht durch die überraschenden Wendungen, durch die sich das Schicksal der Ikone klärt.


3,5 Sterne


Rote Ikone von Sam Eastland

ISBN: 978-3-426-52211-0




Sonntag, 7. Februar 2021

Der Norweger

Endlich hat der Europol-Kommissar Bogart Bull den tragischen Tod seiner Frau und seiner Tochter einigermaßen überwunden. In einem neuen Einsatz wird er nach Amsterdam gerufen, wo eine junge norwegische Studentin umgebracht wurde. Wieder einmal findet sich Bull mit neuen Kollegen zusammen, wie so oft ist der örtliche Platzhirsch nicht ganz mit der fremden Hilfe einverstanden. Nach und nach klappt die gemeinsame Arbeit, allerdings ist ein Motiv für den Mord an der jungen Frau nicht auszumachen. Und es gibt Hinweise, dass es sich um einen Serientäter handeln könnte. Denn bei einem weitern Mord taucht die Zahl 13 auf.


Bei diesem Kriminalroman handelt es sich um den dritten Band einer Reihe. Vorhergehende Ereignisse werden so erläutert, dass es keine Verständnisschwierigkeiten gibt. Bogart Bull, der norwegische Polizist mit irischen Wurzeln, wird einem schnell sympathisch. Er scheint mit beiden Beinen im Leben zu stehen und er hat es geschafft, die Folgen seiner persönlichen Tragödie zu überwinden, ohne sie zu verdrängen. Doch dieser Fall ist sehr verzwickt, denn Morde geschehen, zwischen denen kein Zusammenhang erkennbar ist. Die Beamten fahren wirklich ihr gesamtes Repertoire auf und doch bleiben die Ergebnisse spärlich. Eher scheint der Täter ihnen näher zu kommen als umgekehrt.


Aus zwei Perspektiven kann man sich an die handelnden Personen herantasten. Neben der Ermittlungsarbeit der Kommissare erfährt man auch einiges aus dem Leben des Killers. Dieser stetige Wechsel nimmt dem Buch zwar etwas an Spannung, ist aber für die Komposition des Falles sinnvoll. Auch wenn man sich möglicherweise mit dem Schluss ein wenig arrangieren muss, ist dieser Krimi doch fesselnd und mit seinem sympathischen Ermittler empfehlenswert. Dieser Reihe muss man gewiss nicht aus dem Weg gehen und für ein verschneites Wochenende bringt Kommissar Bogart Bull eine willkommene Beschäftigung.


4 Sterne


Irrfahrt von Øistein Borge

ISBN: 978-3-426-30748-9




Samstag, 6. Februar 2021

Haparanda

Haparanda ist ein kleiner Ort in Schweden an der Grenze zu Finnland. Für die Polizistin Hanna geht es hier eher ruhig zu bis in der Nähe ein Wolfskadaver gefunden wird, in dessen Magen sich menschliche Überreste befinden. Fieberhaft suchen die Beamten nach der Leiche. Sie finden den Toten, der notdürftig versteckt wurde. Es ist völlig unklar, was hinter dem Todesfall steckt. Hannas Mann Thomas hat sich in letzter Zeit mehr und mehr zurückgezogen und Hanna, die gehofft hatte, wenn die Kinder aus dem gröbsten raus sind, hätten sie wieder mehr Zeit füreinander, ist enttäuscht. 


In diesem ersten Band einer Reihe bekommt die Polizistin Hanna es mit einem kniffligen Fall zu tun. Allerdings hätte die Wölfin nicht an dem Toten genagt, hätten sie diesen wahrscheinlich lange nicht gefunden. Wie ist er umgekommen? Gleichzeitig werden die Ereignisse aus anderen Blickwinkeln geschildert, so dass eine haarsträubende Geschichte ans Licht kommt. Da spielt der Zufall eine Rolle und eben jener ist für die Ermittler nur schwer kalkulierbar. Sie müssen aus den wenigen Spuren eine Erzählung lesen. Erst weitere Ereignisse offenbaren Hinweise und Zusammenhänge. Dabei ist Hanna manchmal von ihren privaten Sorgen abgelenkt.


Dieses Hörbuch ist lebhaft vorgetragen von der bekannten Sprecherin Vera Teltz. Der Autor Hans Rosenfeldt ist manchen vielleicht von seinen Romanen um den Polizeipsychologen Sebastian Bergmann bekannt, die er gemeinsam mit Michael Hjorth veröffentlicht. Hier nun schickt er eine eigene Ermittlerin ins Feld. Hanna ist dabei schön normal. Sie hat die Fünfzig überschritten und steht mit beiden Beinen im Leben. Und so wird sie dem Leser bald sympathisch. Allerdings geht die Untersuchung gerade zu Beginn etwas arg langsam voran, wodurch das Hörbuch etwas verliert, querhören geht irgendwie nicht. Zum Glück wird es spannender je weiter die Handlung voranschreitet. Dennoch kann es sein, dass dieser Roman als gedrucktes Buch besser funktioniert.


3,5 Sterne


Wolfssommer von Hans Rosenfeldt

ISBN: 978-3-95862-539-6




Dienstag, 2. Februar 2021

Geschichte einer Mutter

Nun selbst schon in mittleren Lebensjahren hilft Frank seiner Mutter beim Umzug in eine Pflegeeinrichtung. Maria ist nicht mehr ganz auf der Höhe und ihr Zustand wird nicht mehr besser werden. Frank erinnert sich. An die Geschichte seiner Mutter, so wie er sie kennt und auch an seine eigene Geschichte, die durch die der Mutter geprägt wurde. Sie musste den Krieg miterleben, wurde von einer Verwandten großgezogen und ging in eine Klosterschule. Dabei war Maria sich immer bewusst, dass sie intelligent war. Ein Studium war ihr Traum, der jedoch platze, weil es Frauen doch nicht so gegeben wurde. Ihr blieb ein spießig bürgerliches Leben und die Wut.


Leider ist es häufig so, dass Kinder, die misshandelt wurden, im späteren Leben dazu neigen, ähnlich zu handeln wie ihre Eltern. Und so hat auch Frank mit der Wut zu kämpfen. Jahrelang hat seine Mutter die Kindheit des Jungen vergiftet, bis er soweit ist, dass er versucht, sie mit ihren eigen Mitteln zu schlagen. Wahrscheinlich zum Glück für alle Beteiligten muss Frank dann nicht mehr mit seiner Mutter zusammenwohnen. Sein Leben kommt in ruhige Bahnen, doch richtig feste Beziehungen vermag er lange nicht aufzubauen. 


Die Erlebnisse einer harten Kindheit mit Kriegserlebnissen können über mehrere Generationen nachwirken. Da wird möglicherweise so mancher Leser an seine Eltern oder Großeltern denken, die sicher auch nicht nur schöne Erfahrungen gemacht haben. Viele der Älteren reden nicht häufig über ihre Vergangenheit und dennoch spüren die Nachfolgenden die Auswirkungen und reagieren. Im Buch weiß Frank einiges über seine Mutter, doch irgendwie bleibt die Frage, warum die Mutter bei ihrer Intelligenz ihre Wut gerade gegenüber ihrem Sohn, dem Jüngsten und Schwächsten, gegenüber auslebt. Dennoch berührt dieser Roman und wühlt auf. Nur zum Ende hin scheint etwas der Faden verloren zu gehen, weil nicht mehr eindeutig erkennbar ist, was nur in der Vorstellung des Frank geschieht. Insgesamt jedoch ist diese Geschichte der Wut sehr beeindruckend.


4 Sterne


Wut von Harald Martenstein

ISBN: 978-3-8437-2460-9