Mittwoch, 11. Januar 2023

Die Fähre

Iva und Malin machen sich auf die Suche nach drei Freunden, welche schon vor Wochen nur eine kurze Tour auch mit der Fähre machen wollten und die seitdem nicht wieder aufgetaucht sind. Nach einer Übernachtung in einem eigenartigen Hotel geht es auf die Fähre, die ebenfalls einen eigenartigen Eindruck macht. Der Bordmusiker Ola geht alle zwei Wochen aufs Schiff, er kennt die Mannschaft gut. Doch viel erzählen kann er nicht. Allerdings machen sich ihre Gedanken, denn die Crewmitglieder sehen durchweg ausgesprochen gut aus. Das kann keine Zufall sein. Und letztlich tauchen auch die Freunde wieder auf.


Kein Kriminalroman diesmal, das macht neugierig. Was hat es mit dem Fährschiff und seiner Mannschaft auf sich. Die Crew gleichzeitig forsch und zurückhaltend. Die beiden Frauen in Sorge um ihre Freunde, Iva auch in Sorge um ihre kleine Tochter, die sie wohl noch nie für eine Woche alleine gelassen hat. Dem Vater der Kleinen traut sie jedenfalls nicht. Und doch beginnen sich die Freundinnen auch dem Schiff wohl zu fühlen. Es ist ja schließlich nur eine Woche und an den Haltepunkten der Fährlinie werden kleine Ausflüge angeboten. Als die beiden Frauen die Gesuchten wieder treffen, erhalten sie keine besonderen Erklärungen.


Die Bücher der Autorin haben immer ihren eigenen Reiz und so ist es auch, wenn es kein Krimi ist, der geboten wird. Zwar gibt es auch Spannungsmomente. Diese werden jedoch vom Phantastischen bei weitem übertroffen. Für die Leserin bleiben zudem einige Fragen offen, was ihr als Liebhaberin von Kriminalromanen nicht so behagt. Dennoch regt es dazu an, sich selbst im Nachhinein ein paar Gedanken zu machen. Durch die vielen Dialoge und auch die unterschiedlichen Formen wirkt das Buch sehr lebendig und es liest sich weg wie nichts. Auch wenn man inhaltlich nicht alles nachvollziehen kann, ist es doch eine phantasievolle Reise durch die Nordsee und den Nordatlantik.


3 Sterne


Und sterblich sind nur die anderen von Simone Buchholz

ISBN: 978-3-518-47276-7





Montag, 9. Januar 2023

Scarlett und Prissy - neu gehört

Scarlett könnte jeden haben, außer Ashley Wilkes. Der jedoch verlobt sich mit Melanie Hamilton. Es ist die Zeit kurz vor dem Sezessionskrieg in den USA. Die Jugend auf den Plantagen hat es noch gut und sie genießt das Leben. Doch der Krieg wirft bereits seine Schatten voraus, was die jungen Männer allerdings nicht besorgt. Sie glauben fest an die Südstaaten und sie meinen, nach einem kurzen Krieg könne es nur einen Sieg geben. Nachdem Ashley und Melanie geheiratet haben, schließt Scarlett den Ehebund mit Charlie Hamilton Melanies Bruder. 


Im heutigen Berlin leben die Schwestern Celeste und Connie, Nachfahrinnen von Prissy, die als Dienstmädchen bei Scarlett war. Prissy hat begonnen ihre Sicht auf die Welt in Tagebüchern zu dokumentieren und ihre Kinder und Enkel haben diese Tradition beibehalten. Nun beginnen die Connie, Celeste und ihr Bruder Elias die alten Bücher zu sichten und zu lesen. Natürlich reflektieren sie auch über die Situation der Schwarzen heute und ihre Begegnungen mit Rassismus. Sie wollen etwas verändern und sie sind auch gespannt auf die Entdeckungen, die in den Tagebüchern noch zu machen sind. 


Hier ist das Südstaatenepos schlechthin neu interpretiert. Als bestes Hörspiel ist „Vom Wind verweht - Die Prissy Edition“ für den Deutschen Hörbuchpreis 2023 nominiert. Wenn einem das Hörspiel beim Erscheinen entgangen ist, kann dies durchaus dazu geeignet sein, Aufmerksamkeit und Interesse zu wecken. Das bei dieser neuen Herangehensweise ein besonders Augenmerk auf die ehemalige Sklavin Prissy und ihre Nachfahren gelegt wird, gibt dem ursprünglichen Roman eine eigentlich folgerichtige Weiterentwicklung. Endlich kommt auch Prissy und ihre Familie zu Wort. Dies bildet einen Gegenpol zu Scarlets Geschichte, die weithin bekannt ist. Auf diese Art wird die alte Geschichte nochmal ganz neu und interessant. Und so wird man auch neu angeregt, über die Handlung und ihren Bezug zur Gegenwart nachzudenken. Toll ist die Umsetzung des Ganzen als Hörspiel, dadurch werden Vergangenheit und Gegenwart lebendig, Erinnerungen werden geweckt und neue Gedanken werden angeregt. 


4 Sterne


Vom Wind verweht - Die Prissy Edition von Magaret Mitchell und Amina Eisner

ISBN: 978-3-8445-4426-8



 

Freitag, 6. Januar 2023

Romy, die Eisprinzessin

Schon einmal hatte schon vor Jahren einen Unfall und seitdem betreibt sie ihr Eiskunstlaufen nicht mehr als Einzelperson sondern gemeinsam mit Dan nimmt sie am Paarlauf teil. An ihrer Uni wird auch Eishockey angeboten und zwischen den Eiskunstläufern und den Eishockeyspielern herrscht eine gewisse Rivalität. Doch irgendwann wird der Bogen überspannt, weil Romy durch einen sogenannten Streich stürzt und sich verletzt. Einer der Hockeyspieler Jack genannt Frost wird dazu verdonnert, gemeinsam mit Romy zu trainieren, die wieder Sicherheit auf dem Eis finden will. Zu Beginn haben sich die Beiden nicht viel zu sagen, doch nach und nach ändert sich das.


Eine Verbindung zwischen Eiskunstlauf und Eishockey, was für eine schöne Idee. Durch die Aktion der Trainer, die eigentlich als Strafe gedacht war, kommt Romy zum ersten Mal mit den Eishockeyspielern zusammen. Während die Eiskunstläufer doch eher Individualsportler sind, treten die Eishockeyspieler mehr als Teamplayer auf. Das gefällt Romy überraschend gut. Auch dass durchaus Interesse am Eiskunstlauf zeigt, findet Romy sympathisch. Kein Wunder, dass sich Beide gut verstehen. Romys Trainingspartner Dan, der seit kurzem ihr Ex-Freund ist, spart manchmal nicht mit Kritik. Kein Wunder, dass Romy die Leichtigkeit, die sie während der Zeit mit Jack verspürt, sehr zu schätzen weiß.


Das neue Traumpaar Romy und Jack, wobei Romy trotz ihres zarten Äußeren eine starke Persönlichkeit besitzt und Jack trotz seiner etwas raubeinigen Sportart sehr empfindsam sein kann. Toll beschrieben sind die gemeinsamen Trainingsstunden, wenn sich Romy und Jack gegenseitig ihre Sportarten näher bringen und erklären und sich dabei auch persönlich näher kommen. Dan wirkt dagegen recht karrierebestimmt und von oben herab. Auch wenn der Schluss nachher etwas schnell und unspektakulär kommt und für Leser älterer Semester vielleicht etwas zu viel auf political correctness geachtet wird, liest man diesen Sportroman sehr gerne, weil man sich diese Trainingsstunden sehr gut vorstellen kann und es Freude bereitet, zu lesen wie sich diese beiden finden.


3,5 Sterne


Match on Ice Liebe, Spiel und Sieg von Allie Well

ISBN: 978-3-492-50643-4



 

Mittwoch, 4. Januar 2023

Inszenierung des Todes

In den letzten Monaten sind in Liverpool und der näheren Umgebung mehrere junge Männer verschwunden. Doch erst als der Moderator einer True Crime Sendung ebenfalls verschwindet, steigt die Polizei intensiver in den Fall ein. Ruth Lake und ihr Chef Greg Carver haben noch mit den Nachwirkungen ihrer letzten Ermittlung zu kämpfen und sie beginnen erst zu ahnen, was jetzt auf sie zukommen kann. Bis sie zu einer Art Kunstinstallation gerufen werden, in der auch Leichenteile verwendet wurden. Die können unter anderem auch dem vermissten Moderator zugeordnet werden. Nun müssen Lake und Carver intensiv ermitteln. 


Dies ist der zweite Fall von Carver und Lake, wobei man den ersten Teil nicht kennen muss, um den zweiten Fall zu verstehen. Carver ist als leitender Ermittler nach dem vorherigen Fall noch nicht wieder ganz fit. Doch auf Ruth Lake, die auch Fähigkeiten als Super-Recogniser hat, kann er sich verlassen, sie hält ihm den Rücken frei. Aber einige Informationen hält sie zurück. Nachdem festgestellt wurde, dass auch der Moderator entführt und getötet wurde, beginnen sie fieberhaft zu ermitteln. Was hat es mit dieser seltsamen Inszenierung auf sich? Kunst kann man es doch nicht nennen, oder?


Nicht ganz einfach auf über sechshundert Seiten eine Spannung zu erzeugen und aufrecht zu halten. Das ist hier gut gelungen. Man muss sich zwar zunächst in die Innenwelt der Ermittler hineindenken und ihre Traumata verstehen und auch mit diesen Inszenierungen, die der Täter Kunst nennt, muss man irgendwie hinnehmen, dann jedoch hat man einen fesselnden Fall, der mit seinen Finten und Winkelzügen überrascht. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten kommen einem auch die Ermittler näher und mit ihren Eigenheiten und ihrer unkonventionellen Art zu ermitteln werden sie einem sympathisch. Je näher die Ermittler der Lösung kommen, desto mehr muss man sich als Leser damit abfinden, dass man falsch lag. Und so soll ein Kriminalroman doch sein.


4 Sterne


Der Fährmann von Ashley Dyer

ISBN: 978-3-7341-0662-0




Dienstag, 3. Januar 2023

Peredain

Im Reich von Peredain lebt es sich gut. Die Strukturen sind geregelt, die Herrscherfamilie ist beliebt. Alle 23 Jahre öffnen sich die Pforten und die Gesandten des Abendvolkes betreten das Reich. Ihnen zu Ehren werden Festspiele veranstaltet und als Dank erhalten die Gelehrten magische Geschenke, mit deren Hilfe sie das Land regieren und den Volk einen gewissen Wohlstand und auch eine Sicherheit bescheren. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Durch das Tor kommen grausame Monster, die alles niedermetzeln, was ihnen in den Weg kommt. Lediglich der Thronfolger und seine Getreuen können fliehen.


In diesem ersten Band einer Fantasy-Trilogie kommt das Land Peredian von der Ordnung ins Chaos. Die überlebenden Bewohner des Landes haben keine Ahnung, was über sie hereingebrochen ist. Die fellbewachsenen blutrünstigen Monster sind ihnen gänzlich unbekannt. Prinz Lar, der jetzt König ist, und sein kleines Gefolge können zwar mit einem Flugwagen fliehen, doch ob sie jemals gegen die Invasoren antreten und gewinnen können ist völlig ungewiss. Doch wer sind die Monster? Und wieso kam nicht ein Vertreter des Abendvolkes durch das Tor? Werden sie jemals ihr altes geordnetes Leben zurück bekommen? Weit entfernt arbeitet die junge magiebegabte Cazia ebenfalls daran, herauszufinden woher die Monster kommen und ob sie ein Ziel verfolgen.


Der Ansatz dieses Fantasy-Romans verspricht einiges an Spannung und einer interessanten Geschichte. Die oben erwähnten Fragen beschäftigen einen und man hofft auf den Hauch einer Lösung. Doch irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass sich mehr ein Road-Movie entwickelt, von dem man (noch) nicht erfährt, was Sinn und Zweck ist. Dies wird verstärkt durch den Schluss des Romans, der ist nämlich nicht wirklich vorhanden. Fast so als hätte man keine Trilogie, sondern einen Einzelband, der lediglich zu lang ist, um auf einmal auf den Leser losgelassen zu werden. Natürlich überlegt man bei einem ersten Band, ob das geweckte Interesse, mit der Lektüre der Folgebände befriedigt werden soll. Doch weil schon die Handlung des ersten Bandes etwas ziellos dahin mäandert, sieht man sich genötigt, sich einige Stimmen zu den weiteren Bänden zu lesen, um ein wenig ernüchtert zu beschließen, diese Reihe nicht weiter zu verfolgen. Dennoch ein interessanter Reihenbeginn, mit einem Setting, das neugierig macht.


3 Sterne


Die Pforte der Schatten von Harry Connelly 

ISBN: 978-3-7341-6087-5




Montag, 2. Januar 2023

Klar ausgedrückt

Kochen ist Chemie, das erklärt jedenfalls Elizabeth Zott in ihrer Kochshow „Essen um sechs“. Was Zott damit sagen möchte ist, dass sie eigentlich Chemikerin ist, aufgrund der Umstände des Lebens nun aber im Fernsehen gelandet ist. Und auch das ist im Jahr 1961 ein ungewöhnlicher Karriereschritt. Zwar hat Elizabeth studiert, aber promoviert hat sie nicht. Vielleicht ist sie deshalb in ihrem Institut unter den männlichen Kollegen nicht gut angesehen. Vielleicht sind die Kerle auch neidisch, weil sie besser ist. Einzig der Ausnahmewissenschaftler Calvin Evans sieht das anders. Für ihn ist Zott erstmal diejenige, die seine Laborbecher vereinnahmt hat. 


Eine Frau in der Wissenschaft ist wohl auch heute nicht einfach, gerade wenn es um Naturwissenschaften geht. Grundsätzlich stehen den Frauen aber Möglichkeiten offen. In den 1950er und 1960er Jahren erlebt Elizabeth Zott das ganz anders. Mit vollem Herzen hat sie sich der Chemie verschrieben und sie wird von den Männern und dem System herbe ausgebremst. Ein Lichtblick ist nach den anfänglichen Schwierigkeiten Calvin Evans, der wenigstens versteht, wovon sie redet. Kein Wunder, dass die Beiden sich näher kommen, Calvin geht es schließlich ähnlich. Ihre kleine Lebensgemeinschaft erscheint fast perfekt als ihr Hund um halb sieben zu ihnen stößt. Dennoch sind ihre Lebensentwürfe unterschiedlich, was auch zu Problemen führt.


Dieser Roman steht schon seit Monaten auf der Bestsellerliste, was einen möglicherweise fast schon skeptisch werden lässt. Man hat widerstanden bis es der Roman auf die Nominiertenliste des Deutschen Hörbuchpreises in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ geschafft hat. Und beste Unterhaltung wird hier tatsächlich geboten, zum einen durch die tolle Lesung von Luise Helm, zum anderen durch den Inhalt des Buches, der sich mitreißender darstellt als geahnt. Vielleicht sind einige Schicksalsschläge doch zu viel, doch gerade die Beschreibung der Frau in der Wissenschaft in der damaligen Zeit erscheint sehr authentisch und glaubhaft. Da kann man schon mal wütend werden und froh sein, dass man heute lebt. Man neigt dazu es als selbstverständlich hinzunehmen, doch man sollte es zu schätzen wissen, was Frauen seien sie auch fiktional wie Elizabeth Zott für ihre Töchter und Enkelinnen erreicht haben. Daneben berührt Elizabeth Zott mit ihrer Geradlinigkeit, die ihr schließlich echte Freundschaft und eine Familie beschert.


4,5 Sterne


Eine Frage der Chemie von Bonnie Garmus

ISBN: 978-3-8695-2538-9





Sonntag, 1. Januar 2023

Japanviertel

Die Itos sind recht angesehen in Los Angeles. Die Eltern sind eingewandert und die Kinder wurden in Amerika geboren. Der Vater betreibt einen Nahrungsmittelhandel. Doch als im zweiten Weltkrieg Pearl Harbor von den Japanern angegriffen wird ändert sich alles. Die Itos verlieren, was sie sich aufgebaut haben und werden in ein Lager umgesiedelt. Im Jahr 1944 bekommen sie die Möglichkeit nach Chicago zu gehen. Dort ist schon ihre ältere Tochter Rose. In Chicago erwartet die Itos eine schreckliche Nachricht. Rose ist tot. Ihre Schwester Aki kann nicht an einen Unfall oder Selbstmord glauben und sie beginnt, Fragen zu stellen.


Das Leben der japanischstämmigen Bevölkerung war schon vorher nicht einfach, doch mit dem Überfall auf Pearl Harbor werden die Japaner in Amerika von ihrem Besitz vertrieben und in Lager gesperrt. Zwar bekommen hier die Itos die Möglichkeit nach Chicago zu gehen, allerdings müssen sie von ganz unten neu anfangen. Besonders schwer ist es für Aki Ito, die zwar eine annehmbare Anstellung findet, aber nicht über den Tod ihrer Schwester hinwegkommt. Zunächst rennt sie gegen eine Mauer des Schweigens. Nicht einmal Roses ehemalige Mitbewohnerinnen wollen reden, lediglich der Koffer mit Roses Habseligkeiten wird ihr übergeben. Auch die Polizei scheint nicht viel Interesse an Ermittlungen zu haben.


Es ist schon beklemmend wie die japanischstämmigen Amerikaner im zweiten Weltkrieg behandelt wurden. Verständlich ist zwar, dass Amerika entsetzt über den Angriff ist, aber deshalb wird ja nicht jeder US-Bürger, der japanisch aussieht, zum japanischen Spion. Es berührt wie Aki versucht, die Umstände des Todes ihrer Schwester zu klären. Dabei muss sie sich in der fremden Umgebung zurechtfinden und sich von ihrer Schwester verabschieden. Auch neue Bekanntschaften schließt sie, wobei sie sich meist im japanischen Viertel aufhält. Man verfolgt, wie akribisch und hartnäckig sie kleinsten Spuren nachgeht und sich von Rückschlägen nicht entmutigen lässt. Dabei bekommt man auch einen Eindruck von der Amerikanisch-Japanischen Kultur und welchen Repressalien sie zu Kriegszeiten ausgesetzt war. Dieses gegen eine unsichtbare Mauer rennen, ist zwar auch aus anderen Situationen bekannt, hier wirkt es aber besonders einengend. Dieser ungewöhnliche historische Kriminalroman ist informativ und spannend.


4 Sterne


Clark and Division von Naomi Hirahara

ISBN: 978-1-6412-9249-8