Samstag, 22. April 2023

Nur ein Unfall

Der ehemalige Polizist Art Mayer will eine Freundin zum Krankenhaus bringen als er in einen Unfall verwickelt wird. Der Fahrer des Fahrzeuges flieht und auch Art entfernt sich vom Geschehen. Umso überraschter ist er, als er von seinem ehemaligen Chef gebeten wird, die Ermittlungen in eben jener Unfallsache zu übernehmen. Eine Zeugin hat eine Tote auf der Ladefläche des Unfallfahrzeuges gefunden. Deren Körper ist mit einer Anschrift markiert, die hinlänglich bekannt ist. Mit Art soll die junge Polizistin Nele Tschaikowski an dem Fall arbeiten. Zunächst finden die Beiden nur widerwillig zusammen.


Mit diesem Thriller stellt der Autor sein neues Team vor. Art Mayer, der als Kind einen schweren Start hatte und lange als berühmt berüchtigter Ermittler bekannt war, hatte den Polizeidienst eigentlich verlassen. Nele Tschaikowski dagegen steht am Anfang ihrer Karriere. Sie ist gewitzt, aber unerfahren. Eigentlich passen Art und Nele nicht zusammen und dennoch ergänzen sie sich bei der Untersuchung. Wieso wurde die Frau ermordet? Und erhält Art als quasi Neueinsteiger alle Informationen, die er braucht, um das Motiv und den Täter zu finden? Schon bald verdichten sich Hinweise, dass die Wurzel des Verbrechens möglicherweise zum Teil in seiner eigenen Vergangenheit liegt.


Wenn man die Tom Babylon Reihe des Autors kennt, weiß man, dass sein Name für spannende Thriller steht. Natürlich ist man neugierig, was er für sein neues Team in Petto hat. Dabei konzentriert sich dieser erste Band mehr auf Art, der in seiner Vergangenheit einschneidende Erlebnisse verarbeiten musste. Dadurch wird der Start des Romans etwas verlangsamt. Doch so versteht man besser wie Art tickt. Nele bleibt allerdings noch mehr im Hintergrund. Hoffentlich erfährt man in den folgenden Bänden noch mehr über sie. Als Ermittlerin ist sie auf alle Fälle mehr als ein Sidekick. Die Untersuchung, um die es geht ist auf jeden Fall spannend und brisant. Das Geschäft ist hart und von Intrigen geprägt. Die Geschichte hält etliche Erkenntnisse und Überraschungen bereit und wie in einem guten Thriller, je länger man liest, desto packender wird es. Dies wird unterstrichen durch den gekonnten Vortrag von Peter Lontzek.


4 Sterne


Der Morgen von Marc Raabe

ISBN: 978-3-8449-3266-9






Mittwoch, 19. April 2023

Die neuen Laubenpieper

Manne Novak hat eigentlich gedacht, Karl wäre sein bester Freund, vor einem halben Jahr war plötzlich alles anders. Sogar seine Parzelle im Schrebergarten hat er gekündigt. Eben die soll nun neu vergeben werden. Manne, der Vereinsvorsitzende und ehemalige Polizist, will eigentlich keine Neuen. Doch die Liste der Kandidaten ist lang. Und nun kommen die Neuen. Die junge Familie von Ribbeck. Widerwillig muss Manne einsehen, sie sind ganz sympathisch. Doch der Feuereifer, mit dem sich Vater Eike ans Umgraben macht, erscheint Manne etwas übertrieben. Richtig entsetzt ist er jedoch als Eike bei seiner Aktion eine Leiche ans Tageslicht befördert.


Obwohl Manne Novak kein Polizist mehr ist, hat er seine Fähigkeiten natürlich nicht verloren. Dass er selbst wegen der Leiche auf der Parzelle nebenan unter Verdacht gerät, bringt ihn doch aus der Fassung. Den Vorschlag seiner neuen Nachbarin Caro von Ribbeck, sie sollten gemeinsam nach dem wahren Täter suchen, findet Manne etwas skurril. Doch bleibt ihm etwas anderes übrig. Die Polizei schient sich auf Manne eingeschossen zu haben. Und nun ermitteln Manne und Caro gemeinsam, was nicht so einfach ist für Privatleute. Einige alte Kontakte kann Manne Novak noch nutzen und so werden Manne und Caro zu Privatdetektiven. 


Es macht nichts, wenn man das Pferd von hinten aufzäumt und den zweiten Fall vor dem ersten kennenlernt. Denn so bringt einen der zweite Fall zum ersten. Manne Novak und Caro von Ribbeck sind schon ein Team, von dem man gerne liest. Sie etwas hibbelig, aber pfiffig, er mit mehr Lebenserfahrung, der manchmal etwas bremst, im richtigen Moment aber zielstrebig vorgeht. Das Setting in einer Berliner Kleingartenkolonie macht ein anheimelndes Gefühl, ein ruhiges Eckchen in der hektischen Großstadt. Dass ausgerechnet dort ein Verbrechen geschieht, ist ein echter Schlag. Und wie der schockierte Manne sich des Verdachts erwehrt ist spannend, aber auch mit einer Portion Humor geschildert. Dabei lernt er noch eine Seite von Karl kennen, die diesen in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Und so gibt dieser Reihenstart eine gute Mischung aus liebenswerten Akteuren und einen Fall, der sich als komplexer erweist als zunächst gedacht. 


4 Sterne


Rosenkohl und tote Bete von Mona Nikolay

ISBN: 978-3-426-30895-3





Montag, 17. April 2023

Ein sicherer Ort

Die Talente werden aufgespürt, sie haben etwas Besonderes wie sie heilen von selbst, sie leuchten, sie können sich unsichtbar machen und noch andere wunderbare Dinge. Alice Quicke und Frank Coulter sind diejenigen, die sich auf den Weg machen, um die Talente zu suchen und zum Cairndale Institut in Schottland zu bringen. Die Reisen sind im Jahr 1882 etwas beschwerlich, auch weil sie die beiden beinahe um die ganze Welt führt. Nicht nur das Reisen an sich ist gefährlich, auch eine unheimliche dunkle Gestalt scheint hinter den Talenten her zu sein, besonders hinter dem achtjährigen Marlowe.


Bei diesem Ritt durch viele Genre handelt es sich um den ersten Teil der Talente Trilogie. Die Kinder und Jugendlichen mit ihren besonderen Eigenschaften fallen in ihrer Umgebung auf und sind deshalb häufig gefürchtet oder verhasst, Der Ruf an das Institut wirkt da wie ein Versprechen ins gelobte Land. Im Institut bekommen sie Unterricht, sie lernen, ihre Talente zu beherrschen und sie sollten sicher sein. Die Siegel des Instituts sollten sie schützen. Doch besonders Marlowe scheint auch innerhalb der Mauern in Gefahr zu sein. Doch seine neuen Freunde und er halten zusammen und vielleicht retten sie die Welt.


Manchmal denkt man, man liest einen Western oder einen Eastern, dann befindet man sich in einem spannenden Krimi und irgendwann packt einen der Horror. Das hat echt was. Auch wenn es hin und wieder ein wenig brutal zugeht, macht das Lesen dieses Romans richtig Spaß. Der kleine Marlowe, sein Freund Charlie und auch die anderen Talente sind liebenswerte Geschöpfe, die zeigen, was Freundschaft bedeuten kann. Die Geschichte hat es auch in sich, Nichts ist so wie es scheint, die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließend. Und die Lektüre gerät darüber überraschend und mitreißend. Man möchte zwar nicht dem Gemetzel beiwohnen, aber wie diese Staubmäntel beim Gehen hinterher wedeln, dass möchte man sich richtig gerne vorstellen und so kann man getrost auf den zweiten Teil warten. 


4 Sterne


Ganz gewöhnliche Monster von J. M. Miro

ISBN: 978-3-453-32232-5






Freitag, 14. April 2023

Die Wette

Genervt geht die Schriftstellerin Hannah Krause-Bendix zu einer Buchveranstaltung und muss feststellen, dass noch nicht einmal die Mitarbeiterin am Stand sie kennt. Als dann noch der verachtete Krimiautor Jørn viel mehr Aufmerksamkeit bekommt als sie, rastet sie etwas aus und behauptet, jeder könne innerhalb von vier Wochen einen Krimi schreiben. Eine Steilvorlage für ihren Lektor, der Hannah in die Einsamkeit nach Island schickt, damit sie sich in Ruhe an die Arbeit machen kann. Mit der Ruhe ist es jedoch schnell vorbei bzw. sie fängt garnicht erst an. Schon kurz nach Hannahs Ankunft wird ein Toter gefunden.


Wo bekommt sie nur eine Inspiration her? Ihre literarischen Romane sind bei der Kritik gut weg gekommen, lassen die Kasse jedoch nicht übermäßig klingeln. Und in letzter Zeit fällt es Hannah schwer, überhaupt etwas zu Papier zu bringen. Und jetzt einen Krimi, hm. Und wenn die den echten Todesfall als Inspiration nimmt? Ist das nicht respektlos dem Opfer gegenüber? Aber andererseits, wenn sie etwas herausfindet, wenn sie sogar herausfindet, wieso der junge Mann sterben musste? Irgendeine Ausrede braucht man schließlich. Hannah beginnt, Fragen zu stellen und sie beginnt, die ersten Sätze ihres Kriminalromans zu formulieren.


Herrlich, der Literaturbetrieb kombiniert mit einem Krimi. Die Autorin beschreibt Hannahs Versuch, einen schlechten Krimi zu schreiben und das formuliert sie wie einen schlechten Krimi, mit Wendungen aus dem Nichts, neuen Personen und exzentrischen Nebencharakteren. Als Leser amüsiert man sich köstlich dabei, dieses Entstehen eines Kriminalromans zu beobachten. Der Autorin im wirklichen Leben gelingt es auch, Respekt für den Schreiber des Kriminalromans zu wecken, denn im Buch merkt Hannah durchaus, dass sie auch beim Krimi um manche Formulierung ringt und sich um eine logisch nachvollziehbare Handlung bemühen muss. Hier wird auf witzige und humorvolle Weise eine Lanze für den Krimi, seine Autoren und Autorinnen und für die begeisterten Krimileser zu brechen. Sehr gelungen.


4,5 Sterne


30 Tage Dunkelheit von Jenny Lund Madsen

ISBN: 978-3-608-50165-0





Donnerstag, 13. April 2023

Mit dem Herzen sehen

Harry Dresden schwitzt Blut und Wasser, ein TV-Studio ist einfach kein Aufenthaltsort für einen Magier. Doch wenn er etwas über seine Ex-Freundin Susan Rodriguez erfahren kann, kennt er kein Halten. Sie soll sich in Peru aufhalten. Allerdings muss Dresden auch Geld verdienen und als er von einem Pater der katholischen Kirche beauftragt wird, nach einen gestohlenen Relikt zu suchen, nimmt er die Aufgabe an. Als ob das nicht genug wäre, wird er von einem wichtigen Mitglied des roten Hofes zum Duell gefordert. Es lauern also reichlich Gefahren hinter jeder Ecke und der Tod ist Harry gewiss.


Zum Glück umfasst die Reihe, deren fünfter Band jetzt in sehr schöner Gestaltung neu aufgelegt wurde, noch etliche Bände, so dass man darauf vertrauen kann, dass Harry den Gefahren trotzen wird. Für Harry gibt es ein Wiedersehen mit Susan Rodriguez, die ihrer Wandlung zum Vampir immer noch widersteht. Es wird ihr jedoch immer schwerer. Dennoch hilft sie Harry als ein vermeintlicher gedungener Mörder auf ihn losgeht. Von den Aufgaben, die Harry übernehmen wollte, ist er damit erstmal abgelenkt. Kümmern muss er sich aber, um einen Sekundanten für das Duell und eine Spur des Relikts will er auch aufnehmen.


Wieder tauchen neue Gegner für Harry Dresden auf, die Denarier, dreißig von ihnen gibt es, einen für jeden Silberling, den der Verräter erhalten hat. Das zeugt von dem Ideenreichtum des Autors. Und auch alte Bekannte haben erfreulicherweise wieder mal einen Auftritt. Da sind Susan Rodriguez und Michael Carpenter, die Dresden unterstützen. Hat der Autor von vorne herein ein Konzept für die Reihe gehabt? Man könnte es annehmen, denn immer wieder gibt es Hinweise, dass noch eine größere Aufgabe auf ihn wartet. Nun, in diesem Band gibt es eine rasante Story oder sogar zwei, die vage miteinander verflochten sind. Etwas bittersüß verläuft seine Beziehung zu Susan Rodriguez, deren Kampf gegen die Wandlung immer schwieriger wird. Man wünscht, es möge für die Beiden eine Zukunft geben, aber sicher ist das nicht. Harry Dresden wächst an seinen Aufgaben und die Reihe enthüllt häppchenweise einige Zusammenhänge. Man will einfach mehr wissen und freut sich auf den nächsten Band.


4 Sterne


Silberlinge von Jim Butcher

ISBN: 978-3-7341-6339-5






Mittwoch, 12. April 2023

Studebaker

Nach einem Aufenthalt in einem Besserungsheim für Jugendliche kommt der 18jährige Emmett im Jahr 1954 zurück an seinen Heimatort. Er bekommt ein paar Tage der Strafe erlassen, weil sein Vater verstorben ist. Die Farm seines Vaters wurde von der Bank eingezogen, denn die Raten wurden nicht bezahlt. Eigentlich will Emmett nicht lange bleiben, seine Reputation ist hin, die Farm ist hin und sein Erbe auch. Emmett will seinen kleinen Bruder Billy abholen und mit seinem 48er Studebaker nach San Francisco. Billy möchte gerne über den Lincoln Highway gleiten und in Kalifornien nach der Mutter der Brüder suchen. 


Der Plan der beiden Brüder klingt als sollte er einfach auszuführen sein. Doch zum einen hat Emmett nicht bedacht, dass sich die Tochter der Nachbarn Sally in der letzten Zeit um Billy gekümmert hat und zum anderen kann er in keiner Weise damit rechnen, dass seine beiden Mitgefangenen Duchess und Woolly bei ihm auftauchen würden. Diese beiden möchten nach New York, wo der Lincoln Highway wohl beginnt, was allerdings genau in entgegengesetzter Richtung des eigentlichen Ziels der Bruder liegt. Damit war es das dann mit dem Plan. Die Reise starten sie zu Viert und netterweise will Emmett seine beiden Kameraden nur an der nächsten Station absetzen, von wo aus sie alleine weiterkommen.können


Diese Reise verläuft wirklich  anders als geplant, sie entwickelt sich zu einer wahren Odyssee, auf der die Reisenden unterschiedlichen Persönlichkeiten begegnen, die ihren Weg prägen. Doch immer verfolgen sie ihre eigenen Ziele, wobei Emmett meist ehrenwert handelt, der neunjährige Billy eine Lebensklugheit entwickelt, Woolly sich still durchsetzt und Duchess manchmal poltert und pöbelt. Ein Roman wie ein Roadmovie und ein Coming of Age. Allerdings weckt diese Art der Konstellation die Vermutung, dass eine solche Reise mit Schwierigkeiten verbunden sein kann. Wenn man dann macht, was man eigentlich nicht sollte: den Schluss lesen, mehrfach, ist man auch nicht schlauer. Wenn man dann das fulminante Finale erreicht hat, sieht man seine Vermutung bestätigt und der Eindruck bestimmt zumindest zum Teil den Eindruck von gesamten Roman. Dieser wartet vorher mit wahrhaft wunderbaren ernsten, humorvollen und lehrreichen Episoden auf, für die sich die Lektüre dieses Werkes sicher lohnt.


3,5 Sterne



The Lincoln Highway von Amor Towles

ISBN: 978-1-529-15764-2



Montag, 10. April 2023

Das beste Heim

Die Pflegekraft Sybille Bullatscheck hat ganz schön zu tun. Der Sohn von Otterle senior hat übernommen und der kommt aus dem Management. Jetzt wird einiges umgekrempelt im Heim, das Ziel ist, Heim des Jahres zu werden. Weder auf die Pflegekräfte noch auf die Bewohner nimmt er dabei viel Rücksicht. Und mehr Personal einstellen möchte er auch nicht. Da kann es schon mal notwendig werden, dass Sybille zum Speed-Dating ein paar Senioren mitnehmen muss. Aber auch einer Pflegekraft muss mal ein Privatleben gegönnt werden. Nur auf der Dating-Plattform für Pflegekräfte will es nicht so recht klappen.


Dies ist der erste Roman von Sybille Bullatscheck. Von ihrem Haus Sonnenuntergang gibt es jedoch noch mehr. Es lohnt sich, einen Blick auf die web.site zu werfen. Sybille ist schon eine Marke, Pflegekrafte sind bei ihr auch Pflägekräfte, sie kommt nämlich aus dem Schwabenländle. Mit ihren Kolleginnen versteht sie sich meist gut, besonders mit ihrer Freundin Evelin. Der neue Chef ist allerdings nicht so der Bringer und von Empathie hat er auch noch nicht viel gehört. Da sind die alten Leutchen machmal liebenswerter, auch wenn es mit ihnen nicht immer leicht ist. Leider sind nicht mehr alle so fidel, doch einige sind noch richtig flott. 


Der Titel des Buches fällt einem sofort auf, man hat gleich Bilder vor Augen, wie ein paar alte Herrschaften oder Frauschaften auf einer Hüpfburg suchen. Das Cover tut ein Übriges dazu. Wenn man so liest, kommt man auf den Gedanken; Flöhe hüten ist leichter. Manchmal werden die alten Menschen wieder wie Kinder und dann haben die Pflegekräfte oder auch die Verwandten ganz schön zu tun. Hin und wieder sind die alten Damen oder Herren auch noch geistig fit und für einen Spaß zu haben, dann können sie besser feiern als die Jungen. Dass es in der Pflege ganz schön stressig zugeht, kommt in diesem Roman gut rüber. Aber es ist wohl auch ein wenig, was man daraus macht und so kann man einiges auch von der lustigen Seite sehen. Im Haus Sonnenuntergang geht es manchmal recht chaotisch zu und es hört so mittendrin auf, dass man meint, es müsste noch weitergehen. Ein etwas anderer Roman, der so manchen Lacher hervorruft. 


4 Sterne


Sie haben ihr Gebiss auf der Hüpfburg verloren von Sybille Bullatscheck

ISBN: 978-3-365-00267-4