Sonntag, 23. November 2014

Durch die Highlands

Kurz vor den Sommerferien findet Samantha unter den Sachen ihrer verstorbenen Großmutter ein kleines Büchlein und eine Kette mit einem ungewöhnlichen Anhänger, die sehr alt zu sein scheinen. Doch ihre beste Freundin Kim lenkt sie mit ihren Jungsgeschichten ab, so dass Sam sich nicht näher mit ihren Fundstücken beschäftigt. Als Sam wegen schlechter Noten in einigen Fächern über den Sommer nach Schottland geschickt wird, hat sie zwar die Kette dabei. Das Buch allerdings hat sie in Amerika vergessen. Schon bald nach der Ankunft wird Sam fast von einem Motorrad überrollt und damit kommen seltsame Ereignisse in Gang. Sam, die immer wollte, dass ihr erster Kuss etwas Besonderes sein sollte, lernt den geheimnisumwitterten Payton kennen. Dieser scheint sich gleichzeitig von Sam angezogen zu fühlen als auch vor ihr zurück zu schrecken. 

Lange schon war ich nicht mehr in den Highlands, im wirklichen Leben noch nie. Die schottische Geschichte kenne ich nur aus Romanen und hier konnte ich meinen Horizont mal wieder etwas erweitern. Und ein wenig war es wie nach hause kommen. Ein All-Ager Roman, den ich mit Freude gelesen habe und somit gerne weiter empfehle. Um die sympathischen Protagonisten wurde eine spannende Geschichte erzählt. Ein alter Fluch, der verschwommen formuliert ist,den es zu entschlüsseln und zu bannen gilt. Eine große Liebe, eine Wiedererweckung des Gefühls. Das liest sich weg wie nichts, man taucht ein und wieder auf und schon vorbei. Aber pst, es gibt einen zweiten Teil. 

Sehr gut gefallen hat mit auch die Aufmachung des Buches, das Schriftbild ist sehr angenehm zu lesen und einzelnen Kapiteln sind kleine Bilder vorangestellt, die zur Handlung passen und dem Leser eine Vorstellung von der Umgebung geben. Es war für mich eines dieser Bücher, die man aufblättert und sofort den Eindruck bekommt, mag ich, was sich dann beim Lesen auch bestätigt.

Vanoras Fluch von Emily Bold
ISBN: 978-1-477-67860-2

Das Haus am Meer

Das Haus am Meer hat es Daniel und seiner schwangeren Freundin Piper angetan. Zwar ist es etwas heruntergekommen, aber wenn sie etwas Arbeit hineingesteckt haben, wird es das ideale Haus für ihre kleine Familie sein, voller Liebe und Wärme. Das ist der Traum. Das war der Traum. Denn als Daniel eines Abends alleine noch eine Kleinigkeit erledigen will, platzt das Aneurysma in seinem Kopf, von dem niemand etwas wusste und jede Hilfe kommt zu spät. Und nun steht Piper vor den Scherben ihres Glücks, zutiefst deprimiert, würde sie Daniel am liebsten folgen, doch sie muss an ihr ungeborenes Kind denken, das einzige, was von Daniel bleibt. In der kleinen Wohnung im Haus von Daniels Eltern erinnert alles an den Verstorbenen, Piper beschließt daher in das Haus am Meer zu ziehen. 

Wie schwer ist der Tod eines geliebten Menschen zu verwinden, fast scheint es unmöglich zu sein. Wahrhaftig leidet man mit Piper mit, hofft, wenn es doch mal einen kleinen Silberstreif gibt, stürzt mit ihr in den Abgrund der Trauer, wenn die Erinnerungen übermächtig werden, fragt sich, ob es jemals besser werden wird. Spürt doch allmählich, dass der dumme Spruch, die Zeit heile alle Wunden, eine gewisse Gültigkeit hat. Empfindet die Schuldgefühle, wenn die Erinnerung an den Verstorbenen langsam nachlässt. Auch die große Freude über die Geburt des Kindes, tatsächlich, ein Grund zu leben und Freude zu empfinden. Kann es jedoch jemals wieder eine Liebe geben? Immer in der Angst, es könne wieder einen unerträglichen Verlust geben. Man fühlt die Stärke Pipers, die sich langsam dem Leben und der Liebe zuwendet, Daniel loslässt, ohne ihn zu vergessen. 


Ein wunderbar gefühlvoller Roman, der obwohl voller Traurigkeit, doch auch Kraft, Hoffnung und Freude ausstrahlt und somit etwas Sonne in die dunkle Jahreszeit bringt.

Klang der Gezeiten von Emily Bold
ISBN: 978-3-477-82458-0

Samstag, 22. November 2014

Merry old England

Die seit drei Monaten verwitwete Viola Withers soll aus London zu ihren Schwiegereltern aufs Land ziehen. Mr. und Mrs. Withers, die 39jährige Madge und die 36jährige Tina machen ihrem Namen alle Ehre. Sie kommen der erst 21jährigen Viola reichlich verwittert vor. Dennoch sieht sie keine Möglichkeit im London der 1930er zurecht zu kommen, sie hat kein Geld und keinen Job. Wie soll sie nur den Rest ihres Lebens verbringen, gelangweilt auf dem Sofa sich selbst bemitleidend? So jedenfalls scheint es zu sein während der ersten Tage. Und wie soll sie Mr. Withers, der unbedingt ihr Geld verwalten will, beibringen, dass sie gar keins hat? Keine schönen Aussichten auf den Rest ihres Lebens, doch dann kommt die Einladung zum örtlichen Sommerball…

Als ich so durch die Bücherei schlenderte, lachte mir dieses Buch entgegen mit seinem farbenfrohen Partycover, dass die Stimmung der Zeit gut rüberbringt. Tatsächlich im Original bereits im Jahr 1938 erschienen, handelt es sich um eine kleine Wiederentdeckung der Autorin, die hier nicht ihr bekanntestes aber doch ein sehr lesenswertes Werk abliefert. Auf seine altmodische Art wirkte das Buch auf mich doch sehr modern, stellt es doch eine Zeit des Umbruchs dar, was die Autorin auch deutlich beschreibt. So wie sich die Zeiten ändern, so müssen sich die Protagonisten anpassen. Viola, nur kurz verheiratet, vermisst ihren Mann nicht besonders. Etwas schlicht zwar, dennoch eine Romantikern, der es ihre Namensvetterin Shakespeares Viola besonders angetan hat, wünscht sie sich doch etwas anderes als bei den Schwiegereltern zu versauern. Während es der dicklichen Madges einziger Wunsch ist, einen Hund zu bekommen. Die immer dünner werdende Tina sieht sich schon als vertrocknende alte Jungfer, sie ihre Chancen auf der Kunstschule nicht genutzt, bis sie anfängt mit sich selbst ehrlich zu sein. 


Im England der 30er versunken nahm ich am Schicksal der drei jungen Frauen teil, manchmal denkend, was verzogene Gören sie doch in ihrem fortgeschrittenen Alter sind, manchmal schmunzelnd, wenn die Withers sich doch nicht als ganz so verwittert herausstellen und schließlich  mit einiger Freude, wenn sich der Ausgang des Sommernachtsballs andeutet. Welche der drei Frauen ich am sympathischsten fand, verrate ich allerdings nicht. Besonders gut jedenfalls hat mir die Beschreibung des beschaulichen Landlebens der damaligen Zeit gefallen, in der sich die Veränderungen, die eben die Zeit mit sich bringt, bereits andeuten.

Der Sommernachtsball von Stella Gibbons
ISBN: 978-3-442-54726-5

Freitag, 21. November 2014

Lebewohl


Die Notärztin Angela Rossi ist voll im Einsatz. Allerdings fühlt sie sich seit längerem nicht wohl. Sie schläft schlecht, manchmal zittern ihre Hände. Und in dieser Nacht hat sie zwei Patienten. Einer ist der Polizist Ryder, dem sie helfen kann. Bei der anderen handelt es sich um die Nonne Schwester Patrice, für die, obwohl Rossi wirklich alles versucht, jede Hilfe zu spät kommt. Im Moment des Todes der Nonne hat Angela eine seltsame Erscheinung als erlebte sie die letzten Stunden der Versterbenden nach. Schwester Patrice hat eine Nachricht für Angela Rossi: Rette das Mädchen!

Tatsächlich war die Autorin lange Jahre als Notärztin in der Pädiatrie tätig und sie schreibt selbst, sie suche seltene Krankheiten, die sie  in die Handlung ihrer Bücher einbaut. Und so leidet Dr. Angela Rossi an einer beginnenden letalen familiären Schlaflosigkeit, einer Prionenkrankheit, wie Wikipedia erläutert, die wenige Jahre nach den ersten Symptomen tödlich endet. Keine schönen Aussichten für die Ärztin, die zwar vermutet, dass etwas mit ihr nicht stimmt, die aber erst im Laufe der Handlung von der vermutlichen Diagnose erfährt. Ein Leser mit entsprechenden Kenntnissen erfährt von der Krankheit allerdings schon durch das Titelbild des Romans. Doch so wie die Krankheit Angelas Leben verkürzt, bringt sie ihr auch die Gabe, in die Seele der Sterbenden einzutauchen, wenn sie sie berührt. Mit dieser Fähigkeit ist es ihr möglich dem Cop Ryder bei seinen Ermittlungen hilfreich zur Seite zu stehen. 


Die Autorin kombiniert hier einen ausgesprochen fiesen Fall über die Tyrannei Einzelner über einen Wohnkomplex, während derer es im Laufe der Jahre zu grausamen Tötungen kam, mit dem Schicksal der Ärztin Angela Rossi, die ihrem nahenden Tod entgegensehen muss. Und so wie die perfiden Handlungen der Täter mit den kaputten Seelen einfach etwas zu viel sind, ist auch das entsetzliche Schicksal Dr. Rossis etwas zu viel. Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist jene, dass Angela Rossi ihre Krankheit annehmen kann und die ihr verbleibende Zeit so weit es geht genießt. Möge sie dereinst eines schnellen Todes sterben und möge dies ein Einzelband bleiben.

Farewell to Dreams von CJ Lyons
ISBN: 978-1-939038-11-1

Dienstag, 18. November 2014

Ein Stalker

Die berühmte Country Sängerin Kayleigh Towne fühlt sich bedroht. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere muss sie sich um die Fans bemühen, doch einer scheint die geschäftsmäßige Freundlichkeit von automatisch versandten Mails und Formbriefen völlig falsch eingeschätzt zu haben. Edwin Sharp ist in seiner Art allerdings hochintelligent und so wirken seine Aktionen zwar beängstigend, aber gerade so im Rahmen des gesetzlich Erlaubten, kann niemand wahrhaft etwas dagegen unternehmen. Die Ermittlerin Kathryn Dance, die mit der Sängerin bekannt ist, möchte während einer Urlaubswoche eines der Konzerte zu besuchen. Daher ist sie eher zufällig am Ort als Towne´s Chefroadie auf ungewöhnliche Art zu Tode kommt.

Neben Lincoln Rhyme ist Kathryn Dance die zweite Hauptperson, der der Autor eine lockere Reihe gewidmet hat. Dances besondere Fähigkeiten, die Körpersprache zu lesen und Menschen genau zu beobachten, geben ihr so manchen Vorsprung bei schwierigen Ermittlungen. Und in diesem Fall ist sie in gewisser Weise persönlich betroffen, da die Sängerin, da Opfer, eine wenn auch nicht enge so doch liebe Freundin von ihr ist. Zwar hat die örtliche Polizei zunächst kein großes Interesse an Kathryns Mithilfe, was sie jedoch nicht davon abhält, alles zu unternehmen, um die Sache aufzuklären und die Sängerin zu schützen.


Sehr gut geschildert und Schauer auslösend, ist das Unbehagen, dass der Stalker bei seinem Opfer auslöst. In die Privatsphäre eindringend doch immer noch im Rahmen der Legalität, löst er großes Unwohlsein und Hilflosigkeit aus. Ein wehrloses Opfer, das sich genau als solches fühlt und auch als solches fühlen soll. Mit gemeinen Tricks schafft Sharp es teilweise sogar als Retter dazustehen und beinahe erschleicht er sich das Vertrauen Kayleighs. Geschickt vollbringt es der Autor, seine Leser und mit ihnen die Ermittlerin zu verunsichern. Steckt Sharp wirklich hinter allem oder planen da noch andere ihre Winkelzüge. Hin und her geht es, verdächtig oder nicht. Spuren, die sich aufdrängen und dann doch ins Leere führen. Dance selbst hat den Eindruck, dass Sharp schwer zu lesen ist. Schließlich ergeht sich dieser Unbehagen auslösende Thriller doch auf etwas vielen Nebenschauplätzen, die dem gleichen Muster folgen, so dass der beklemmende Beginn und das packende Ende von einer etwas ausufernden Mitte getrennt werden.

XO von Jeffery Deaver
ISBN: 978-1-4391-5638-4

Sonntag, 16. November 2014

Tod einer älteren Dame

Nach einem Kurzurlaub wird Signora Altavilla von einer Nachbarin tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Commissario Brunetti, der gerade bei einem Essen mit Vice-Questore Patta weilt (oder sich langweilt), ist heilfroh, dass er sich sofort an den Ort des Geschehens begeben kann. Was ist geschehen? Die Situation, in der die Tote gefunden wurde, deutet zwar nicht direkt auf Fremdverschulden hin, aber Brunettis Verdacht ist geweckt. Er ordnet weitere Ermittlungen an. Zwar wird bei der Obduktion festgestellt, dass die Todesursache eindeutig Herzversagen ist, doch wie kommt es zu den Malen an Schultern und Hals der Toten. Brunetti beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen.

Diese ungekürzte Lesung des 20. Falles von Commissario Brunetti ist im Weltbild Verlag erschienen. Gekonnt versteht es der Vorleser Jochen Striebeck den einzelnen Personen eine Stimme zu verleihen. Seinem sonoren Timbre zuzuhören bringt echtes Vergnügen. So viel Vergnügen bringt es allerdings nicht, den Fall zu verfolgen. Etliche vermeintliche Spuren führen ins Leere. Zwar kann Commissario Brunetti nach und nach einige Fragen um die Lebensumstände der Signora Altavilla klären und auch einige Ungereimtheiten, die bereits in der Vergangenheit ihren Anfang nahmen, ans Tageslicht bringen. Doch hat man das Gefühl, dass er sich hier in etwas verbeißt und sich dabei auch verzettelt. Brunetti ermittelt so vor sich hin. So rechte Spannung will dabei nicht aufkommen, eher kann man mal wieder etwas über die Lagunenstadt Venedig erfahren, die genauso viele Probleme mit der Pflege ihrer alten Einwohner hat wie andere Städte auch.


Die sehr gelungene Lesung macht aus diesem eher schwächeren Fall für Commissario Brunetti zumindest ein beeindruckendes, wenn auch durch den Inhalt bedingt, ein nicht so spannendes Hörerlebnis.

Reiches Erbe von Donna Leon
ISBN: 978-3-86365-342-2

Samstag, 15. November 2014

Eine einfache Kellnerin

Joan war erst 17 als sie schwanger wurde, Abtreibung kam für sie nicht infrage, heiraten schon. Und so hat sie es gegen den Willen der Eltern und Familien vier Jahre lang mit Ron Medford ausgehalten, der weder sie noch ihren gemeinsamen kleinen Sohn liebte. Ron, ein gewalttätiger Säufer, rast eines Abends mit dem Auto eines Freundes davon und kehrt nicht mehr lebend zurück. Joan gerät in Verdacht, etwas mit dem Tod zu tun gehabt zu haben, obwohl sie beteuert, sie habe ihren Mann nicht zum Trinken animiert und ihn auch nicht gebeten in seinem Zustand in ein Auto zu steigen. Frisch verwitwet steht Joan vor dem Nichts, kein Strom, kein Telefon, kein Gas, ihren Sohn hat die Schwester ihres Mannes zu sich genommen. Aufgrund eines Tips bewirbt sie sich um eine Stelle als Kellnerin in einer Cocktailbar und dort lernt sie den älteren Earl K. White kennen und den jungen Tom….


In den 70ern geschrieben hat dieses Buch einen ganz eigenen Charme. Joan selbst ist es, die von den Ereignissen berichtet. Also bekommt der Leser eine sehr subjektive Sicht der Dinge dargelegt, auch wenn Joan meint, sie nimmt alles genauso auf wie es war. Wie es scheint spielt das Buch eher in den 60ern, was für bestimmte Handlungsstränge wichtig ist, denn so waren einige Tatsachen noch nicht so allgemein bekannt wie heute oder überhaupt etwas später. Bis zum Ende weiß der Leser nicht, ob Joan so unschuldig ist, wie sie behauptet. Die Mittel und die Gelegenheit, die Ereignisse nach ihrem Willen zu beeinflussen hatte sie. Und um ihren geliebten kleinen Sohn selbst versorgen zu können, tut sie zumindest fast alles. Dennoch reißt sie mit ihrer Beschreibung von sich selbst, ihrem Charakter, den Begebenheiten einfach mit. Man kann sich ihrem Bann nicht entziehen und frisst das Buch förmlich in sich hinein. Manche ihrer Handlungen sind nur zu gut verständlich, denn scheint es so als stünden die Barmädchen manchmal auch für mehr zur Verfügung, kam Joan vor dem Bruch doch aus gutem Haus. Und einem alten Mann zu Willen zu sein, kann schon große Überwindung kosten. Bei der Vorstellung schüttelt es nicht nur Joan. Und so birgt dieser Roman weite Passagen großer Authentizität. Als Leser ist man dermaßen von Joan eingenommen, dass man dem Autor sogar verzeiht, dass man im Unklaren gelassen wird, ob Joans Aufzeichnungen der Wahrheit entsprechen, wahrscheinlich fesselt das Buch gerade dadurch noch mehr. Ein Hard Crime Case, der nach dem Tode des Autors entdeckt wurde und über dessen Entdeckung man nur froh sein kann.

The Cocktail Waitress von James M. Cain
ISBN: 978-1-781-160434-3