Dienstag, 31. Mai 2016

Die Hinterlassenschaft

Seine geliebte Mutter stirbt plötzlich und natürlich ist der unbeholfene Berthold Sidebottom untröstlich. Die letzten Worte seiner Mutter lauteten: „Lass sie nicht die Wohnung kriegen!“. Berthold ist zwar schon über fünfzig, doch nach dem Tod seiner kleinen Tochter, an dem auch seine Ehe scheiterte, ist er nicht wieder richtig auf die Füße gekommen. Ein alternder Schauspieler, der stottert, und der mit George Clooney wahrlich nur das Geburtsdatum gemeinsam hat. Und dann gibt es da diese Abgabe für zu große Sozialwohnungen. Um dieser zu entgehen und dennoch nicht ausziehen zu müssen, bittet Berthie eine Bettnachbarin seiner Mutter, die Rolle seiner Mutter gegenüber den Behörden zu übernehmen.

Welche Verwicklungen sind da vorprogrammiert. Bertholds Begegnungen mit den Nachbarn, seine Ersatzmutter, die beim Lügen manchmal zu viel und manchmal überhaupt keine Phantasie entwickelt, die junge Nachbarin Violet, die es Berthie angetan hat und natürlich seine Sozialarbeiterin Eustacia Penny, die er eigentlich nur von Weitem sehen möchte, schließlich könnte gerade sie ihn obdachlos machen. Ein echtes, wenn auch makabres Highlight ist die Bestattung von Bertholds Mutter. Und Innas Akzent ist unnachahmlich, auch wenn sie nicht gerade die ideale Ersatzmutter ist, ihre Kochkünste sind doch bemerkenswert.

Vor dem Hintergrund der alten Sozialwohnungen in London entfaltet Marina Lewycka wieder eine ihrer speziellen Welten, in denen  ukrainische Einwanderer häufig eine tragende Rolle einnehmen. Der gescheiterte und vom Leben gezeichnet Berthold unternimmt etliche fast schon waghalsige Klimmzüge, um in seiner Wohnung bleiben zu können. Es gibt genügend Anlässe zum Schmunzeln, doch manchmal bleibt einem das Lachen beinahe im Halse stecken, wenn man mit der rauen Wirklichkeit konfrontiert wird. Man möchte Berthold schütteln, weil er nicht mehr Initiative aufbringt. Man möchte ihn beschützen, wenn die Behörden ihm auf die Pelle rücken. Man möchte ihn als Mittelpunkt in seiner Nachbarschaft sehen, als Retter der Kirschbäume. Doch Berthie ist nur Berthie, der auch etwas Glück verdient hat, das ihm vielleicht eher durch Zufall ereilt oder durch das weise Fäden-ziehen einer Frau. 


Marina Lewycka hat einen warmherzigen Roman geschaffen, in dem sie mit einigen köstlichen Szenen aufwartet. Auch wenn man in einigen Momenten nicht ganz nachvollziehen kann wieso Berthold so durch sein Leben schlurft, fühlt man schließlich doch von der Welt, in der Berthold lebt, umarmt.

4 Sterne

The Lubetkin Legacy von Marina Lewycka
ISBN: 978-0-241-24921-5


Sonntag, 29. Mai 2016

Rivera

Olivia Rönning will ihren Namen in Rivera - den Namen ihrer leiblichen Mutter, die aus Mexico stammte - ändern. Sie hat erfahren, dass sie adoptiert wurde und dass ihre leiblichen Eltern tot sind. Das ändert alles in ihrem Leben. Obwohl sie die Polizeiausbildung erfolgreich beendet hat, will sie die Entscheidung, bei der Polizei zu arbeiten, noch einmal überdenken. Am Abend ihrer Heimkehr nach Schweden findet die Nachbarstochter ihren Vater erhängt im Wohnzimmer. Es sieht so aus als habe er sich selbst getötet. Das junge Mädchen bittet Olivia, ihren Computer aus dem Nachbarhaus zu holen. Auf ihrer Suche nach dem Gerät stößt Olivia auf einige Ungereimtheiten, die sie an der Selbstmordtheorie zweifeln lassen.

Wie ein sicherer Hafen kommt einem das ferne Schweden vor. Allerdings ist man wohl auch dort vor Verbrechen oder persönlichen Tragödien nicht hundertprozentig sicher. Ein schweres Schicksal trifft die junge Sandra, die beim Tsunami bereits ihre Mutter verlor und die nun auch noch um ihren Vater trauern muss. Kann es da ein Trost sein, wenn er sich nicht selbst umgebracht hat. Olivia Rivera möchte dem Mädchen helfen und sie beginnt aus eigenem Antrieb, die Sache zu ergründen. Natürlich nimmt sie auch Kontakt mit ihrer ehemaligen Mentorin und Chefin Mette auf, die mit Olivias Entscheidung alles andere als einverstanden ist. Auch der ehemalige Polizist Tom Stilton, der sich nach einer ganz schlechten Phase wieder gefangen hat, beginnt mit Nachforschungen. Doch zunächst reist er mit einem Freund nach Frankreich, um diesem bei der Suche nach einem Mörder zu helfen.


Ein spannender Kriminalroman, der möglicherweise etwas polarisieren könnte. Manche Leser werden sicher in die Handlung sinken und atemlos wieder auftauchen, wenn der Täter entlarvt ist. Andere wieder haben vielleicht gerade mit dem Eintauchen Schwierigkeiten. Die handelnden Personen bleiben auf Distanz, trotz aller Spannung und der interessanten und perfiden Story, könnte manchmal die Lust fehlen, weiterzulesen. Man mag sich fragen wieso, man findet vielleicht keine richtige Antwort, nur ein Gefühl des „Meins ist das nicht“.

3 Sterne

Die dritte Stimme von Cilla & Rolf Börjlind
ISBN: 978-3-442-75394-9




Samstag, 28. Mai 2016

Schuld

Inspektor Avi Avraham aus der Nähe von Tel Aviv weist die Mutter, die ihren Sohn als vermisst melden will, zunächst ab. Der 16-jährige wird wohl nur kurz abgehauen sein und von selbst wieder auftauchen. Es stellt sich jedoch heraus, dass der Junge sich tatsächlich in Luft aufgelöst zu haben scheint. Mit schlechtem Gewissen wegen seiner Unachtsamkeit macht sich Avraham auf die Suche nach dem Jugendlichen. Ofer hat aber nirgends eine wirkliche Spur hinterlassen, niemand hat ihn gesehen und ein anonymer Hinweis führt auch ins Leere. Alles Suchen und Grübeln über die Hintergründe hilft nicht, der junge Mann bleibt verschwunden.

Mit der Erklärung, dass es kaum Kriminalromane auf Hebräisch gibt, weil es nicht die Verbrechen gibt, über die man schreiben könnte, beschwichtigt Inspektor Avraham die besorgte Mutter. Womit er sich selbst ad absurdum führt, denn das Verbrechen ist vor seinen Augen. Es fehlt möglicherweise nur der Autor, der davon berichtet. Vielleicht ist es gerade so ein Autor, der schließlich von den Ereignissen berichtet. Die Leichtfertigkeit, mit der der Ermittler über die Meldung der Mutter hinweg geht und wie das die Nachforschungen beeinflusst, zieht sich durch den Roman. Der Inspektor kann es sich nicht verzeihen, dass er nicht sofort reagiert hat. Ist ein junger Mensch verschwunden, verringert sich mit jeder Stunde die Wahrscheinlichkeit, ihn lebend wiederzufinden. Und man merkt die aufkeimenden Hoffnungslosigkeit je länger sich die Untersuchung hinzieht.


Ein Vermisstenfall, mal eine Abweichung von den vielen Krimis, die mit einem spektakulären Todesfall beginnen. Als Leser neigt man dazu, sich mit dem Ermittler zu identifizieren und seine Gedanken hinsichtlich seines Versagens, das er mit besonders akribischen Nachforschungen überdecken will, zu übernehmen. Dennoch scheint einiges an der Geschichte nicht zu passen. Eine Dienstreise nach Brüssel trägt etwas zur Verwirrung bei, warum lässt sich eine solche Reise während einer wichtigen Ermittlung nicht verschieben. Und so ist man, während man die sehr gut erarbeitete Lesung von Jörg Hartmann verfolgt, immer mehr irritiert. Avi Avraham scheint zu schnelle Schlüsse zu ziehen und sich von seinen Schuldgefühlen lenken zu lassen. Es wirkt so als ob er zu lange auf Nebensächlichkeiten rumhackt und als er das merkt, scheint er allzu schnell bereit irgendeine schlüssige Erklärung zu akzeptieren. Sein Hobby, Schriftstellern nachzuweisen, dass sie in ihren Kriminalromanen nicht die wahren Täter entlarven, kommt etwas großkotzig rüber. Wehret den Anfängen - möchte man rufen.

3 Sterne

Vermisst von Dror Mishani
ISBN: 978-3-837-12311-1




Freitag, 27. Mai 2016

Literarische Gesellschaft

Die junge Lehrerin Ella kehrt für einen Aushilfsjob in ihre Heimatstadt zurück. Es ist nicht ganz leicht für sie, sich wieder in ihrem alten Zimmer und in ihr altes Leben einzufügen. Besonders weil ihr Vater durch die fortschreitende Demenz immer mehr von seinem Charakter verliert. Jedoch als ein Schüler in einem Aufsatz einen Klassiker falsch zitiert und dann noch behauptet, das sei so geschrieben, ist Ellas Neugier geweckt. Sie geht mit dem falschen Buch in die Bibliothek, um aufzuklären, wie es zu dieser falschen Ausgabe kommen konnte. Die Bibliothekarin entwindet Ella das Buch und gibt keine Erklärungen ab. Und dies ist Ellas erste Begegnung mit einem Mitglied der Literarischen Gesellschaft von Hasenhausen, einer kleinen Stadt in Finnland.

Ella wird das zehnte Mitglied der Literarischen Gesellschaft und im Rahmen der ersten Einladung, die sie als Clubmitglied erhält, verschwindet die Kinderbuchautorin Laura Hermelin im Schnee. Nun will Ella wirklich das Geheimnis um die Literarische Gesellschaft und ihr Das Spiel aufklären. Schritt für Schritt tastet sie sich in die Geschichte. Mit jeder Ungereimtheit, die sie klärt, tauchen neue rätselhafte Hinweise auf. Die Gesellschaft existiert schon seit der Kindheit ihrer Mitglieder und die Regeln sind von diesen Kindern geprägt, die heute älter sind als Ella. Wie konnte es bei allem, was rational erklärbar ist, zu dem seltsamen Verschwinden der literarischen Mutter der Kinder kommen, die heute zu den bekanntesten finnischen Schriftstellern zählen. Ellas Tisch im Café 10 ist noch leer, vielleicht wird die Geschichte ihrer Nachforschungen das erste Buch sein, das ihren Tisch ziert.

Beim Lesen hin und her gerissen zwischen „wie skurril und urig“ und „geht ja gar nicht“ versucht man zu rationalisieren. Kann das sein? Was ist Wahrheit, was ist Traum? Ebenso hartnäckig wie Ella versucht man zu ergründen, was geschehen ist, in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Gibt es einen rechten Zeitpunkt zu verschwinden, wenn man genommen oder gegeben hat, was zu nehmen oder zu geben war. Ist man zerrauft am Ende glimpflich davon gekommen? Eine Handlung mit Ecken und Kanten, an denen man sich stößt. Stöße, die einem aus der angestammten Bahn werfen und so einen anderen Blickwinkel ermöglichen. 

4 Sterne

Lauras Verschwinden im Schnee von Pasi Ilmari Jääskeläinen
ISBN: 978-3-351-03411-5


Donnerstag, 26. Mai 2016

Die große Sünde

Shan und Lokesh helfen bei Wiederaufbau alter tibetischer Schreine. Dabei haben sie die Bekanntschaft mit einem Lama geschlossen, dessen kluge und vorsichtige Handlungen in ihren Augen von großer Erleuchtung zeugen. An einem besonders schönen Tag muss Shan entsetzt mit ansehen wie sich eben jener Lama vor seinen Augen erschießt, eine der größten Sünden, die ein tibetischer Mönch begehen kann. Was kann nur die Ursache für diese Tat sein. Sofort macht Shan sich ins nahe gelegene Kloster auf, um mehr über die letzten Wege des Erleuchteten herauszufinden. Dort allerdings erwarten ihn keine Informationen, sondern er muss mit Grauen feststellen, dass im Innenhof drei weitere Menschen den Tod gefunden haben.

Shan, der ehemalige Ermittler in Peking in Ungnade gefallen und dem Gulag entkommen, beginnt seine Nachforschungen. In großer Dankbarkeit gegenüber seinem Freund Lokesh, der ihn im Lager über die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit hinweg geholfen hat, beschäftigt sich Shan eingehend mit der erhaltenswerten tibetischen Kultur und unternimmt was in seiner Macht steht, um Unheil von der tibetischen Bevölkerung abzuwenden. Die chinesische Staatsmacht sähe es am Liebsten, wenn von der Kultur Tibets nur noch eine Touristenattraktion bliebe. Ein tibetischer Staat, das tibetische Volk - beides soll mit Freude im chinesischen Staat untergehen. Um diese Entwicklung voranzutreiben sind sich Polizei und Geheimdienst fast für nichts zu schade. Doch wer sollte ein Interesse daran haben gleichzeitig eine Nonne, einen ausländischen Fotografen und einen chinesisches Bandenmitglied umzubringen. 


Wie schon gewohnt, entführt Eliot Pattison seine Leser in das Hochland Tibets. Er beschreibt Orte, die kaum je ein Tourist zu sehen bekommt und Begebenheiten, die sicher wahr sein könnten und die ebenso sicher nicht nach außen dringen sollen. Es überschauert einen bei dem Gedanken wie systematisch die Kultur des tibetischen Volkes kaputt gemacht werden soll. Schon Kleinigkeiten werden hergenommen, um Menschen für Jahre in Straflager zu bringen. Verschwindet jemand, gibt es keine Sicherheit, ob er je wieder auftauchen wird. Doch der stille Widerstand der Tibeter und auch Shans intelligent ausgefeilte Ideen, die Wege der Macht zu Gunsten der Schwachen auszunutzen, lassen einen hoffen, dass noch nicht alles verloren ist. Die Reihe um den Ermittler Shan ist ausgesprochen lesenswert und geeignet das Interesse an den Vorgängen in Tibet zu schüren.

4 Sterne

Der tibetische Agent von Eliot Pattison
ISBN: 978-3-352-00677-7


Dienstag, 24. Mai 2016

Wilder Stier

Der Sommer ist heiß in der Camargue. Viele sind im Urlaub, Capitaine Roger Blanc schiebt Dienst auf der Wache. Da er eh nichts Besseres zu tun hat, macht er das nicht ganz ungern. Als er dann zu einem Unfall gerufen wird, bei dem ein wilder Stier beteiligt gewesen sein soll, vermutet er keinen besonderen Einsatz. In der Einöde der Camargue angekommen stellt sich der Unfall doch etwas seltsam dar. Offenbar war das Tier ausgebrochen und hat einem zufällig vorbeifahrenden Radfahrer den Bauch aufgeschlitzt. Allerdings wirkt der Verschluss des Gatters unbeschädigt und ein Zeuge sagt aus, ein weißes Auto sei davon gebraust. Bei genauerer Betrachtung der Leiche, erkennt Blanc den Toten. Es handelt sich um einen bekannten Reporter.

Verglichen mit dem furiosen Beginn gestalten sich die Ermittlungen in diesem zweiten Fall des Capitaine Roger Blanc relativ ruhig. Doch beharrlich und kontinuierlich verfolgen Blanc und seine Kollegen Tonon und Souillard jede noch so kleine Spur. Etwas deutet darauf hin, dass das Tor absichtlich geöffnet wurde. Und es gibt Hinweise, dass der Journalist für einen brisanten Artikel über Vincent van Gogh recherchierte. 


Geschickt verknüpft Cay Rademacher die kleinen Hinweise und Spuren zu einem vielschichtigen Fall. Gleichzeitig bringt er dem Leser die karge Landschaft und den Sport des französischen Stierkampfs nahe. Auch wenn man noch nicht persönlich dort gewesen ist, fühlt man sich doch als wäre man selbst über die Straßen gefahren, hätte den Stier wild schnauben und auf sein Opfer zu stieben sehen. Roger Blanc, wieder etwas gebeutelt durch seine ererbte Ruine, deren Renovierung zwangsweise voranschreitet und das Bankkonto des wackeren Polizisten arg strapaziert, ermittelt akribisch und mit sicherem Händchen für die richtige Spur. Zwar müssen er und seine Mannen auch so manchen Rückschlag hinnehmen, sei es dienstlich oder privat, doch nie verlieren sie ihre Intuition, nach der es noch etwas zu erforschen gibt. Mit ihnen begibt man sich auf den Weg zur Lösung eines verwickelten Falles, schließlich zufrieden und um einige Erkenntnisse reicher.

4 Sterne

Tödliche Camargue von Cay Rademacher
ISBN: 978-3-832-19785-8


Sonntag, 22. Mai 2016

Verborgen

In den Jahren nach dem Franco-Regime ist der junge Juan de Vere froh, eine Anstellung bekommen zu haben. Sein Arbeitgeber Eduardo Muriel ist Filmregisseur und bietet dem jungen Mann damit Zugang zu einer spannenden Branche. Gleichzeitig fungiert de Vere als Privatsekretär und Vertrauter, der mehr von der Familie Muriel mitbekommt als ein einfacher Angestellter. So erfährt Juan schon bald, dass es mit der Ehe der Muriels nicht zum Besten steht. Doch weshalb das so ist, verrät Muriel nicht, ebensowenig wie er zu seiner Augenklappe kam. Dennoch bittet er seinen jungen Adepten, einen älteren Arzt zu bespitzeln, von dem Muriel ein Gerücht zu Ohren gekommen ist, das ihn den Freund in einem anderen Licht sehen lässt.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs in Spanien. Die Diktatur ist vorbei und eine neue Freiheit beginnt. Natürlich ist die Vergangenheit nicht verarbeitet, die Opportunisten, die sich durch die Franco-Herrschaft gewunden haben, wollen nichts mehr von den Verbindungen wissen. Am liebsten soll alles vergeben und vergessen sein. Mal wieder haben die Opfer keine Stimme. Auf die Jungen ist man in gewisser Weise neidisch, da ihnen ganz andere Möglichkeiten der Entfaltung offen zu stehen scheinen. In dieser Ära, in den ersten Jahren nach Ende der Diktatur, tritt de Vere seine erste Anstellung an. So viel freier als es die Älteren gewesen sein mögen, so unsicher ist er doch. Wie ist seine Stellung, was muss er alles für seinen Chef tun, was sind Muriels Beweggründe, was hat zum Scheitern der Ehe seines Arbeitgebers geführt. Zwischen gehorsamen Recherchen und neugierigen Nachforschungen driftet der junge Mann, der schließlich alles wissen will.


Mit seinen Schilderungen der Gesellschaft Spaniens nach dem Regime, mit seiner Darlegung der Gedanken und Empfindungen seiner handelnden Personen fesselt Javier Marías in seiner typischen und bekannten Weise. Auch wenn seine Ausführungen manchmal etwas ausschweifen, kommt er doch immer zu dem Punkt, wo ihm der Leser zustimmt oder doch meint, besser hätte man es kaum sagen können. Selbst zur einer ähnlichen Zeit jung gewesen, aber doch für eingehende politische Kenntnisse zu jung, ist man erstaunt, wie lange in Spanien eine Diktatur herrschte. Gut nachvollziehbar jedoch, das Gefühl der Befreiung und der leider weit verbreitete Wunsch des unter den Teppich Kehrens. Zwar fehlt der besondere Kniff, der einige der Romane des Autors auszeichnet, aber gerade dieses Werk macht etwas anderes leicht, was bei manchen anderen der Bücher gelegentlich nicht ganz einfach ist - das Durchhalten. Von Beginn an sehr interessant und gut lesbar bleibt man während der gesamten Lektüre neugierig auf die nächste treffende Schilderung, den nächsten Baustein, einen weitern herausragenden Satz. Für den Leser ist es ein besonderer Genuss, am großen Können des Autors teilhaben zu können.

4 Sterne

So fängt das Schlimme an von Javier Marías
ISBN: 978-3-10-02429-9