Dienstag, 31. März 2015

Juicy

Die Buchprüferin Delilah Sheridan hat einen Einsatz in San Francisco, sie soll einige Buchungen nachverfolgen. Der am Ort tätige John Rearden ist ihr dabei keine besonders große Hilfe, mit dem Herbeischaffen von Belegen und dem Geben von Erläuterungen tut er sich schwer. Am eigenartigsten jedoch ist, dass Delilah auf dem Weg in ihr Apartment überfallen wird. Mit knapper Not kann sie sich auf die Schwelle von Samson retten, der zunächst annimmt, sie sei eine Stripperin. Samsons Freunde wollte eine solche engagieren, da er seit einiger Zeit Probleme mit der Funktionstüchtigkeit gewisser edler Teile hat. Sobald Samson Delilah erblickt funktioniert alles bestens. Peinliche Situationen sind allerdings vorprogrammiert, zumal Samson auch die nicht ganz unbedeutende Tatsache, dass er ein Vampir ist, verschweigen möchte.

Welche eine prickelnde Idee, eine Buchprüferin, die mit einer Stripperin verwechselt wird, landet bei einem Vampir, der das tunlichst geheimhalten will. Zwei Lebewesen, die wie füreinander geschaffen scheinen und es doch zunächst nicht wahrhaben wollen. Denn eigentlich möchte Samson lediglich seine Sex-Werkzeuge repariert bekommen, so glaubt er jedenfalls. Und Delilah möchte einfach überhaupt mal wieder Sex und nachdem ihr Auftrag durchgeführt ist wieder zurück nach New York.


Dieser erste Band um die Scanguards Vampire regt wahrlich die Phantasie an. Man beginnt zu spekulieren und zu frohlocken, ob der Möglichkeiten an witzigen und herzerwärmden Szenen, die sich auch dieser Konstellation ergeben könnten. Eine Liebesgeschichte kombiniert mit einem in den Büchern versteckten Rätsel, das unvorhersehbare Gefahren mit sich bringt. Ein tolle Idee, die mit Weichzeichner versehen, gut auf einem TV Bildschirm landen könnte. Mancher mag schließlich etwas Witz vermissen oder einige Schilderungen als zu saftig empfinden. Möglich, dass dann der Fehler eher in den Erwartungen des Lesers liegt als an der Ausführung der Autorin. Insgesamt ein unterhaltsamer und gefühlvoller Roman, in dem sicherlich einiges der turbulenten und interessanten Vita seiner Schöpferin verpackt ist.

3,5 Sterne

Samson`s Lovely Mortal (Scanguards Vampire 1) von Tina Folsom
ISBN: 978-1-9375-1994-0


Sonntag, 29. März 2015

Eine Aussicht zum Töten

Was wäre wenn sich Lincoln Rhyme einer weiteren Operation unterzöge? Es besteht die Chance, seinen linken Arm benutzen zu können, doch die Operation birgt auch Risiken. Quasi mitten in diese Überlegungen platzt die Staatsanwältin Nance Laurel, die Rhymes Hilfe in einem Fall benötigt, der noch nicht an die Öffentlichkeit dringen soll. Ein Aktivist, der amerikanischer Staatsbürger war, ist auf den Bahamas einem Anschlag zum Opfer gefallen. Lincoln Rhyme und Amelia Sachs beginnen mit den Ermittlungen und schnell merken sie zum Einen, dass nicht alles so ist wie es scheint, und zum Anderen, dass jemand beginnt potentielle Zeugen zu auf grausame Weise zu ermorden.

Zu Beginn der Ermittlungen wird die Spannung nur langsam aufgebaut. Trockene Schilderungen der Situation, die zur Einleitung der Ermittlungen geführt haben, machen die Lektüre für einen Nicht-Muttersprachler doch etwas mühsam. Doch wenn der Leser gemeinsam mit Amelia und Lincoln nach und nach dahinter kommt, wie die Dinge gelaufen sind, packt einen das Buch doch sehr. Ungeahnte Möglichkeiten des Tötens und sehr grausame Killer werden geschildert. Immer wieder tauchen Hinweise auf, die auf eine völlig anderen Lösungsansatz deuten als zunächst vermutet. Selbst Lincoln Rhyme durchdringt das Dickicht nur nach und nach. Ungewöhnlich für ihn ist er unterschwellig mit seinen privaten Gedanken beschäftigt und auch Amelia Sachs wird mitunter zwangsweise abgelenkt. 


Doch mutig und mit vielen intelligenten Ableitungen schaffen es die beiden über die Jahre zu einem herausragenden Team zusammen geschweißten Partner, den Fall zu knacken. Schließlich entwickelt sich der Roman zu einer wahren Verfolgungsjagd der Intelligenzen, bei der plötzliche Hakenschläge den Leser in seiner gewohnten Denkweise aufrütteln und animieren, immer noch einen weiteren Ansatz in Betracht zu ziehen, um dann doch wieder überrascht zu werden, darüber, dass dich immer noch eine weitere Möglichkeit bietet. Auf sehr fesselnde Weise spielt der Autor mit den Optionen der Verbrecher in der heutigen technisierten Welt, wobei man als Leser lieber nicht darüber nachdenken möchte, was davon tatsächlich machbar wäre. 

The Kill Room von Jeffery Deaver
ISBN: 978-1-455-51709-1

Samstag, 28. März 2015

Der Tag X

Kurz vor einer Verhaftung wird Kommissar Frank Stave angeschossen. Wochenlang ringt er in der Eppendorfer Klinik mit dem Tod. Langsam wieder genesen steht sein Entschluss fest: Er wird das Morddezernat verlassen und zum Chefamt S wechseln, dass für den Schwarzmarkt zuständig ist.  Im Juni 1948 stellt er sich damit in den Augen der Kollegen auf das berufliche Abstellgleis. Die Gerüchte einer Währungsreform und dem Ende des Schwarzmarkts verdichten sich. Dennoch gibt es einen Fall für Stave, in einem zerbombten Haus haben einige Trümmerfrauen neben einem Toten auch ein paar Skulpturen gefunden, die vermutlich von den Nazi-Schergen als entartete Kunst eingestuft dort versteckt waren.

In seinem dritten Fall ermittelt Kommissar Frank Stave in einem anderen Milieu und gerät von Jagdfieber gepackt doch wieder in eine Mordermittlung. Denn so scheint es der Ex-Kollege von der Mordkommission verschleppt eine Nachforschungen fast so als solle der Fall im Sande verlaufen. So etwas kann Stave einfach nicht geschehen lassen zumal zwischen den beiden Fällen eine Verbindung zu bestehen scheint. Gleichzeitig tauchen auf dem Schwarzmarkt gefälschte Geldscheine auf, was Staves Freund Lieutenant James MacDonald auf den Plan ruft. Dieser hat bereits seine Abkommandierung in der Tasche und es wird die vorerst letzte Zusammenarbeit der Beiden in Hamburg.


Die Nachkriegszeit, die Zeit um die Währungsreform - in einen packenden Fall gekleidet schildert der Autor das Leben der Menschen in diesen Wendewochen. Verbrechen gibt es zu jeder Zeit, also auch in dieser des Aufbruchs. Und so wird Oberinspektor Stave nicht arbeitslos. Doch ist der Ruck, der mit der Ausgabe des neuen Geldes, durch die Menschen und auch durch die Wirtschaft ging, in den Zeilen deutlich zu spüren. Das karge Leben, die im geheimen gehorteten Waren, die plötzlich in den Schaufenstern lagen, das Staunen der Menschen, der Glaube an das gute Geld, die regulierende Wirkung von Angebot und Nachfrage. Doch auch die Naziverbrechen, die kaum geahndet werden, da kaum jemand seine Schuld anerkennt, die meisten sich als bloße Befehlsempfänger bezeichnen und ihnen bedauerlicherweise in den seltensten Fällen das Gegenteil bewiesen werden kann. Eintauchen kann man in diesen fesselnden Krimi, der packt und gleichzeitig gemahnt, nicht zu vergessen. Wie können Täter so leicht davonkommen, die Opfer sind für immer tot. Eine ausgesprochen gelungene Krimireihe für zeitgeschichtlich Interessierte, die  lebensechte Charaktere und intelligent konstruierte Fälle zu schätzen wissen.
4,5 Sterne

Der Fälscher von Cay Rademacher
ISBN: 978-3-8321-9695-0

Mittwoch, 25. März 2015

Stille See

Mit einer Tasse Rumkaffee beginnt Hauptkommissar Toni Sanftleben den Morgen, wie so oft grübelt er, was vor 16 Jahren geschehen sein kann, als seine junge Frau Sofie spurlos verschwand, ihn und den damals einjährigen kleinen Sohn zurückließ. Dieses traumatische Ereignis führte schließlich dazu, dass er eine Ausbildung bei der Polizei begann. Wissen wollte er sich aneignen und Ressourcen der Behörde nutzen können, um jeder noch so kleinen Spur nachgehen zu können. Doch auch nach dieser langen Zeit ist Sofies Schicksal ungewiss. An diesem Morgen jedoch wird Toni Sanftleben zu einem Todesfall gerufen, der eine ungeahnte Bedeutung bekommen soll, denn eine vage Spur könnte zu Sofie führen.

Der Autor Tim Pieper sonst eher durch seine Beschäftigung mit historischen Themen oder Krimis bekannt erfreut seine Leser zur Abwechslung mal mit einem Ausflug in die Gegenwart. Bei Toni Sanftleben handelt es sich um einen Ur-Enkel des Kriminologen Dr. Otto Sanftleben, den der Leser möglicherweise schon aus den früheren Veröffentlichungen kennt. Wie sein Vorfahr ist auch Toni als Ermittler tätig, wenn er auch seinen ganz eigenen Grund hatte, diese Tätigkeit aufzunehmen. Mag man seinen Hintergrund für den Berufswunsch nachvollziehen können oder nicht, gerade aufgrund seiner privaten Motivation ist aus Toni ein herausragender Ermittler geworden, der sich durch Hartnäckigkeit auszeichnet, der oftmals eher den Durchblick hat und den Überblick behält. Doch reibt er sich auch auf, der nimmermüde Suchende, sich um den Sohn kümmernde, der in Gedanken doch immer bei seiner Frau bleibt. In seinem nicht loslassen können scheinen Alkohol und Tabletten der einzig mögliche Trost und Mittel zur Entspannung. Dass sein Sohn, der sich trotz aller schwieriger Umstände gut entwickelt, dabei fast zu kurz kommt, bemerkt Toni beinahe nicht. 


Ein fesselnder Krimi mit einem packenden Fall, in dem die Rätsel überraschend und zufriedenstellend gelöst werden. Ein Kommissar, der einen inneren Kampf auszufechten hat und der von seinem erfrischend bodenständigen Sohn auch mal etwas zurecht gerückt wird. Dazu wunderbare Schilderungen von einer Landschaft ganz in der Nähe Potsdams, von der der Autor auf seiner web-site einige ausgesprochen stimmungsvolle Fotos zusammengestellt hat. Da bekommt man Lust auf eine Urlaubsreise, auch wenn die Idylle möglicherweise etwas trügerisch sein kann. Man möchte eigentlich gleich weiterlesen, wie sich das Leben des Kommissars Toni Sanftleben entwickeln wird.

4,5 Sterne
Dunkle Havel von Tim Pieper
ISBN: 978-3-95451-507-3

Sonntag, 22. März 2015

Das Buch der Mörder

Die junge Streifenpolizistin Sanela Beara wird eher zufällig zum Berliner Tierpark gerufen. Dort sollen in einem Schweinegehege Leichenteile aufgetaucht sein. Als sich herausstellt, dass es tatsächlich einen Toten gegeben hat, ist das die Gelegenheit für die ehrgeizige Sanela, die mehr als alles andere zur Kripo möchte. Damit gerät sie allerdings erstmal dem Ermittler von der Mordkommission Lutz Gehring in die Quere, der mit Sanelas Methoden überhaupt nicht einverstanden ist. Lieber soll sie einen Kaffee holen. Dass sie gerade dabei mit dem vermeintlichen Täter zusammentrifft und auch noch in große Gefahr gerät, damit konnte keiner rechnen. Doch so scheint der Fall schon nach kürzester Zeit abgeschlossen. 

Dank Sanelas Hartnäckigkeit geht es aber nun erst richtig los. Und der Leser hat einfach keine Chance mehr, dass Buch aus der Hand zu legen. Fast schon unter Zwang begibt er sich gemeinsam mit den handelnden Personen in die Vergangenheit des geständigen Täters und deckt nach und nach Ungeheuerlichkeiten auf, mit denen zu Beginn der Ermittlungen in keinster Weise zu rechnen war. Zwar behindern sich Gehring und Sanela gegenseitig, doch das macht noch einen besonderen Reiz aus, scheinen sie sich doch fast gegen ihren Willen voneinander angezogen zu fühlen. Und auch ein zweiter Handlungsstrang lässt es an Spannung nicht fehlen. So gerät der Assistent des psychologischen Gutachters tiefer ins Geschehen als er sich hätte träumen lassen. Man sieht ihn beinahe in sein Unglück rennen. Und während man beim Lesen glaubt, man habe die Psychologie entschlüsselt und den Fall gelöst, so wird man am Ende doch überrascht. 

Mehr von diesem Ermittlerteam zu erfahren und mitzuerleben, wäre eine wahre und mit großer Spannung zu erwartende Freude.

Das Dorf der Mörder von Elisabeth Herrmann
ISBN: 978-3-442-48114-9






Berliner Gören

Nini und Jameelah sind beste Freundinnen. Es ist Sommer und gemeinsam gehen die 14jährigen durch dick und dünn. Alles wollen sie ausprobieren; Alkohol, Zigaretten, Sex. Und immer wieder die gefürchteten Briefe vom Ausländeramt, die im Briefkasten von Jameelahs Mutter landen. Doch erstmal beginnen die Sommerferien und es ist heiß. Die beiden Mädchen leben in den Tag hinein wie es viele nur in der Jugend können. An das Bedrohliche kann man auch morgen denken, heute wird Party gemacht. Doch manchmal wird morgen zu heute und es gibt kein Entkommen mehr.

Zwei junge Mädchen an der Schwelle zum erwachsen werden. Ganz leicht haben sie es nicht, Ninis Vater ist schon vor langem abgehauen. Jameelah und ihre Mutter sind nur geduldet, doch am liebsten würden sie Deutsche werden, um endlich bleiben zu können. Auch in der Nachbarschaft der jungen Damen herrschen teilweise raue Sitten. Kulturen prallen aufeinander, die nicht wirklich zueinander passen wollen. Dem oberflächlich zur Schau gestellten Frieden scheint doch eine unterschwellige Bedrohung innezuwohnen. Und immer noch sind Ferien, die die Jugendlichen eigentlich genießen wollen.

Die Welt einer Jugend in Berlin, die ein wenig an eine Welt der Jugend in Los Angeles erinnert. Eine Welt, die älteren Landpomeranzen doch sehr fremd erscheint. Wie idyllisch und friedvoll erscheint die eigene Jugend im Lichte des Gelesenen. Natürlich gab es ähnliche Katastrophen und  aufwühlende Ereignisse, was die Gedanken an bestimmte Jungs betraf, die Neugier, die harte Realität. Und dennoch welche problemlose Jugend hatte man doch im Vergleich zu Nini und Jameelah. Keine Freundschaft, über der das Damoklesschwert der Abschiebung schwebte, keine Freundschaft oder Feindschaft zwischen verschiedenen Kulturen, die in die eine oder andere Richtung zu eskalieren droht. Gefühle und Handlungen, vor denen man staunend und kopfschüttelnd steht, fast schon froh über den eigenen wohlbehüteten Spießerhintergrund, der einem gewisse Entscheidungen einfach nicht abverlangte.


Ein Buch, in dem vermutlich Wahrheiten über die Großstadtjugend von heute ausgesprochen werden, von denen man wissen sollte, die man aber vielleicht nicht wissen möchte. Ein Roman, der mitreißt, gleichzeitig abstößt und anzieht. Eine Lektüre, die bereichert, aber nicht erfreut und schon gar nicht belustigt. Lesenswert.

Tigermilch von Stefanie de Velasco
ISBN: 978-3-462-04753-0

Samstag, 21. März 2015

Pasquales Traum

Die Welt steht für einen Moment still. Da steht sie am Bug des Bootes die todkranke amerikanische Schauspielerin. Bestimmt ein Irrtum, denkt Pasquale, denn niemand kann freiwillig in sein winziges Hotel wollen, in Porto Vergogna einem auf der Karte fast nicht vorhandenen Örtchen, dass nicht einmal eine Bahnverbindung hat. Doch, ein paar ruhige Tage will sie hier verbringen bevor sie in die Schweiz zur weiteren Behandlung fährt. Pasquale, dessen Karriere als Hotelier nach dem Tode seines Vaters gerade erst begonnen hat, sieht sich der Erfüllung nahe. Und seine Mutter wünscht sich nichts sehnlicher als das er die Amerikanerin heiraten möge. Fünfzig Jahre später also unlängst reist Pasquale in die USA, um eben jene Schauspielerin zu finden.

Aus verschiedensten Perspektiven, verschiedenen Zeitebenen, verschiedenen Fragmenten puzzelt sich der Leser Pasquales Geschichte zusammen. Wobei so manches Mal der Gedanke aufkommt, diese Zufälle kann es gar nicht geben. Doch gerade diese abgefahrene Geschichte macht den Reiz dieses Romans aus. Hollywood auf Stippvisite in Italien, nur drei, vier Tage, die doch das Leben aller Beteiligten verändert bis sich so lange Jahre danach das Bild rundet. Manche der Protagonisten wachsen, manche bleiben einfach nur die Egoisten, die sie sind, und der ein oder andere scheitert grandios. Doch alle sind sie irgendwie sympathisch, ihre Beweggründe nachvollziehbar. Wobei es natürlich einen Dorn in der Seite geben muss, den Charakter, an dem sich der Leser reiben kann.

Der Roman einer Idee, aus der eine wunderbare Geschichte geformt wurde, wobei die Übersetzungsprobleme zwischen dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und dem alten Europa beim Leser so manches Lächeln hervorrufen und das Schicksal der Protagonisten zu rühren vermag. Bei allem behält der Autor jedoch seine Distanz und vermeidet überbordende Emotionalität, sodass der Roman nie kitschig wirkt.
4,5 Sterne

Schöne Ruinen von Jess Walter
978-3-8966-7499-9