Donnerstag, 31. Dezember 2015

Ein Meisterwerk!

Die Gestirne“ spielt in Neuseeland zur Goldgräberzeit im 19. Jahrhundert. In Hokitika stößt Moody auf eine Versammlung von 12 Personen. Thema sind ungelöste Kriminalfälle, zu denen jeder eine eigene Sichtweise hat. Vieles kommt dabei ans Licht und Moody steht vor der schwierigen Aufgabe, aus den vielen Erzählvarianten die Wahrheit herauszudestillieren. 
Eleanor Catton hat diesen Roman meisterhaft komponiert. Der Roman besteht aus 12 Teilen. Diese nehmen Bezug auf Planeten und Sternen, die am Nachthimmel von Neuseeland zu sehen sind und die als Vorlage für die Einteilung und Charakterisierung der Personen im Roman dienen. Sie entsprechen den 12 astrologischen Häusern der Tierkreiszeichen. Die Logik dahinter ist bestechend, wenn auch nicht immer leicht zu erkennen.Der Roman ist sehr anspruchsvoll und nicht leicht zu lesen. Moody und der Leser werden mit zahlreichen Detailinformationen gefüttert. Rund 1000 Seiten hat das Werk und doch wird es auf keiner davon langweilig. Die Geschichte war spannend und hat mich bis zum Schluss gefesselt, auch wenn ich die Logik der Autorin nicht immer vollständig erschließen konnte. Mich hat fasziniert, wie die einzelnen Puzzleteile zusammengetragen werden und am Ende eine stringente Auflösung ergeben. Als Buch für zwischendurch ist es nicht zu empfehlen, wohl aber allen, die anspruchsvollen, spannenden Lesestoff suchen.

© Britta Kalscheuer

4 Sterne

Die Gestirne von Eleanor Catton
ISBN: 978-3-442-75479-3



Verschlungene Gänge

Magda, die Tochter von Asa und Martin ist verschwunden. Die sofortige Suche der Eltern, der Nachbarn, der Polizei führt zu nichts. Das Mädchen ist wie vom Erdboden verschluckt. Schließlich geraten die Eltern in Verdacht, ihrem Kind etwas angetan zu haben. Gegen Martin läuft ein Ermittlungsverfahren, obwohl er immer wieder beteuert, dass er mit dem Verschwinden seiner Tochter nichts zu tun hat. Asa kritisiert die Arbeitsweise der Behörden, anstatt gegen Martin zu ermitteln, sollten sie doch lieber nach Magda suchen. Doch was haben Tom, Martins Assistent, und Katja, Toms Freundin, mit den Geschehnissen zu tun.

Aus Sicht dieser vier Personen werden die Vorgänge um Magdas Verschwinden geschildert. Sie berichten von dem Ereignis und von ihrem Leben davor und danach. Nicht erst durch die Abwesenheit des kleinen Mädchens werden Depressionen ausgelöst, sie scheinen bei allen handelnden Personen vorhanden zu sein. Martin, dessen Bruder in jungen Jahren verstarb und über dessen Tod er nie richtig hinwegkam. Asa, die sich früh von ihren Eltern gelöst hat und dies doch nicht richtig geschafft hat. Tom, dessen eigenartiges Elternhaus nur angedeutet wird und der nach Normalität strebt. Katja, die adoptiert ist und in der Schule eine Außenseiterin war. Langsam erschließt sich das Beziehungsgeflecht dieser Personen. Doch Magda bleibt da ein wenig auf der Strecke, sie scheint von ihren Eltern nicht wirklich wahrgenommen zu werden. 


Durch die Erzählung der Geschichte aus der Sicht von vier Personen, die unterschiedliche Kenntnisse der Vorgänge haben, entwickelt sich auch durch die unterschiedlichen Zeitebenen, aus denen erzählt wird, nach und nach ein Gesamtbild. Ein Beziehungsgeflecht, in dem alle verstrickt sind. Sehr ichbezogene Personen, die nur um sich selbst zu kreisen scheinen. Sie wurden von den Eltern und früheren Ereignissen geprägt und schaffen es nicht, ihrem Charakter zu entkommen. Dass sich darüber ein Kind in Luft aufzulösen scheint, erst durch verändertes Verhalten, dann tatsächlich, scheint ihnen in der ersten Phase völlig zu entgehen und auch später scheint nur langsam einzusickern, dass das Mädchen unwiderruflich fort ist. Durch die sehr persönlichen Schilderungen taucht man in die Charaktere ein, vermag allerdings nicht wahres Verständnis aufzubringen. Ein Kind ist verschwunden, ein Leser etwas befremdet.

3,5 Sterne

Das Labyrinth von Sigge Eklund
ISBN: 978-3-8321-9758-2


Mittwoch, 30. Dezember 2015

Vergangener Ruhm

Bei einer kurzen Begegnung haben sich Major Brendan Archer und Angela, die Tochter eines irischen Hotelbesitzers, verlobt. Während des ersten Weltkrieges erfolgte ein reger Austausch von Briefen. Nun kurze nach Ende des Krieges hat der Major die schlimmsten Traumata überwunden und reist zu seiner Verlobten, um um ihre Hand anzuhalten. Am „Majestic“, das allerdings nicht mehr so majestätisch ist, sondern eher heruntergekommen, angelangt ist der Major doch einigermaßen erstaunt, dass sich seine Verlobte ihm zu entziehen scheint. Doch bevor er sich diesem Problem eingehender widmet, beschäftigt er sich erstmal mit diesem Landsitz, der seine besten Tage schon hinter sich hat, aber dennoch einen eigenartigen Charme ausstrahlt.

Im Jahre 1970 veröffentlicht entfaltet auch dieser Roman einen gewissen Charme. Zwar schwankt man etwas zwischen dem Angewidertsein von diesem Hotel, in dem es an vielen Reparaturen und Modernisierungen fehlt, der undurchdringlichen Oberflächlichkeit seiner Bewohner, die immer noch so tun als lebten sie in einer heileren Welt und dem Ruck, der durch einige der Protagonisten geht, die sich um althergebrachte Gebräuche nicht mehr scheren. Etwas unverständlich zunächst die Geduld des Majors mit seiner Braut, die sich scheinbar unnütz ziert. Doch durch die plötzliche Erkrankung Angelas, die in einer späteren Erläuterung nicht mehr so plötzlich scheint, erklärt sich einiges. Allerdings bleibt es etwas unerklärlich, weshalb der Major in einem gewissen Moment nicht den Absprung schafft. 


Vor dieser Kulisse dieses heruntergekommenen Hotels, dessen Betrieb noch nicht einmal die laufenden Kosten deckt, ist die Beschreibung des erstarkenden Sinn Fein in Irland und der Niedergang des britischen Empire interessant beschrieben. Obwohl das Buch einige Momente des gefesselten Lesens beschert, vermag es aus der heutigen Sicht mit seiner altertümlichen Sprachweise und sehr betulichen Erzählform nicht ganz zu überzeugen.

3 Sterne

Troubles von J. G. Farrell
ISBN: 978-1-8579-9018-8


Dienstag, 29. Dezember 2015

Der Engländer

Robert Fossicks Mutter leidet schon seit längerem an Demenz, trotzdem kann sie es nicht lassen, das Unkraut zu zupfen, das sich durch die Fugen der Terrassenfliesen wagt. Eines Tages stürzt sie dabei so schwer, das sie stirbt. Ihr Sohn Robert ist bei ihr, kann das Unglück allerdings nicht verhindern. Kurz vorher hat ihm seine Mutter aufgetragen, er solle ein Päckchen an Mr. Satoshi schicken. Doch wer ist das überhaupt? Robert, der sich sehr zurückgezogen hat, weil er nach dem Unfalltod seiner Frau mit dem Leben nicht mehr klarkommt, beginnt fast widerwillig mit den Nachforschungen. Eigentlich möchte er seine Ruhe, aber er möchte auch den letzten Wunsch seiner Mutter erfüllen.

Kennt man das Leben seiner Eltern? Oder kann es nach dem Tod eines Elternteils noch Überraschungen geben. So langweilig das Leben in mittleren Jahren vielleicht zu werden beginnt, wenn man dann nicht gerade richtig durchstartet, so gab es vielleicht auch Zeiten, in denen die älteren auch einmal etwas erlebt haben. Zeiten, in denen ihnen ein ganz anderer Weg vorgezeichnet schien, ein toller Beruf, eine große Liebe. Und irgendwann ist man eine alte Dame, die sich genau daran kaum noch erinnern kann. Und man hinterlässt einen Sohn, in dessen Dasein alles geregelt schien und der nach diesem tragischen Ereignis für immer gezeichnet zu sein scheint. Roberts Mutter wünschte dem Mr. Satoshi aus ihrer Jugend noch ein Zeichen senden zu können und nun ist es Robert Aufgabe, das Päckchen zu überbringen. 


Es könnte eine einfache Briefzustellung sein, wenn man denn eine gültige Anschrift hätte. Doch wie Robert sich auf die Reise nach Japan und damit in die Vergangenheit seiner Mutter begibt, begibt er sich auch auf die Reise nach sich selbst und in seine Zukunft. Manchmal möchte man ihn aus seiner Lethargie schütteln, ihn aufrütteln, Robert jedoch braucht seine Zeit. Schritt für Schritt geht er seinen Weg und er nimmt die Leser mit auf eine Reise in ein fernes Land und in eine Welt, in der es Hoffnung gibt.

4 Sterne

Wer ist Mr Satoshi? von Jonathan Lee
ISBN: 978-3-442-75386-4



Montag, 28. Dezember 2015

Going Underground

Er ist ein netter Nachbar und er hilft wo er nur kann, Bäume beschneiden, Reifen wechseln. Aufopferungsvoll kümmert er sich um seine alt gewordenen Eltern. Wieso also wird Oliver Wiebusch im Elbtunnel mit zwei Schüssen in seinem Auto getötet. Adam Danowski nach seinem Pestschiff-Fall eigentlich auf dem Abstellgleis gelandet, muss mit seiner neuen Partnerin Meta Jurkschat nach einer Panne die Ermittlungen übernehmen. Im Kommissariat wird er wegen seiner Hypersensibilität fast schon gehänselt, sein alter Partner Finzi ist nach einer Art Alkohol-Rückfall im Pflegeheim. Danowskis Leben befindet sich im Umbruch und seine Nachforschungen führen ihn in den Untergrund Hamburgs.

Erstaunlich, was sich unter den Häusern und Straßen vieler Städte verbirgt. Ob London oder Berlin und nun eben Hamburg, irgendwie lässt sich darum immer ein spannender Krimi konstruieren. Dieses Geheimnisvolle der ungenutzten, verlassenen Gänge und Orte. Wenig bekannt in der Bevölkerung und dennoch die Neugier weckend. Was kann sich dort alles zutragen, schon die möglichen Fluchtwege regen die Phantasie an. Und wenn das auch noch das Opfer gleiche mehrere geheime Leben zu haben scheint, erwartet man gebannt eine Enthüllung nach der anderen. Diesen kommt Kommissar Danowski zwar nur langsam aber doch stetig näher, häufig mit sich selbst beschäftigt, mit seinem Ringen um Ruhe und Gelassenheit, gewinnt man doch den Eindruck, dass er zusammen mit den richtigen Partnern einfach nur Verbrechen bekämpfen möchte. Die Teilzeitschiene mag man ihm nicht so richtig abnehmen. Und so stellt er auch ein ums andere Mal mit der Ausrede des „Letzten Mals“ die Ermittlungen vor sein Privatleben. 


Etwas beklemmend, was sich da nach und nach vor den Augen des Lesers entblättert. Nicht nur die vielfältigen Möglichkeiten der Nutzung des Untergrunds, auch die Vielschichtigkeit des Opfers machen Nachdenklich. Schließlich sind Räume neutral, den Menschen kann man jedoch immer nur vor den Kopf gucken. Findet man heraus, was sie alles zu verbergen haben, können sich schon mal die Nackenhaare aufstellen. Dennoch kann es einen gerechten Mord nicht geben. Zwar gibt die internationale Komponente dem Fall eine Besonderheit, wirkt aber doch ein wenig fremd. Sei es drum, Adam Danowski, Finzi und Jurkschat möchte man gerne wieder begegnen. Und auch die mit Durchblick gesegnete Chefin sollte sich das mit dem Ruhestand noch mal genau überlegen, so leicht ist sie nicht zu ersetzen.

4 Sterne

Blutapfel von Till Raether
ISBN: 978-3-499-26709-3


Sonntag, 27. Dezember 2015

Der Kloß

Alles, was Cheryl nervt, sitzt ihr wie ein Kloß im Hals. Sie sucht deswegen sogar einen Arzt auf. Mit Anfang vierzig git es eine ganze Menge, was einen nerven kann. Aber ihren Haushalt hat Cheryl durchorganisiert. Da wird kein Besteckteil zu viel benutzt, kein Ganz umsonst gemacht. Welch Schreckensszenario bedeutet da das Konzept Besuch. Cheryl bekommt die 21-jährige Tochter ihrer Arbeitgeber aufgedrängt und wird dieses schreckliche, unsaubere und schlecht gelaunte Gör nicht wieder los. Eine grauselige Situation bis Cheryl entdeckt, dass die aggressiven Kabbeleien mit Clee den Kloß im Hals zum Verschwinden bringen. 

Durch positive Besprechungen neugierig geworden auf das Buch stellt sich die Frage, ob man positiven Besprechungen immer trauen sollte. Jedenfalls sollte man hier eine sehr offene und progressive Einstellung zum Lauf der Dinge mitbringen. Und selbst wenn man diese aufbringen kann und möchte, ist es schwierig hier irgendjemandem Sympathie entgegen zu bringen. Die Autorin, die wenn man die Veröffentlichen über sie richtig interpretiert, eigentlich mehr eine ganzheitliche Performance-Künstlerin ist, schöpft hier aus dem Vollen ihres Provokationspotentials. Zutage tritt ein großer Ideenreichtum, der aber leider einiges an Widerwillen und Ekel verursacht. Cheryl scheint eine gänzlich verfehlte Existenz zu sein, die es schließlich sogar schafft, auch Clee, eine widerwärtig Halberwachsene zu entsorgen, um schließlich zurück in ihre durchorganisierte Einsamkeit zu finden und dabei doch zu zweit zu sein. 


Man könnte dieses Buch als Fortschrittlich und Weltoffen ansehen, es könnte aber auch passieren, dass man durch die Seiten fliegt, um es möglichst schnell hinter sich zu bringen und dann sofort zu vergessen. 

2 Sterne

The first bad Man von Miranda July
ISBN: 978-1-78211-504-5


Samstag, 26. Dezember 2015

Illusion

Endlich steht er als König Lear auf der Bühne, doch lange kann er sein Glück nicht genießen. Noch auf der Bühne erleidet Arthur Leander einen Herzinfarkt und stirbt. Ein tragisches Ereignis, welches allerdings schon kurz darauf an Bedeutung verliert, denn aus Moskau landet ein Flugzeug mit Menschen, die mit der Georgischen Grippe infiziert sind. Dieser Virus ist eine wahre Geißel, innerhalb von Wochen ist der größte Teil der Menschheit ausgestorben. Die Zivilisation wie sie bekannt war, ist ausgelöscht. Die wenigen Überlebenden ziehen als Nomaden durchs Land oder siedeln in verlassenen Gebäuden. Zwanzig Jahre nach der Grippe befindet sich unter ihnen eine fahrende Schauspieler-Truppe, die Shakespeare-Stücke aufführt.

Sollte das der Menschheit bevorstehen? Der Ausbruch einer Krankheit, die ihre Wirte so schnell tötet, dass sie in kürzester Zeit ausgelöscht sind und mit ihr auch der Virus selbst? Immer geht es ums Überleben, auch ums Überleben der Viren. Aus dieser Sicht scheint das Szenario eher unwahrscheinlich, aber dennoch äußerst erschreckend. So sehr basiert das heutige Alltagsleben auf Energie und deren Selbstverständlichkeit, dass die Abwesenheit derselben nur katastrophale Folgen haben kann. Die westliche reiche Welt kann in dieser Situation nur kapitulieren, eine bessere Chance haben sicher die, die heute schon mit wenig auskommen müssen. Dies wird hier allerdings nicht beleuchtet, wäre aber eine interessante Frage. 

In ruhigem Fluss wird die durch verschiedene Zeitebenen etwas verschlungene Geschichte erzählt. Durch die oft beschreibende Wortwahl kann es ein wenig schwierig sein, sich der Handlung zu öffnen. Doch je länger man den Protagonisten folgt und langsam begreift über welchen Weg die einzelnen Handlungsstränge zu einem Höhepunkt zusammengefügt werden, desto fesselnder wird das Buch. Nichtsdestotrotz ist die Vermutung, dass die Zivilisation eher eine Illusion ist, die sehr schnell verschwindet, wenn eine tragende Säule wegfällt, wohl sehr realistisch, aber nicht sehr schön. Oder ist es ein Tief, das von der Menschheit überwunden werden kann.


3,5 Sterne

Station Eleven von Emily St. John Mandel
ISBN: 978-1-4472-6898-7