Mittwoch, 14. April 2021

Daqiun & Co

Anfang der 1970er wird in Marseille ein Busfahrer von einem Einwanderer umgebracht. Und in der Stadt, in der nach der Unabhängigkeit Algeriens viele Übersiedler leben, führt dies zu rassistisch motivierten Angriffen. Doch auch in den Polizeieinheiten, die Sachverhalte eigentlich aufklären sollen, gibt es rassistische Resentments. Commissaire Daquin, der neu in der Einheit eingesetzt ist, nimmt die Aufgabe jedoch in die Hand. Dabei muss er ausgesprochen vorsichtig vorgehen, damit er niemanden vor den Kopf stößt und doch die Wahrheit herausfindet. Unter seinen Kollegen hat er einige wenige Verbündete. Die öffentliche Meinung wird allerdings von Vorurteilen bestimmt.


Dieser Band schließt an den Roman „Schwarzes Gold“ an, Verständnisschwierigkeiten gibt es nicht. Commissaire Daquin wirkt wie ein Einzelkämpfer, der sich doch auf einige Leute verlassen kann. Nach der Unabhängigkeit Algeriens sind viele auch Nordafrikaner nach Frankreich eingewandert und etliche von ihnen sind an die selben Orte gezogen. Treten sie in größeren Gruppen auf, können sie möglicherweise wie eine Bedrohung wirken. So sieht es zumindest ein Teil der Bevölkerung, welcher dann mit Parolen um sich wirft, die auch heute wohlbekannt sind. Dass auch einige Polizisten, diese eigenartige Meinung vertreten, ist für Daquin ein schlechtes Zeichen und auch kaum zu ertragen.


Als Crime Noir wird dieser Kriminalroman beschrieben und er verbreitet tatsächlich eine düstere Stimmung, die wahrscheinlich nicht weit von der Wahrheit entfernt ist. Doch ist die Art der Beschreibung der Ereignisse etwas sehr trocken und teilweise berichtartig geraten. Dadurch vermisst man teilweise die Spannung, auch wenn der Roman inhaltlich und geschichtlich sehr interessant ist. Sehr gelungen erscheint die Beschreibung von Commissaire Daquins Hartnäckigkeit den Fall ordentlich zu bearbeiten und auch auf welche Widerstände er dabei trifft. Auch seine Pfiffigkeit und unkonventionelle Denkweise, die ihn im Fall voranführen, machen ihn zu einem sympathischen Ermittler.


3,5 Sterne


Marseille.73 von Dominique Manotti

ISBN: 978-3-8675-4247-0

Sonntag, 11. April 2021

Sailing

Sommer 1925, Gemeinsam mit Freunden segelt Mary Russell von Venedig nach Monaco. Sie genießt den Trip, obwohl sie eigentlich nicht ganz seefest ist. Durch ihren Kumpel Terry kommt sie gleich in die richtigen Kreise. Allerdings ist Mary mehr als überrascht als sie ihre Haushälterin Mrs. Hudson am Strand trifft. Das würde sicherlich auch ihren Mann interessieren, der als Violinist und Sheldon Russell getarnt in Venedig war und jetzt in Rumänien sein sollte. Doch als ehemalige Auszubildende ihres Mannes, der natürlich in Wahrheit Sherlock Holmes ist, macht sich Mary Russell erstmal selbst daran herauszufinden, welches Mrs. Hudsons Geheimnis ist.


Dies ist bereits der sechszehnte Band einer Reihe um Mary Russell und Sherlock Holmes. Der ältere Detektiv und seine junge Frau haben sich kennengelernt als Holmes eigentlich schon pensioniert war. Doch die beiden sind zum einen sehr gegensätzlich und sie ergänzen sich zum anderen sehr gut und schließlich haben sie begonnen die Rätsel gemeinsam zu lösen. Umso überraschender ist es, dass die treue Haushälterin Mrs. Hudson einiges zu verbergen hat. Und nicht alles davon ist Sherlock Holmes bekannt. Und da er sowieso nicht in Monaco weilt, ist es seine Frau, die Clarissa Hudson zur Hilfe eil als in deren Wohnzimmer die Leiche eines jungen Mannes gefunden wird.


Leider sind von dieser Reihe soweit bekannt nur die ersten Bände übersetzt. Im Buch befinden sich zwar Hinweise auf vorherige Fälle, doch zum Verständnis dieses Bandes ist es nicht notwendig, die Reihe komplett zu kennen. Der Klappentext macht durch die Erwähnung der alten Bekannten sehr neugierig, wie man sich diesen auf neue Art nähern kann. Und die Annäherung ist sehr gelungen. Auch wenn der Beginn etwas zu idyllisch erscheint mit seiner Beschreibung der Partylandschaft an der Mittelmeerküste in den 1920ern. Sobald jedoch die eigentliche Krimihandlung einsetzt und schließlich auch Sherlock Holmes die Bühne betritt, nimmt einen der Roman gefangen. Die Story ist interessant und vermischt geschickt geschichtliche Tatsachen und Gerüchte, so dass man bis zum Schluss gefesselt ist.


4 Sterne


Riviera Gold von Laurie R. King

ISBN: 978-0-525-62083-9

Freitag, 9. April 2021

Großmutter

Fünf Jahre ist es her, dass Nicholas Young seine Großmutter zuletzt gesehen hat. Sie war nicht einverstanden als Nick die Amerikanerin Rachel Chu geheiratet hat. Doch nun hatte die 96jährige einen schweren Herzinfarkt und die ganze Familie trifft in Singapur ein. Rachel überzeugt Nick, dass auch er sich auf den Weg machen sollte. Und obwohl seine Großmutter noch am Leben ist, geht mit Vorzimmer ihrer Krankenhaussuite das Gerede über die mögliche Erbschaft los. Besonders große Hoffnungen macht sich Cousin Eddie. Astrid, die Lieblingsenkelin, genießt derweil ihr Glück mit ihrer Jugendliebe Charlie Wu. Doch die Ex-Partner der beiden sind alles andere als glücklich über die Verbindung.


In diesem dritten Band um die Crazy Rich Asians geht es um das Ende eines Zeitalters. Su Yi ist eine außergewöhnliche Zeitzeugin, die mit weit über 90 auf ein bewegtes Leben zurückblicken kann. Doch nun neigt sich ihr Lebenskreis dem Ende entgegen und die alte Dame weiß nicht, ob sie noch die letzten Dinge regeln kann. In ihren wachen Momenten möchte sie Zeit mit Nicholas und Astrid verbringen, doch die liebe Verwandtschaft weiß das mitunter zu verhindern. Besonders Eddie, der sich Hoffnungen auf das Haus seiner Großmutter macht, beginnt einige Intrigen. Und auch die Töchter von Su Yi haben einige Ansprüche anzumelden.


Auch wenn man vielleicht nicht jeden Klatsch und Tratsch der Reichen und Schönen wissen möchte und sich auch nicht für jede Modemarke interessiert, so ist davon abgesehen dieser dritte Band der Reihe geradezu spannend. Schließlich geht es um die geheimnisvolle Su Yi und deren Erbe und ihre Vergangenheit. Wird sie sich mit Nick versöhnen, den sie großgezogen hat? Werden Astrid und Charlie ihr Glück finden, auch wenn sie auf schlimme Weise bloßgestellt werden? Und wird Eleanor endlich einen besseren Zugang zu ihrer Schwiegertochter Rachel finden? Zwar manchmal etwas schrill und egozentrisch, so sind die Crazy Rich Asians doch auch Menschen wie du und ich. Und mit dieser fesselnden Story werden sie einem noch ein wenig näher gebracht.


4 Sterne


Rich People Problems von Kevin Kwan

ISBN: 978-0-525-43238-8




Donnerstag, 8. April 2021

Der Dienstgrad

Bei einem vorherigen Fall ist Detective Sergeant Calil Drake unter Verdacht geraten. Zwar konnte die Sache ausgeräumt werden, aber Drake wurde degradiert und strafversetzt. Nun ist er zurück in London und möchte die nächste Gelegenheit nutzen, um sich komplett zu rehabilitieren. Als er und seine Partnerin zu einem vermeintlichen Einbruch auf einer Baustelle gerufen. Vor Ort stellt sich heraus, dass in einer Baugrube zwei halb verschüttete Leichen gefunden wurden, die möglicherweise lebendig unter Tonnen von Bauschutt begraben wurden. Das könnte genau die Gelegenheit sein, auf die Drake gewartet hat.


In diesem ersten Teil einer Reihe bekommt Calil Drake die forensische Psychiaterin Dr. Rayhana Crane an die Seite gestellt. Dem Einzelgänger Drake passt das nicht so gut in den Kram, so dass aus der Zusammenarbeit eher ein Nebeneinander wird. Erst nach einer Weile merken die bieden, dass sich ihre Arbeitsansätze ergänzen. Die Bearbeitung des Falles gestaltet sich schwierig, denn zunächst kann nur eines der Opfer identifiziert werden. Bei diesem handelt es sich um die Ehefrau des Bauunternehmers. Die Lage der Baustelle und damit des Tatorts erinnert Drake an seine eigene Jugend, denn er ist in einer nahegelegenen Sozial-Wohnsiedlung aufgewachsen. 


Calil Crane als leistungsstarker aber karrieremäßig abgehängter Polizist mit schwierigem sozialen Hintergrund. Aus einfachsten Verhältnissen hat er sich erst bei der Armee und dann bei der Polizei hochgearbeitet und ist doch der Außenseiter geblieben, der mitunter zum Sündenbock gemacht wird. Etwas zu viel wird hierauf herum geritten. Und auch die Erkenntnis, dass Drake und Crane sich beruflich gut ergänzen, kommt etwas spät. Hinzu kommt, dass die Merkwürdigkeit einiger Begegnungen einem als Leser auffällt, den Ermittlern aber nicht. Dass dieser Kriminalroman als Reihenbeginn trotzdem lesenswert erscheint, liegt an den Milieuschilderungen der vergessenen Jugendlichen aus der Sozialsiedlung und deren rechtsgerichteten Gegenspielern. Und schließlich gewinnt dieses Buch auch, wenn man im Verlauf erkennt wie Drake und Crane zusammenwirken. Die logische Schlussfolgerung zum Ende dieses Romans macht dann auch neugierig auf den Folgeband.


3,5 Sterne


London Burning von Parker Bilal

ISBN: 978-3-499-00218-2




Montag, 5. April 2021

Jochen der Rochen

Der erste Lockdown in der Corona-Pandemie läuft. Die Menschen sind alle irgendwie seltsam geworden. Jeder hat Recht und es wird nicht miteinander geredet. Robert, Doras Freund ist besonders überzeugt, dass das Klima gerettet werden muss und die Corona-Maßnahmen einzuhalten sind. Dora hat vor einiger Zeit ein heruntergekommenes Haus in Brandenburg erworben und nun nimmt sie ihren kleine Hündin Jochen und zieht aufs Land. Auch dort sind die Menschen seltsam, aber anders. Will Dora dort bleiben? Immerhin kann sie jederzeit in die Stadt, wenn sie denn irgendwelche öffentlichen Verkehrsmittel findet. Erstmal fängt sie an, ein Gemüsebeet anzulegen und dann wird sie weitersehen.


Das Landleben in Brandenburg hat nicht so einen guten Ruf. Zu oft liest man von den Rechten, die dabei sind dort die Oberhand zu gewinnen. Doch lauert wirklich an jeder Ecke ein Rassist? Eines merkt Dora schnell. Eine verschlossene Tür bedeutet hier nicht viel. Sie müht sich auf ihrem viertausend Quadratmeter Grundstück ab. Und plötzlich muss sie sich fragen, ob sie unter die Heinzelmännchen geraten ist. Der Garten wird gerodet, ein Bett wird gebaut. Etwas beängstigend. Froh ist Dora, dass ein Nachbar die Straße runter sie nach dem Einkaufen mitnimmt. Sie beginnt zu verstehen, wieso in ländlichen Gegenden die meisten Leute ein Auto haben.


Der neue Roman beginnt mit einer Beschreibung des Lebens in der heutigen Pandemie-Zeit. Die Lektüre nimmt dabei etliche Stunden in Anspruch, weil man dasitzt und denkt: eher nicht, vielleicht oder stimmt, stimmt genau. Man ist im positiven Sinne gezwungen zu reflektieren und nicht nur über die Pandemie, sondern auch über den Umgang der Menschen untereinander. Das Bild ist trostlos und die Frage, wie man wieder zu einer zugewandten Kommunikation kommen könnte, kann nicht einfach beantwortet werden. Doch als Dora so langsam von dem Dorf und seinen Menschen auf- und eingenommen wird, wird man beim Lesen auch in die Handlung hineingesogen. In der Anonymität der Stadt kann man sich seine Freunde aussuchen. Die Nachbarn im Dorf sind einfach da und man sollte versuchen, sie zu nehmen. Wie schwierig das sein kann, merkt man an Doras Beispiel. Auch wenn das Buch die Welt nicht ändert, so wäre es doch ein guter Ansatz sich selbst zu ändern.


4,5 Sterne


Über Menschen von Juli Zeh

ISBN: 978-3-630-87667-2




Sonntag, 4. April 2021

Große Schlange

In Kanada verschwinden seit längerem junge Frauen indigener Herkunft. In den Fällen wird meist nicht intensiv ermittelt. Als jedoch die erst 15jährige Jeanette in Montreal tot aufgefunden wird und die Presse berichtet, wird zunächst der örtliche Ermittler Jean-Baptiste LeRoux mit dem Fall befasst. Ihm wird der englischsprachige Ted Garner an die Seite gestellt. Sie schaffen es, die Tote zu identifizieren und sie machen sich auf den Weg in das heimatliche Reservat des Mädchens, um dort mehr über die Tote zu erfahren. Dies jedoch erweist sich als schwierig, da die Bewohner nicht geneigt sind mit den Weißen zusammenzuarbeiten.


Der schlecht gelaunte, zwar verheiratete, aber fremden Frauen nicht abgeneigte LeRoux mit seinem Bauchgefühl und der kühle, kopfgesteuerte Garner bilden ein ungleiches Paar, dass nur widerwillig zusammenarbeitet. Und doch ergänzen sie sich mit ihren unterschiedlichen Ansätzen. In Anbetracht dessen wie wenig sich die Weißen für das Leben der Indigenen interessieren, ist es kein Wunder, dass sich die Ermittlungen schwierig gestalten. Die beiden Beamten treffen auf Schweigen. Dennoch rühren sie etwas auf, denn der Cousin des Opfers beginnt sich an die Zeit mit Jeanette zu erinnern, die wie eine kleine Schwester für ihn war. Er hätte ihr helfen müssen.


In einen spannenden Kriminalfall eingebettet schildert die Autorin, wie die Menschen indigener Herkunft in Kanada ihr Leben fristen. Zwar gibt es die wenigen Ausnahmen derer, die die Gratwanderung zwischen zwei Welten schaffen, doch die Mehrzahl derer, die indianischen Stämmen angehören erscheinen von der gesellschaftlichen Entwicklung abgehängt. Und das bei einem Land, das doch sehr fortschrittlich wirkt. Eine überraschende Erkenntnis, die betrübt. Darüber hilft zwar der witzige und teilweise bissige Tonfall des Romans hinweg und auch die packende Handlung überzeugt, aber das Grundthema bleibt und arbeitet in einem. Sollten die Ureinwohner nicht wenigstens genauso geschätzt werden wie die Einwanderer, wenn nicht mehr? Ein nachdenklich stimmender Roman, der sich als informativ und lesenswert erweist. 


4,5 Sterne


Frostmond von Frauke Buchholz

ISBN: 978-3-86532-723-9




Samstag, 3. April 2021

Ein Hörfest

Am Strand einer kleinen Elbinsel werden Knochen gefunden. Zunächst ist nicht einmal klar, ob es sich um menschliche Überreste handelt, doch leider klärt sich diese Frage schnell. Jemand wurde in sitzender Stellung und mit gefesselten Händen vergraben. Doch nach einer langen Liegezeit kann der Gerichtsmediziner nicht viel zu dem Toten sagen. Nur wenig später wird erneut ein Toter auf einer anderen Elbinsel gefunden, unter ähnlichen Umständen, doch diesen hat sein Schicksal erst vor kurzem ereilt. Dieser Fall gibt Frieda Paulsen und Bjarne Haverkorn von der Polizei Itzehoe Rätsel auf. Nach akribischen Ermittlungen führt eine Spur in die ehemalige DDR.


Zum vierten Mal ermitteln Bjarne Haverkorn und Frieda Paulsen zusammen. Bjarne kümmert sich um seine Tochter, die nach einer Operation noch nicht ganz wiederhergestellt ist. Und Frieda hat sich daran gemacht, ihren Eltern bei der Renovierung des Obsthofes zu helfen. Die Verarbeitung der Ernte hat ein Nachbar übernommen, so dass eine Halle leer steht. Frieda hofft, dass dort ein Box-Studio entstehen kann. Es läuft also und die beiden Polizisten können ihre ganze Kraft für diesen kniffeligen Fall verwenden. Sollte eines der Opfer tatsächlich in der ehemaligen DDR aufgewachsen sein?


Dieses Hörbuch wird hervorragend vorgetragen von Michael Mendl, der dem schon etwas älteren Bjarne Haverkorn die richtige Knarzigkeit verleiht. Ein Buch, dass man wirklich gerne hört und für das man ebenso gerne zusätzliche Hörstunden einplant, weil man wissen will, was und wer hinter den Morden steckt. Die Beamten decken eine packende Geschichte aus der Vergangenheit der DDR auf, die sehr nachdenklich macht. In diesem Staat wurden Menschen nicht immer gut behandelt. Sicher kann man sich nicht aufs hohe Ross setzen und sagen: „Die“, doch man schluckt schon, ob der Taten von Staats wegen und welche Auswirkungen sie hatten. Mit diesem Kriminalroman hat die Autorin ein beeindruckendes Leseerlebnis geschaffen, das nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird.


4,5 Sterne


Mordsand von Romy Fölck

ISBN: 978-3-7857-8099-2