Freitag, 31. März 2017

Flynns Wahrheit

Der Literaturagent Peter Katz wird sehr neugierig als der Autor Richard Flynn ihm ein Exposé und die ersten Seiten eines Romans zukommen lässt. Darin geht es um einen Mord, der vor langen Jahren begangen wurde und in den Flynn verwickelt war. Bevor Katz jedoch mehr erfahren kann verstirbt Flynn an einer schweren Krankheit. Katz kann jedoch nicht von der Sache lassen und will nun selbst herausfinden, was Richard in seinem Manuskript zu sagen hatte. Die Suche nach der Wahrheit gestaltet jedoch völlig anders als erwartet.

Die Ereignisse aus der Sicht verschiedener Personen, x-mal das Gleiche lesen? Man könnte befürchten, dass es da zu Längen kommen kann oder gar muss. Doch weit gefehlt, zum Glück. Bei der Wahrheit aus verschiedenen Blickwinkeln kommen recht unterschiedliche Wahrheiten heraus, die sich überschneiden oder ergänzen und manchmal auch ähneln, die aber nie völlig gleich sind. Und das macht einen besonderen Reiz aus. Wie bei der Häutung einer Zwiebel entblättert sich nach und nach ein Gesamtbild, das irgendwie immer noch Rätsel aufgibt. Nicht alles wird komplett geklärt. Jede Wahrheit ist sehr von der Sicht auf die Wirklichkeit der Person geprägt, deren Gedanken gerade im Mittelpunkt stehen. Immer tiefer dringt der Autor in die verschiedenen Schichten vor und wirft dabei immer neue Fragen auf. Wahrhaft angefixt bleibt man an dem Roman kleben. Wenn man als passionierter Leser von Kriminalromanen vielleicht auch gerne eine komplette Aufklärung wünschte, so ist man doch fasziniert von dem geschickten Aufbau der Story, die hinter jeder Ecke eine neue Spur vermuten lässt.


Hervorragend ist hierbei auch die Produktion des Hörbuches, bei dem die unterschiedlichen Teile von unterschiedlichen Lesern vorgetragen werden. Diese wurden ausgesprochen passend für ihre Parts ausgesucht und malen mit ihren Stimmen ein lebendiges Bild der Szenerie. Ein sehr gelungenes Hörbuch für einen sehr gelungenen Roman.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Buch der Spiegel von E. O. Chirovici
ISBN: 978-3-844-52544-1


Donnerstag, 30. März 2017

Savior

Die bekannte Fernsehjournalistin Konstanze Friedrichs wird in einer Klinik als Patientin aufgenommen. Sie wird behandelt von Dr. Nadja Schönberg, die selbst ein traumatisches Ereignis überwinden musste. Doch Nadja fühlt sich gut und in der Lage die Behandlung der Promi-Patientin zu übernehmen. Sie ist überzeugt, Konstanze helfen zu können. Nadja ist um Neutralität bemüht und sie versucht deshalb, sich die Geschichte ihrer Patientin auch aus der Sicht der weiteren Beteiligten anzuhören. Dabei erlebt sie ein paar Überraschungen, die es ihr erschweren, sich voll und ganz auf Konstanze zu konzentrieren. Auch ein alter Fall lässt Nadja nicht los.

Unbedingt will Nadja Schönberg ihre Kollegin überzeugen, dass sie wieder ganz die Alte ist, dass sie in der Lage ist, einen schwierigen Fall zu übernehmen. Sie freut sich, dass ihr Vorgesetzter, ihr Vertrauen schenkt und ihr die Behandlung dieser außergewöhnlichen Patientin überlässt. Doch nach und nach muss Nadja feststellen, dass die Ereignisse von früher nicht jede Wirkung verloren haben. Etwas Bestimmtes darf sich nicht wiederholen und muss unbedingt verhindert werden. Es ist Nadjas Verantwortung und Nadja ist die Einzige, die die Rettung bringen kann. Immer tiefer versucht sie in die Psyche ihrer Patientin hinein zu fühlen, immer mehr beginnt sie aber auch nachzuforschen, wie deren Mitmenschen die Phase vor der Einlieferung in der Klinik erlebt haben. 


Ein besonderes Psychogramm zweier Frauen zeigt die Autorin hier auf. Zwei Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, die aber doch in Wechselbeziehungen stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Wie bei einem Thriller zu erwarten geschieht dies nicht immer zum Besten der handelnden Personen. Unweigerlich wird man von der Geschichte in den Bann gezogen. Was zunächst wie eine normale Behandlung psychischer Probleme beginnt, weitet sich zu einem Rätsel über mögliche Zusammenhänge, das bis zum Ende spannend bleibt. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Hinter allem könnte etwas Verborgenes stecken, eine kleine Manipulation hier oder dort entdeckt, könnte zu gegensätzlichen Schlüssen führen. Und so lässt man sich locken und folgt den Fährten, die die Autorin ausgelegt hat. Man wird feststellen, dass man nicht alles erahnen konnte und ein leises Frösteln bleibt zurück.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Seelenfeindin von Sabine Trinkaus
ISBN: 978-3-7408-0083-3



Dienstag, 28. März 2017

Genesis

Ende des 19. Jahrhunderts lernen sich die Jugendlichen Thomas und Charlie auf einem Elite-Internat kennen. Dort sollen sie lernen wie es ihrer Klasse geziemt, doch sie sollen auch lernen, den Rauch zu beherrschen. Kinder können es nicht, heißt es. Zu Beginn der Pubertät erlangen die Kinder langsam die Fähigkeit. Was aber ist der Rauch? Er entsteht bei jeder Gefühlsregung und scheint aus allen Poren zu quellen. Für die Jungen adliger Herkunft wird es allerdings nicht als angebracht angesehen, zu rauchen. Und so üben sie sich in Selbstbeherrschung und Kühle. Bei aller Beherrschung sind junge Menschen aber auch neugierig und sie wollen das Geheimnis des Rauchs ergründen.

Die so genannten einfachen Menschen dürfen rauchen, sie haben ja sonst nichts zu sagen. Für die vermeintliche Elite wird es allerdings nicht als angebracht angesehen. Und so wird er ein Zeichen der Trennung, dieser Rauch. Einher geht er mit einer Abschottung Englands nach außen. Die Menschen wissen nicht, wie es in anderen Ländern zugeht. Gibt es dort das Phänomen des Rauchs ebenso? Wie die Völker damit um? Sehen sie es als ganz normal oder ebenfalls als Zeichen der Sünde? Gibt es eine Heilung? Bedarf es dieser überhaupt? Nun, auch in England gibt es geheime Bewegungen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Doch haben diese nur lautere Ziele? 

Soll man dieses Buch einfach nur als Roman lesen oder mehr wie ein Gleichnis auf die heutige Gesellschaft? Jedenfalls finden Charlie und Thomas alsbald heraus, dass die Welt nicht so ist, wie es ihnen vorgegaukelt wird. Und das ist sicherlich in die heutige Zeit übertragbar. Es ist an einem selbst, zu überlegen, was man glauben soll oder besser was man glauben kann. Dazu bedarf es eigener Recherche aus verschiedenen Quellen, um einen Querschnitt zu bekommen, aus dem man für sich eine Quintessenz ziehen kann. So wie Charlie und Thomas sich aufmachen, nach der Wahrheit zu suchen und den Versuch starten, sich von der Bevormundung zu befreien, kann man es vielleicht selbst versuchen, getragen von der Hoffnung eine Verbesserung herbei zu führen, aber im Bewusstsein, dass dies nicht immer der Fall sein wird.


Ein packender Roman von Dan Vyleta, der eher von zeitgeschichtlichen Romanen bekannt ist. Auch mit diesem Werk, das vielleicht als Dystopie angesehen werden kann, schafft es der Autor eine düstere Welt erstehen zu lassen, die durchaus Parallelen zur in Teilbereichen nicht allzu schönen Gegenwart aufweist. Man beginnt zu hinterfragen, durch welchen Rauch oder dessen Beherrschung man selbst klein gehalten wird und was man dagegen unternehmen sollte.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Smoke von Dan Vyleta
ISBN: 978-3-570-58568-9




Montag, 27. März 2017

Die Liste

Detective William Fawkes wird zu einem Leichenfund gerufen, wer kaum zu ertragen ist. Was zunächst wie eine Leiche, die erhängt wurde, entpuppt als eine Art zusammengestückeltes Etwas, das an Schauderhaftigkeit kaum zu überbieten ist. Sechs Menschen wurden ermordet, um dieses Gebilde zu schaffen. Und wieso blickt das Fenster in Fawkes’ Wohnung genau auf diesen Fundort? Fieberhaft beginnt die Polizei mit ihren Nachforschungen.Die Opfer sind unbekannt und es scheint keine Verbindung zwischen ihnen zu geben. Als ob das nicht schon schlimm genug ist, taucht auch noch eine Liste auf, mit der weitere Todesfälle angekündigt werden. Und nun beginnt ein Wettlauf mit der Zeit zur Rettung der Menschen, deren Name auf dieser Liste steht.

Welch ein Szenario, schlimmer kann es kaum kommen, sechs unbekannte Tode und sechs Namen auf einer Liste, die sich vermutlich in größter Gefahr befinden. Die ermittelnden Beamten gönnen sich keine Ruhe und setzen ihre privaten Beziehungen aufs Spiel. Hintergründig sind teilweise auch die Beziehungen unter den Polizisten. So ist der leitende Ermittler William Fawkes aus einer Suspendierung zurückgekehrt. Er war in psychiatrischer Behandlung und es ist ungewiss, wie gut er die Erkrankung überstanden hat. Und auch scheinen die Kollegen nicht immer optimal zusammen zu arbeiten.


Mit seinem Erstlingswerk ist dem Autor ein ausgesprochen spannender Thriller gelungen, der einige sehr grausame Szenen aufweist. Ein besonderes Augenmerk wird zusätzlich auf die akribische Ermittlungstätigkeit gelegt, die das Buch sehr spannend macht. Doch manchmal sind die Szenenwechsel etwas abrupt, so dass man einen Moment innehalten muss, um sich kurz noch einmal zu orientieren. Die Namensgebung des leitenden Ermittler als William Oliver Layton-Fawkes kurz Wolf weist zwar zum einen einen gewissen Witz auf, zum anderen ist es aber nicht ganz leicht sich die verschiedenen Versionen seines Namens zu merken und diesen dann auch noch von dem Kollegen Finley zu unterscheiden. Und so ist es manchmal wirklich schwierig am Ball zu bleiben. Weiterhin ist die Handlung hin und wieder wie eine Tour de Force, mit der man sich anfreunden muss. Nicht jedem wird es gelingen. Es kann wohl sein, dass die Zumutung etwas groß gerät. Wieso nach diesem Start noch weitere Bände um Fawkes folgen sollen, bleibt unklar. Leider vermochte dieser zwar mit einer ausgesprochen fiesen und verwickelnden Geschichte punktende Thriller nicht völlig zu überzeugen.

2,5 Sterne (🐳🐳+)

Ragdoll von Daniel Cole
ISBN: 978-3-8437-1471-6


Sonntag, 26. März 2017

Hallo Leipzig 2017

Am Freitag, den 24.03.2017, ging es bei strahlendem Sonnenschein erst zum Zug und damit zur Leipziger Buchmesse. Dank des Sonderhaltes am Messe-Bahnhofs konnte ich mir die Straßenbahn der Ölsardinen sparen und kam sehr entspannt am Messegelände an. Man lernt ja jedesmal dazu und so bin ich diesmal auch gleich zum Presseeingang gegangen. Das ist immer wieder ein tolles Gefühl, wenn man als Blogger zur schreibenden Zunft gezählt wird. Bereits ein paar Tage vor dem Start hatte ich mir die Buchmesse-App vorgenommen und mir markiert, welche Verlagsstände ich gerne besuchen möchte und welche Veranstaltungen mich interessieren (Lob für die Macher der App, die ist sehr informativ). Zusätzlich hatte ich mir noch ein paar andere Termine gesetzt.


Zunächst ging es für mich zu den Aufbau-Verlagen, dort gab es ein paar tolle Bücher zu erfühlen und mit Blicken zu umschmeicheln. Ich freue mich schon sehr auf „Cyrus Doyle und der herzlose Tod“ von Jan Lucas, Start einer neuen Reihe, die auf Guernsey spielt. Die Kanalinseln möchte ich sehr gerne einmal bereisen, selbst wenn es nur literarisch ist. Eine kurze und sehr freundliche Begegnung hatte ich mit Frau Seiler, die beim Aufbau-Verlag unter anderem die Blogger betreut und diese Aufgabe immer mit ein paar persönlichen Worten ausgesprochen sympathisch erledigt. Gerne möchte ich auch „Sweetbitter“ von Stephanie Danler empfehlen, da machen schon die ersten Kapitel Appetit auf mehr.

Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit „Billy the Beast“ von Jörg Menke-Peitzmeyer lesen zu dürfen.   Ein guter Anlass, sich auch die Lesung des Autors anzuhören. Bei dem Debütroman handelt es sich um einen Coming-of-Age Roman. Der wohlbeleibte Bert fühlt sich in seiner Haut nicht wohl und ist wohl nicht nur wegen seines Gewichts ein Außenseiter. Doch er sieht seine Lage mit Ironie und Humor und das hat der Autor bei seiner Lesung bestens zum Ausdruck gebracht. 





Weiter ging es für mich zu den Ständen bekannter und auch nicht ganz so bekannter Verlage, die ich neugierig beäugt habe. Es gibt einfach zu viele schöne Neuerscheinungen, die Augen möchten einem übergehen. Ich wünschte mir, die Tage hätten 48 Stunden mindestens und selbst das würde noch nicht reichen, um all den tollen Büchern gerecht zu werden. 

Sehr neugierig war ich auf eine Veranstaltung mit dem Titel „Der nasse Fisch“. Das kennst du doch, dachte ich. Und tatsächlich der erste Krimi um Kommissar Gereon Rath von Volker Kutscher wurde von dem Zeichner Arne Jysch in Comic-Bilder gekleidet. Autor und Zeichner gaben ein gemeinsames Interview. Mit großem Interesse lauschte ich, wie der Zeichner letztlich das ganze Buch auseinander genommen hat, um es als Comic wieder zusammen zu fügen. Wie gut sich Kutscher und Jysch verstanden und welche Hilfestellung der Autor leisten konnte. Auf die Frage zum Beispiel, ob der Comic nicht auch hätte in Farbe gedruckt werden können, kam zum einen die ehrliche Antwort, dass das eine Kostenfrage sei und anderen aber auch die ebenso ehrliche Antwort, dass es zwar durchaus schon etliche Photographien aus der Zeit gäbe, die aber sehr häufig in schwarz weiß seien. Das Buch scheint ausgesprochen gut in Bilder umgesetzt zu sein. Die ausgesprochen gute Krimi-Reihe um Gereon Rath verdient jede Aufmerksamkeit und eine Graphic Novel kann da genau das Richtige sein.


Nach der Mittagspause hatte ich mich noch mit der Autorin Ellen Dunne verabredet, die ich bisher nur aus dem großen weiten Netz und natürlich von ihren Büchern kannte. Besonders ihr erstes Buch „Wie du mir“, das in Nordirland spielt hat es mir angetan. Mitreißend und intelligent geschrieben erhält man einen Einblick in den Nord-Irland Konflikt. Fast tat es mir ein wenig leid, dass das zweite Buch für mich nur zweiter Sieger war. Interessant war dann Ellens Erfahrung teilen zu dürfen, dass es eben welche gab, die das erste Buch liebten und andere, denen das zweite am besten gefiel. Und nun bin ich sehr gespannt auf das kommende dritte Buch, bei dem es es sich um einen Krimi handeln wird. Ein Krimi - wie für mich gemacht. „Harte Landung“ wird er heißen um im August 2017 beim Insel Verlag erscheinen. Ein wunderbares Treffen, an das ich mich gerne erinnern werde, und eine Bekanntschaft, die sich hoffentlich über das Netz erhalten lässt. Während unseres Gesprächs stakste auch Jussi Adler-Olsen durch die Gegend, der wohl eine sehr anstrenge Signier-Runde und Foto-Session zu überstehen hatte.

Und noch einmal ging es weiter zu dem Lovelybooks Frage Freitag, bei dem der Autor Su Turhan zu Gast war. Er schreibt eine Krimi-Reihe um den Kommissar Zeki Demirbilek, einen Münchner Türken, der gar kein Chef sein möchte. Gerade an den letzten beiden Donnerstagen liefen die ersten Verfilmungen im TV, von denen ich zumindest die Gelegenheit hatte, den ersten Teil zu sehen, der mir sehr gut gefallen hat. Sympathisch und lebhaft gab der Autor zu den vielfältigen Fragen ausführlich und humorig Antwort. Auch ich hatte konnte die Gelegenheit wahrnehmen, eine Frage zu stellen. Das war dann gewissermaßen meine erste Interview-Frage, was mich durchaus zu der Überlegung verleitet, ob ich es nicht auch mal mit einem richtigen Interview versuchen könnte. Schaun wir mal. Teile der Veranstaltungen von Lovelybooks wurden im Übrigen aufgenommen und die Filme wurden auf fb geteilt. Wenn sich alle Gäste zu offen und freundlich geäußert haben, könnte es sich sicher lohnen, mal in die Filme hereinzuschauen.

Und natürlich gab es auch das obligatorische zufällige Treffen mit Sonja und Sina, immer wieder eine Freude.

Mit einem leckeren Frozen-Yogurt im Magen ging es dann auch schon wieder zum Bahnhof und zurück in die Heimat.



Samstag, 25. März 2017

Das Trauma unserer Zeit

Nach seinem Afghanistan-Einsatz soll der Soldat Romain Roller ein paar Tage auf Zypern entspannen. Ein Debriefing sozusagen, eine Verarbeitung. Dies allerdings erweist sich als unmöglich, denn Roller hat nur knapp überlebt während seine Kameraden schwer verletzt wurden oder starben. Wenn man sich schuldig fühlt, kann das Überleben zur Qual werden. Einzig das Zusammentreffen mit einer Journalistin, die er gerade kennengelernt hat, scheint ihm etwas Frieden bringen zu können. Die junge Frau ist jedoch mit einem bekannten französischen Manager liiert. Als dieser durch eine grobe Unachtsamkeit in Schwierigkeiten gerät, erhält er unerwartet Hilfe durch einen politischen Aufsteiger, der seinerseits zumindest zeitweilig die Gunst verloren zu haben scheint.

Journalisten, Krieger, Manager, Politiker - aus diesen Fäden webt die Autorin Karine Tuil ein dichtes Netz. Jeder scheint seinen eigenen Krieg zu führen, der mit rohen und aufwühlenden Worten geschildert wird. Es zeichnet sich ein Bild unserer Zeit, von Haltlosigkeit, Unruhe, Leere gekennzeichnet. Aufstieg und Abstieg sind in Null Komma Nichts möglich. Man wähnt sich sicher, sollte glücklich sein und ist doch nicht zufrieden. Man glaubt, die Gesellschaft stoße einen fort, und muss doch erkennen, dass sich die Meinung eben der Gesellschaft mitunter schneller ändert als der Wind wechselt. Eine heutige Welt, in der man weder sich selbst noch das Gefüge verstehen kann. Machtspiele geben sich den Anschein wichtiger zu sein als alles andere. Die Hauptpersonen sind mit sich selbst nicht im Reinen und die Umgebung sei es persönlich oder beruflich verschlimmert die Lage eher. Echte Hilfe scheint es nicht zu geben, echte Verarbeitung oder Selbsterkenntnis ebenfalls nicht. Wie Blättchen im Wind verändern sich die Situationen, beeinflusst von außen, kaum durch innere Stärke gesteuert. 


Dieser Roman zeichnet ein schwer verdauliches Bild unserer Zeit, traumatisierte Soldaten, selbstgefällige Unternehmer, wetterwendische Politiker, getriebene Journalisten. Starker Tobak, Rauch, an dem man sich wahrlich verschlucken kann. Ein Buch, das erschöpft und nachdenklich macht, das wenig Hoffnung lässt und den Leser mit ausgesprochen harten Szenen konfrontiert. Ein Buch, in dem ein Spiegel vorgehalten wird, dessen Bild sicher nicht jedem gefallen wird. Ein Bild, dessen Veränderung sicher in der Hand eines jeden selbst liegt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Zeit der Ruhelosen von Karine Tuil
ISBN: 978-3-8437-1557-7


Donnerstag, 23. März 2017

Catzinger

Die Mönche Bruder Nil und Bruder Andrei sind einem Geheimnis auf der Spur. Dabei ist Andrei der Gewitztere, allerdings verrät er nicht alles, was er weiß. Bald macht sich Andrei auf den Weg nach Rom, um weitere Spuren zu verfolgen. Doch er kommt nicht wieder zurück, seine Leiche wird neben den Bahngleisen gefunden und sein Tod wird als Selbstmord abgetan. Nil ist entsetzt und er trauert um seinen Freund. Sollte etwa die Ursache von Andreis Tod in seiner Suche zu sehen sein? Bruder Nil begibt sich auf die Spuren seines verstorbenen Mitbruders. Ungeachtet der möglichen Gefahren will er hinter das Geheimnis des 13. Apostels kommen.

Ist es wirklich so oder bildet es sich die Kirche nur ein? Sollte das Geheimnis um den 13. Apostel, dessen Existenz nicht wirklich nachgewiesen ist, tatsächlich den Bestand der Kirche wie wir sie kennen bedrohen? Natürlich ist einer der Grundpfeiler des Glaubens die Hoffnung auf die Wiederauferstehung und die Vergebung der Sünden. Aber geht es nicht auch um das Wort, die Nächstenliebe und die guten Taten, den Wunsch nach Frieden? Was wenn es zu Lebzeiten Jesu tatsächlich anders zugegangen als wir wie selbstverständlich annehmen? Was wenn die Apostel untereinander zerstritten gewesen wären, wenn es einen 13. Apostel gegeben hätte und wenn dieser eine andere Meinung vertreten hätte als Petrus?


Sehr interessant wie der Autor seine Geschichte aufbaut, er bringt Gedanken auf, die anders sind. Ein was wäre wenn, das ausgesprochen spannend und nicht belehrend geraten ist. Die Furcht der Kirchenoberen vor dem Verlust der Macht und was sie sie alles tun, nur um ihre Position zu erhalten, das kommt sehr gut und authentisch heraus. Ja, man traut es ihnen zu. Auch toll, mit welcher Hartnäckigkeit Nil die Wahrheit sucht, ohne dabei vom Glauben abzufallen. Seine Einsamkeit ist seine Zuflucht und Jesus bleibt sein Licht. Der Roman bietet einen fesselnden Denkansatz, der wenigstens einem Teil der heutigen Probleme der Religionen untereinander eine Lösungsmöglichkeit bieten könnte.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Geheimnis des 13. Apostels von Michel Benoît
ISBN: 978-3-404-92255-0